Renaturierung der Panke : Streit um Denkmalschutz im Pankower Bürgerpark

Das Mammutprojekt „Panke 2015“ war fast schon in Vergessenheit geraten. Doch nun kommt Bewegung in die Sache - und es hagelt Kritik an der Planung des Senats.

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Die Panke im Bürgerpark. Die rechte Uferseite soll renaturiert werden.
Die Panke im Bürgerpark. Die rechte Uferseite soll renaturiert werden.Foto: Ulrike Scheffer

Pankow ist aufgewacht. Als die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt Ende Juni die Planunterlagen zur Renaturierung der Panke öffentlich machte, war das Großprojekt bei vielen im Bezirk längst in Vergessenheit geraten. Ob Verwaltung, Parteien oder Umweltgruppen, kaum jemand konnte sagen, was da wann genau passieren sollte. Und vor allem: Welche Auswirkungen die Umgestaltung der Panke auf die Grünflächen im Bezirk haben könnte. Doch jetzt wird massive Kritik laut, und auch das Landesdenkmalamt meldet Bedenken an. In Pankow geht es dabei unter anderem um die vorgesehenen Veränderungen im Bürgerpark, denn der steht unter Denkmalschutz.

Große Pläne

Die Planungen für die Renaturierung der Panke laufen schon seit mehr als zwölf Jahren. Entsprechend der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie soll der Fluss, der von Brandenburg kommend durch Pankow über den Wedding nach Mitte fließt, wieder seine natürliche Struktur erhalten. Wo immer es möglich ist, sollen Betonkanäle verschwinden, Böschungen erweitert und Begradigungen beseitigt werden, damit der Fluss frei fließen, sprich mäandern kann. Auch im Pankower Bürgerpark.

 Langes Verfahren

Insgesamt geht es allein in Berlin um fast 18 Flusskilometer, rund drei Viertel davon liegen in Pankow. Ein Mammutprojekt mit vielen Beteiligten und wenig Erfahrungswerten. 2003 fand eine erste Informationsveranstaltung unter dem Label „Tag der Panke“ statt. Vier weitere folgten. 2008 wurden zwei Beteilungswerkstätten für Anwohner und Interessierte organisiert. 2014 sollte mit der Umgestaltung begonnen werden und 2015 alles fertig sein. Schließlich trägt das Ganze den Namen „Panke 2015“. Doch seit dem letzten „Tag der Panke“ 2012 war es ruhig um das Projekt geworden. Inzwischen nennt die Senatsverwaltung 2018 als voraussichtlichen Baubeginn.

Von Pankow über den Pankeradweg in die Stadt
Mit dem Rad entlang der Panke in die Stadt: Eine Entdeckungsreise durch die Stadtnatur mit viel Kiezkultur.Weitere Bilder anzeigen
1 von 26Foto: Ulrike Scheffer
01.07.2015 09:27Mit dem Rad entlang der Panke in die Stadt: Eine Entdeckungsreise durch die Stadtnatur mit viel Kiezkultur.

Mit der Auslegung der Planunterlagen im Zuge des Planfeststellungsverfahrens kam im Sommer wieder Bewegung in die Sache. „Da sah man sich plötzlich mit zwölf Aktenordnern konfrontiert, und das mitten in der Urlaubszeit“, sagt Gerhard Hochhuth. Der pensionierte Pfarrer wohnt in der Pankower Cottastraße, direkt am Bürgerpark. Von seinem Balkon aus hat er einen guten Überblick über den Verlauf der Panke im Bürgerpark – und er hatte schon früh den Verdacht, dass eine Renaturierung nicht nur positive Auswirkungen auf Park und Fluss haben würde.

Bezirk arbeitet noch an Stellungnahme

Hochhuth ist nicht der Einzige, der sich die Planunterlagen genau vorgenommen und seine Bedenken schriftlich geäußert hat. 25 sachliche Einwendungen hat die zuständige Senatsverwaltung erhalten, die teilweise von verschiedenen Personen oder Gruppen eingereicht wurden. Hinzu kommen 25 offizielle Stellungnahmen, von denen einige allerdings erst Ende September erwartet werden. Auch das Bezirksamt Pankow hat nach Tagesspiegel-Informationen um Fristverlängerung gebeten. Der zuständige Stadtrat Torsten Kühne teilte auf Anfrage mit, der Bezirk werde „zeitnah“ eine Stellungnahme abgeben. Erst danach wird die Senatsverwaltung mit der Auswertung beginnen.

 Denkmalamt widerspricht Planern

Das Landesdenkmalamt ist schon weiter. Hier sieht man „problematische Eingriffe“ vor allem im Bürgerpark, wie es in einem Schreiben des Amts an Gerhard Hochhuth heißt. Dass der Bürgerpark unter Denkmalschutz steht, haben die Planer des Panke-Projekts zwar berücksichtigt. Doch der heute als Einheit wahrgenommene Bürgerpark besteht formal aus zwei Teilen. Der Abschnitt zwischen der Panke und der Cottastraße heißt offiziell Volkspark Schönholzer Heide – und ist nicht geschützt. Deshalb soll nur das Panke-Ufer auf der Seite des Volksparks in die Umgestaltung einbezogen werden. In diese Richtung soll der Fluss sein bisheriges Bett verlassen und sich eigene Wege suchen dürfen. Das Landesdenkmalamt stellt allerdings klar: „Zur denkmalgeschützten Fläche gehört der Verlauf der Panke“, wie es in einer schriftlichen Mitteilung an den Tagesspiegel heißt. Auf Nachfrage erklärte die zuständige Mitarbeiterin ergänzend, der gesamte Fluss stehe somit unter Schutz. Eingriffe in den Flussverlauf sind aus ihrer Sicht daher problematisch. Gerhard Hochhuth kann sich also bestätigt fühlen. „Ich frage mich ohnehin, wie das in der Praxis funktionieren soll. Der Fluss kann sich doch nicht an einer Seite schlängeln und gleichzeitig am anderen Ufer gerade verlaufen“, sagt er.

