Swingmusiker Andrej Hermlin : Pankows Botschafter der 30er

Andrej Hermlin veranstaltet mit seinem Swing Dance Orchestra am Montag Berlins ersten Big Band Battle. Nicht nur auf die Bühne bringt er Vergangenes – sein Leben wirkt wie aus der Zeit gefallen.

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Zeitlos. Andrej Hermlin hat sein Haus in Pankow komplett mit Bauhaus und Art déco eingerichtet.
Zeitlos. Andrej Hermlin hat sein Haus in Pankow komplett mit Bauhaus und Art déco eingerichtet.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Der Anzug ist neu. Und das allein ist schon eine kleine Revolution. Nicht dass Andrej Hermlin vorher in ollen Klamotten herumgelaufen wäre, ganz im Gegenteil. Bis vor Kurzem trug er ausschließlich maßgeschneiderte 30er-Jahre-Anzüge, mit Einstecktuch, versteht sich. Es gehörte ganz einfach zur Retro-Inszenierung des Pankowers dazu, der mit seinem Swing Dance Orchestra seit 30 Jahren versucht, dem Sound von damals so nah wie möglich zu kommen. Unverstärkt, unmodern, originalgetreu.

Wenn nun also Berlins King of Swing an diesem Vormittag in einem modernen, dunkelblauen Einreiher, dunkle Krawatte, ohne Einstecktuch!, empfängt – ist das das Ende der Swing-Bewegung? Er grinst dieses Jim-Carrey-Grinsen, ein bisschen weniger wahnsinnig, doch genauso breit und jungenhaft. Nein, sagt Andrej Hermlin, es ist nur das Ende der Moppeligkeit. 36 Kilo hat er abgenommen in den vergangenen drei Jahren, könne nun Anzüge tragen, „die vorher für mich unerreichbar waren“.

Zwei Big Bands treten im Wintergarten gegeneinander an

Auf der Bühne bleibt also alles beim Alten: Die historischen Pulte, die Mikrofone, die Original-Arrangements – und natürlich die Kostümierung. Schließlich hat sich Andrej Hermlin mit seinen 50 Jahren inzwischen Träume erfüllt, die er gar nicht hatte: ist in New York aufgetreten, hat Säle mit mehr als 2000 Menschen zum Swingen gebracht, sein Orchester gehört zu den bekanntesten Swing-Bands der Welt. Das war nicht unbedingt zu erwarten, als er zwischen den ABBA- und AC/DC-Fans in seiner Klasse für Benny Goodman schwärmte, isoliert von seiner Generation. Doch plötzlich, Anfang der 90er, fingen die Menschen wieder an zu Swing zu tanzen, seine Musik war auf einmal wieder allgegenwärtig. Und so wird am Montag ein weiterer Traum-Baustein hinzukommen: Andrej Hermlin lädt im Wintergarten an der Potsdamer Straße zum ersten Big Band Battle Berlins. Sein Swing Dance Orchestra tritt gegen Ondrej Havelka und die Melody Makers aus Prag an, „eines der besten Swing-Orchester der Welt“, sagt Hermlin.

Der Band-Wettkampf folgt einer Tradition der 30er Jahre in Amerika: Zwei Orchester treten gegeneinander an, das Publikum, die Tänzer, entscheiden, wer gewinnt. Die vorderen Tische im Wintergarten werden für eine kleine Tanzfläche herausgeräumt. „Es wird gemütlich“, sagt Hermlin, und meint damit auch die Bühne, auf der rund 40 Musiker und ein Flügel Platz finden müssen. „Aber gemütlich war es in den damaligen Ballsälen auch.“ Legendär ist der Battle zwischen Chick Webb und Benny Goodman, im New Yorker Savoy Ballroom 1937. „Chick Webb hat gewonnen – zumindest behaupten das die Musiker von Chick Webb“, sagt Hermlin grinsend. Will meinen: Es geht nicht um den Pokal. Ursprünglich wollte er das Publikum mit Stimmzetteln ausstatten, sie zum Urnengang auffordern. „Aber das fanden meine Musiker dann doch etwas zu deutsch.“

Wenn der Vater Benny Goodman auflegte, setzte sich der kleine Andrej vor den Plattenspieler

Hermlin hat es eben gern korrekt, Ungerechtigkeiten ärgern ihn. Wer zu früh kommt, bringt alles durcheinander. Der akkurate Seitenscheitel, der perfekt sitzende Anzug, die polierten schwarzen Lederschuhe wollen nicht so recht passen zum vollgestellten, kleinen Wohnzimmer. Auf dem Flügel stehen neben Notenstapeln auch einige Schwarz-Weiß-Aufnahmen seines Vaters Stephan Hermlin.

Wie kommt das überhaupt, dass der Sohn eines DDR-Schriftstellers und einer Russin ausgerechnet eine Liebe zur Swing-Musik entwickelt hat? Er kann es nicht erklären, es war einfach so. Es gab keine Verbindung zu den USA, seine Mutter hatte mit Jazz wenig am Hut, sein Vater spielte Geige, liebte vor allem Klassik, hatte in seiner großen Plattensammlung aber einige Jazz-Alben. Die Legende sagt, dass der kleine Andrej, wenn mal Benny Goodman lief, die Treppe hinuntergerannt kam und sich neben den Plattenspieler setzte. „Diese Treppe hier“, sagt er und zeigt in den engen Flur. Er hat das Haus seiner Eltern vor einigen Jahren gekauft, eine kleine Tafel am Eingang der Pankower Villa erinnert an den Dichter, der von 1947 bis zu seinem Tod 1997 hier lebte.

