Musische Wettbewerbe nach antiker Tradition : Wie Delphi nach Pankow kam

In der Antike gab es nicht nur Olympische Spiele für Sportler, sondern auch Delphische Spiele, bei denen Künstler gegeneinander antraten. In Pankow wurde diese Tradition wiederbelebt. Doch die Bewegung hat mächtige Feinde.

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Wasser statt Feuer: Für die Delphischen Spiele wird Wasser aus Delphi an die Austragungsorte gebracht.
Wasser statt Feuer: Für die Delphischen Spiele wird Wasser aus Delphi an die Austragungsorte gebracht.Foto: IDC

Ausgerechnet eine Mauer will der Internationale Delphische Rat (IDC) errichten, um Menschen und Kulturen zu verbinden. Der Rat hat seinen Sitz in Pankow und initiiert seit der Wende weltweit Künstler-Wettbewerbe nach dem Vorbild der antiken Delphischen Spiele. Nun will das kleine Team um IDC-Gründer Christian Kirsch und Waltraud Kretschmann Schüler animieren, ihre Sicht auf die Welt in Form von Gedichten, Bildern oder Graffiti auf Stellwänden festzuhalten. So soll eine Kunst-Wand quer durch Europa entstehen. "Es klingt natürlich provokant, wenn man in Europa eine Mauer errichten will. Schließlich haben wir gerade jetzt mehr Mauern als je zuvor", sagt IDC-Büroleiterin Waltraud Kretschmann. "Doch Kunst verbindet, und das lässt sich nicht aufhalten." Die “Delphic Art Wall” ist also als bewusster Kontrapunkt gedacht. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass das Projekt gelingt. Am Sonntag wird es bei dem vom IDC mitveranstalteten Abschlussfest der Tourismusmesse ITB präsentiert. Mit dabei ist eine Klasse des Pankower Rosa-Luxemburg-Gymnasiums, die sich schon beteiligt.

Der IDC hat in der Vergangenheit schon ganz andere Projekte gestemmt. Unter anderem sieben Delphische Jugend- und Erwachsenenspiele auf drei Kontinenten. Und er kämpft seit Jahren als David gegen einen mächtigen Goliath, eine in Russland gegründete Konkurrenzorganisation, die die Delphischen Spiele kapern will. Doch der Reihe nach. IDC-Gründer Christian Kirsch, ein ehemaliger Soldat und Unternehmensberater, hatte seit den 1970er Jahren die Idee, die antiken Delphischen Spiele wiederzubeleben. Anders als bei den Olympischen Spielen traten hier nicht Sportler gegeneinander an, sondern Sänger, Tänzer, Schauspieler und Musiker. Im vierten Jahrhundert wurden sie von Kaiser Theodosius als heidnischer Kult verboten. Doch warum sollte man eine solche völkerverbindende Tradition nicht wiederbeleben?, dachte sich Kirsch. Schließlich wurden auch die Olympischen Spiele zu neuem Leben erweckt - auf Initiative eines einzelnen Idealisten, des Franzosen Pierre Coubertin.

Christian Kirsch hat die antiken Delphischen Spiele wiederbelebt.
Christian Kirsch hat die antiken Delphischen Spiele wiederbelebt.Foto: IDC

"Meine Maxime lautet, durch Beharrlichkeit kann man fast jede Hürde überwinden", sagt Kirsch heute. 1994 erreichte er schließlich sein Ziel: Die Gründung des International Delphic Council. Als Gründungsort kam für Kirsch nur ein "geschichts- und kulturträchtiger Ort" infrage. Delphi selbst wäre natürlich erste Wahl gewesen, doch dort klappte es nicht. Nach dem Mauerfall konzentrierte sich Kirsch dann auf Berlin. "Gerade das von seinen Mauern befreite Berlin schien mir geeignet, einen Impuls in die Welt zu setzen", sagt er. Und so wurde das IDC schließlich 1994 im Schloss Schönhausen ins Leben gerufen. Genau gesagt, in jenem Saal in einem der Nebengebäude des Schlosses, in dem zur Wende der Runde Tisch tagte und 1990 eine der vier Zwei-Plus-Vier-Verhandlungen zur Zukunft Deutschlands stattfand. "Dieser Raum war wie für uns gemacht", schwärmt Kirsch, der Pankow bis heute treu geblieben ist. Das IDC hat seinen Sitz in der Berliner Straße.

Waltraud Kretschmann leitet das Büro des IDC in Pankow.
Waltraud Kretschmann leitet das Büro des IDC in Pankow.Foto: Ulrike Scheffer

Weltweit haben sich inzwischen rund 30 nationale und weitere regionale Partnerorganisationen gegründet. Den geplanten Vier-Jahreszyklus für die Delphischen Spiele konnte das IDC zwar nicht einhalten, doch immerhin: In Korea, Malaysia und Russland wurden schon Delphische Spiele ausgetragen, Jugendspiele in Südafrika, den Philippinen, Deutschland und Georgien. Alle zwei Jahre soll es künftig auch europäische Spiele, Delphiaden, geben. Die Bewegung finanziert sich weitgehend durch Sponsoren und Beiträge der Mitgliedsorganisationen. Die Spiele werden jeweils vom Gastgeberland getragen.

Mächtige Konkurrenz

Neben klassischen Kunstkategorien wie Tanz und Schauspiel, Musik und Gesang, Handwerk, Malerei und Fotografie sowie Text wurden zwei neue Wettbewerbskategorien eingeführt: Soziale Künste/Kommunikation und Ökologie. Christian Kirsch und seine Mitstreiter glauben, dass ein solcher Kulturaustausch gerade in der aktuellen Weltlage wichtig ist und verbindend wirken kann. Doch auch andere haben offenbar erkannt, welches Potenzial in Kirschs Idee steckt. In Russland hat sich eine Konkurrenzorganisation gegründet, die das IDC seit Jahren bekämpft und mächtige Fürsprecher in der russischen Politik hat, vor allem in der Moskauer Stadt-Duma. "Das hat viel Unruhe in die Bewegung gebracht", sagt Waltraud Kretschmann. Bisher habe sich der kleine IDC in Pankow aber gegen den Goliath aus Russland behaupten können.

So hat das IDC nun auch sein neuestes Projekt auf den Weg gebracht: Die "Delphic Art Wall". Ein Probelauf mit Kindern und Jugendlichen im indischen Hyderabad hat schon stattgefunden. In Deutschland soll im Juni 2017 die erste Kunst-Wand gestaltet werden: auf dem Pankower Kunstfest am Schloss Schönhausen, wo sonst?

Autor

Ulrike Scheffer schreibt für Pankow


Ulrike Scheffer lebt mit ihrer Familie in einer sogenannten Intelligenzsiedlung in Pankow-Niederschönhausen. Einst lebten hier Wissenschaftler und Künstler, die schaffende Intelligenz der DDR. Einige ihrer Nachbarn wohnen schon seit den 1950er Jahren in der kleinen Straße und können kaum fassen, wie sich ihre Umgebung verändert hat: exklusive Townhäuser, Privatschulen und Müttercafés. Die meisten nehmen es gelassen, denn bei all dem hat sich Pankow seinen eigenen Charme bewahrt. Und deshalb fühlen sich wohl auch die Neubürger hier wohl.

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