Der Parkabschnitt nördlich der Panke bis zur Cottastraße (Häuser an der Cottastraße im Hintergrund) gehört formal nicht mehr zum denkmalgeschützten Bürgerpark.
Der Parkabschnitt nördlich der Panke bis zur Cottastraße (Häuser an der Cottastraße im Hintergrund) gehört formal nicht mehr zum...Foto: Ulrike Scheffer

Hochhuth hofft, dass der Bürgerpark so erhalten bleibt, wie er ist. „Denn wenn sich die Panke frei entfalten kann, werden die als Volkspark Schönholzer Heide gekennzeichneten Grünflächen wohl verschwinden.“ Ihm liegt ein nicht veröffentlichtes Planungspapier vor, in dem es zu dem Areal heißt: „Wenn die Laufverlagerung der Panke soweit fortgeschritten ist, dass die Benutzung der nördlich angrenzenden Wege nicht mehr erfolgen kann, setzt Phase 2 ein. Nun wird eine Umgestaltung des Parks erforderlich …“ Unter anderem könnten dann Metallstege die alten Wege ersetzen, heißt es im Text weiter. Für Hochhuth wäre das ein ästhetischer Sündenfall. „Ich kann außerdem nicht nachvollziehen, dass man hier von Renaturierung spricht und gleichzeitig allein im Bürgerpark 17 große Bäume fällen will.“ Sogar eine seltene Sumpfzypresse und eine mächtige Eiche seien betroffen. Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu), der das Renaturierungsprojekt begleitet, sieht in den Baumfällungen - 1200 sind es insgesamt - überraschenderweise kein Problem. „Die Vorteile dieses großartigen Ökoprojektes überwiegen eindeutig“, sagte Nabu-Expertin Katrin Koch dem Tagesspiegel.

Metallstege statt Wege

Doch Hochhuth steht mit seiner Kritik nicht allein. Der Landschaftsarchitekt Stephan Strauss hatte schon 2012, damals noch in offizieller Funktion als Mitarbeiter des Landesdenkmalamtes, eine kritische Stellungnahme zum Renaturierungsprojekt „Panke 2015“ verfasst. „Doch die Bedenken wurden nicht berücksichtigt“, sagt Strauss. Heute kämpft er als Privatperson gegen das Vorhaben, schließlich wohnt auch er ganz in der Nähe des Bürgerparks. „Wenn der Fluss mäandert, werden viele weitere Bäume abrutschen. Dann droht der Verlust eines großen Teils des Parkabschnitts“, sagt er. Als Ausgleich sei lediglich eine „standortgerechte Bepflanzung“ vorgesehen. „Das hat mit Parkgestaltung nichts zu tun.“

Ästhetik contra Ökologie

Der Kern des Problems aus Sicht Strauss’: „Hier sollen historische Parkanlagen, die entsprechend ästhetisch gestaltet sind, in Biotope verwandelt werden. Doch man kann der Ökologie nicht alles unterordnen. Jedenfalls nicht in der Stadt.“. Den Erholungsbedürfnissen der Bürger werde damit nicht Rechnung getragen. In seiner schriftlichen Einwendung merkt Strauss unter anderem an, in den Plänen für den Bürgerpark fehlten „Möglichkeiten zum Kontakt, zum Aufenthalt und zum Spielen am Wasser“. Die einst im Bürgerpark vorhandene Badestelle beispielsweise soll nicht wiederhergestellt werden.

Probleme auch im Schlosspark Schönhausen

Strauss mahnt an, auch auf den Schlosspark Buch und den Schlosspark Schönhausen müsse ein kritischer Blick geworfen werden. Das hat das Landesdenkmalamt bereits getan. Zumindest beim Schlosspark Schönhausen. Laut Planunterlagen soll hier eine Annäherung an die „Lennésche Panke“ erreicht werden, die Umgestaltung also nach Vorlagen des berühmten Landschaftsarchitekten Peter Joseph Lenné erfolgen. Konkret gehören dazu beispielsweise Inseln in der Panke. Doch das Landesdenkmalamt ist skeptisch: „Weil sich der hier geplante Pankeausbau zwar auf die Planung Lennés beruft, jedoch nicht dokumentiert und daher nicht nachvollziehbar ist“, heißt es. Im Schlosspark fürchten Umweltschützer außerdem um den Heldbockkäfer. Die Käferart, auch großer Eichbock genannt, ist in Deutschland vom Aussterben bedroht. Der Schlosspark Schönhausen gehört hierzulande zu seinen letzten Refugien. Eine Umgestaltung könnte seinen Lebensraum empfindlich stören, heißt es auch beim Nabu. Weitere Konflikte sind also zu erwarten bei „Panke 2015“.

 

Autor

Ulrike Scheffer schreibt für Pankow


Ulrike Scheffer lebt mit ihrer Familie in einer sogenannten Intelligenzsiedlung in Pankow-Niederschönhausen. Einst lebten hier Wissenschaftler und Künstler, die schaffende Intelligenz der DDR. Einige ihrer Nachbarn wohnen schon seit den 1950er Jahren in der kleinen Straße und können kaum fassen, wie sich ihre Umgebung verändert hat: exklusive Townhäuser, Privatschulen und Müttercafés. Die meisten nehmen es gelassen, denn bei all dem hat sich Pankow seinen eigenen Charme bewahrt. Und deshalb fühlen sich wohl auch die Neubürger hier wohl.

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