Pankower Kiezspaziergang : “Ich bin kein Schwabenhasser”

Stefan Liebich von der Linkspartei sitzt für Pankow im Bundestag. Er ist stolz darauf, dass er es geschafft hat, sich eine Basis jenseits alter Ost-West-Klischees aufzubauen.

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Stefan Liebich in seinem Kiez. Ob die angedeutete Raute der Hände ein Zeichen für seine Karriereplanung ist?
Stefan Liebich in seinem Kiez. Ob die angedeutete Raute der Hände ein Zeichen für seine Karriereplanung ist?Foto: Ulrike Scheffer

Es dauert kaum drei Minuten, da ist Stefan Liebich bei seinem politischen Lieblingsthema angelangt: Rot-Rot-Grün. Dabei wollte er bei unserem Spaziergang eigentlich über seinen Alt-Pankower Kiez sprechen, den Teil seines Wahlkreises, in dem er lebt und in dem er auch sein Wahlkreisbüro angemietet hat. Doch der Spagat zwischen Bundes- und Lokalpolitik gehört für einen Bundestagsabgeordneten nun einmal zum Alltag.

Der 42 Jahre alte Linkenpolitiker sitzt seit 2009 für Pankow im Bundestag. Sein Wahlkreisbüro liegt auf der Breiten Straße, direkt gegenüber der Kirche. Pfarrerin Ruth Misselwitz kenne er gut, sagt Liebich, als er vor der Kirche steht – und erzählt dann gleich, dass deren Mann, der SPD-Politiker Hans-Jürgen Misselwitz, ihn in die SPD-Grundwertekommission eingeladen habe, um über die Außenpolitik der SPD zu diskutieren.

Annäherung an die SPD

Liebich ist Obmann seiner Partei im Auswärtigen Ausschuss des Bundestages. Er hat sich dieses Politikfeld ganz bewusst ausgesucht, obwohl in der Politik eigentlich gilt: Mit Außenpolitik macht man keine Karriere. Und auch im Wahlkreis lässt sich damit nur selten punkten. „Aber hier haben wir nun einmal den größten Dissens mit der SPD“, erklärt Liebich, während er in Richtung des Pankower Rathauses weiterschlendert. „Wenn Rot-Rot-Grün wirklich eine Option werden soll, müssen wir uns vor allem bei diesem Thema zusammenraufen.“

Leicht zu übersehen: Liebichs Wahlkreisbüro in der Breiten Straße.
Leicht zu übersehen: Liebichs Wahlkreisbüro in der Breiten Straße.Foto: Ulrike Scheffer

Liebich selbst gehört dem Reformerflügel seiner Partei an. „Ich falle nicht gleich in Ohnmacht, wenn es darum geht, einen Bundeswehreinsatz zu beschließen“, sagt er. Andere in seiner Partei schon, und bei denen macht er sich mit solchen Aussagen nicht gerade beliebt. „Aber da gibt mir die Situation in Pankow Rückhalt“, erklärt Liebich. Schließlich habe er seinen Wahlkreis 2013 nicht nur zum zweiten Mal direkt gewonnen, sondern in Berlin geschafft, was die Linke auch bundesweit anstrebe. „Ich habe mir eine Basis unabhängig von den alten Ost-West-Klischees aufgebaut.“ Tatsächlich vertritt Liebich mit Pankow einen Wahlkreis, den man längst nicht mehr als klassischen Ostbezirk mit überwiegend linker Stammwählerschaft bezeichnen kann. „Unser Ortsverband besteht zwar vor allem aus älteren Herren“, sagt Liebich. Doch zu seinem Wahlkreis gehörten eben auch das hippe Prenzlauer-Berg-Publikum und die eher bürgerlichen Familien mit Westhintergrund, die nun vermehrt nach Alt-Pankow zögen. „Und für die bin ich offenbar auch wählbar.“

Urbanes Lebensgefühl

Eigentlich ist Liebich sogar einer von ihnen, auch wenn er in Marzahn aufgewachsen ist und schon 1990, mit 18, in die PDS eintrat. Nach der Wende studierte er aber BWL und Wirtschaftsinformatik und arbeitete nebenher bei IBM. „Zu meinen ersten Demos bin ich mit Krawatte gegangen“, erzählt er, inzwischen in der Florastraße angekommen. Mit seinem blauen Anzug, dem offenen Hemd und der großen Umhängetasche fällt er in dieser Gegend, die als inoffizielle Außenstelle des Prenzlauer Bergs in Alt-Pankow gilt, nicht weiter auf. Und die neuen Cafés und Läden, die hier in den vergangenen Jahren entstanden sind, entsprechen auch seinem persönlichen Lebensgefühl. „Auf gewisse Weise bin ich sogar ein Gentrifizierer“, sagt Liebich. Er habe im Prenzlauer Berg gelebt, als viele dort wegziehen mussten, weil sie sich die Mieten nicht mehr leisten konnten, und jetzt wohne er in Pankow in einer ehemaligen Fabrik, deren Sanierung ebenfalls nicht unumstritten gewesen sei. „Das bedeutet aber nicht, dass mir die Gentrifizierung egal wäre, im Gegenteil. Ich finde das durchaus problematisch und sehe hier auch Handlungsbedarf. Ich denke aber, dass man die Menschen, die in solche sanierten Quartiere einziehen, nicht für die Missstände verantwortlich machen darf.“

Er sei kein „Schwabenhasser“, fügt Liebich noch hinzu. Offenbar eine kleine Spitze auf Wolfgang Thierse, der vor Liebich für Pankow – und die SPD – im Bundestag saß.

Lob für die Bezirkspolitik

Liebich hat nun die Mühlenstraße angesteuert. Kein schöner Spazierweg, aber in der Straße befindet sich eine Flüchtlingsunterkunft, die er als positives Beispiel für den Umgang mit Flüchtlingen lobt. „Die Anwohner wurden früh informiert und auf ihre neuen Nachbarn vorbereitet. Deshalb gab es keine Probleme. Aus der Nachbarschaft kommen vielmehr viele Hilfsangebote.“ Am Pankower Bahnhof endet der Kiezspaziergang mit Stefan Liebich. Mit Blick auf die Brache des alten Güterbahnhofs sagt er noch, dass er das an dieser Stelle geplante neue Stadtquartier „Pankower Tor“ durchaus für sinnvoll halte – weil dort Arbeitsplätze geschaffen würden und neben Einkaufsmöglichkeiten auch Wohnungen geplant seien. „Es gibt natürlich immer gute Gründe, etwas abzulehnen, aber es wäre in jedem Fall gut, diese Brache endlich zu beleben.“

Als die M1 in Sicht kommt, sprintet Liebich los. Er ist im Bundestag mit dem arabischen Sender Al Dschasira verabredet, der ihn zur deutschen Griechenland-Politik interviewen möchte. Mit der Tram geht es für ihn von Pankow zurück zur Welt-Politik.

Autor

Ulrike Scheffer schreibt für Pankow


Ulrike Scheffer lebt mit ihrer Familie in einer sogenannten Intelligenzsiedlung in Pankow-Niederschönhausen. Einst lebten hier Wissenschaftler und Künstler, die schaffende Intelligenz der DDR. Einige ihrer Nachbarn wohnen schon seit den 1950er Jahren in der kleinen Straße und können kaum fassen, wie sich ihre Umgebung verändert hat: exklusive Townhäuser, Privatschulen und Müttercafés. Die meisten nehmen es gelassen, denn bei all dem hat sich Pankow seinen eigenen Charme bewahrt. Und deshalb fühlen sich wohl auch die Neubürger hier wohl.

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