Die politische Situation betrachtet er mit Sorge

Seine Frau, die drei Kinder, haben das Haus wieder mit Leben gefüllt – er hat seine Liebe zur Vergangenheit hineingesteckt. Das Haus von 1927 hat er komplett mit Art déco und Bauhaus eingerichtet. Die schwarzen englischen Ledersessel sind von 1936, die Stehlampe von 1932 beleuchtet ein Telefon mit Wählscheibe, Freizeichen vorhanden. Der Plattenspieler – ein Plattenschrank von Grundig, 1952, mit aufwendiger Holzverkleidung – wirkt fast neumodisch inmitten der umfangreichen Bibliothek mit den Gesamtwerken von Schiller bis Goethe.

Altmodisch? Keine Spur! Andrej Hermlin springt in seinem Sessel nach vorn, die braunen Knopfaugen auf einmal ganz wach. Sein Lieblingsthema. Das Sideboard, Prag, 1930, sei doch absolut modern! Nicht verschnörkelt, aber trotzdem verrückt im Design, wie eine Schiffsbrücke. „Ich finde diese Sachen elegant, im wahrsten Sinne zeitlos.“

Wenn man ihn fragt, ob er in der falschen Zeit lebt, wird Andrej Hermlin schnell nachdenklich. „In der damaligen Zeit hätte ich in Deutschland gar nicht überlebt“, sagt er. Der Vater Jude, die Mutter Russin, „ich hätte hier keine Chance gehabt“. Und auch in Amerika sei ja nicht alles so herrlich gewesen. Mit einer Zeitmaschine für ein paar Wochen vielleicht, aber dann schnell wieder zurück. „Generell ist die Zeit, in der wir leben nicht unangenehm“, sagt er, auch wenn er die aktuellen Entwicklungen mit großer Sorge betrachtet. „Es ist nicht unwahrscheinlich, dass wir uns in einigen Jahren in einer ähnlichen Situation wiederfinden wie in der Zeit, als diese Musik modern war.“ Die Entfremdung zwischen Regierenden und Regierten, das Volksgemurmel, das erinnert ihn derzeit ein bisschen an das Ende der DDR. „Ich glaube, dass ein Teil der Bevölkerung verloren gegangen ist. Das Misstrauen ist groß“, sagt er.

Über dem Plattenspieler hängt eine kleine Grafik, sie zeigt seine Großmutter, ein Original von Max Liebermann, der gut mit seinem Großvater befreundet war. Der konnte Deutschland 1939 gerade noch rechtzeitig verlassen. „Ich wäre sehr froh, wenn ich mich irren würde“, sagt Andrej Hermlin und kann doch nicht anders als vom Schlimmsten auszugehen. Realist nennt er sich, wie alle Pessimisten, das ist ihm schon klar. „In meiner Situation, halb Jude, halb Russe, afrikanische Frau, ist es ganz gut, etwas vorsichtig zu sein. Im Fall der Fälle sieht es echt schlecht aus für mich.“ Er lacht zwar herzlich, als er das sagt, ein Haus in Kenia, im Heimatort seiner Frau, hat er sich trotzdem schon gekauft – Plan B, sagt er.

Nach der Wende kandidierte er für die Linken

Er ist eben ein politisch denkender Mensch, kandidierte nach der Wende für die Linken fürs Abgeordnetenhaus. „Gott sei Dank waren unsere Ergebnisse noch so schlecht, dass ich nicht gewählt wurde“, sagt er und grinst. Die Entscheidung zwischen Musik und Politik fiel ihm schließlich nicht schwer. Parteimitglied ist er noch, meldet sich manchmal zu Wort, wenn ihm etwas aufstößt. Für den Wiederaufbau des Stadtschlosses hat er sich eingesetzt, so wie sein Vater einst in der DDR gegen die Sprengung kämpfte.

Wie der Vater, so der Sohn. Das scheint sich fortzusetzen. David Hermlin, 15, wird im Wintergarten mit seinem Vater auf der Bühne stehen, singen und steppen, hat ein festes Engagement im Friedrichstadtpalast. „Er ist viel talentierter als ich“, sagt Hermlin. „Wenn ich ihm heute als 15-Jähriger begegnen würde, ich würde ihn gar nicht verstehen“, sagt der stolze Vater.

Hermlin war mit Sarah Connor auf Tour, ist mit Bushido aufgetreten

Gemeinsam sind sie mit Sarah Connor auf Tour gewesen, auch mit Bushido ist Hermlin schon aufgetreten. Doch das sollen Ausnahmen bleiben. „Man muss auch zu seinem Markenkern stehen“, sagt er, glaubwürdig bleiben. „Und ich habe das Glück, dass das viele Leute hören wollen.“ Hermlin, ausnahmsweise mal optimistisch, glaubt, dass das so schnell nicht vorbeigeht. Das Swing-Revival dauert jetzt schon viel länger als die originale Ära. Und die These, dass die Swing-Fans aussterben, sei ohnehin mathematischer Quatsch. Die 20-Jährigen von damals sind doch längst ausgestorben! Dank der Elektro-Swing-Bewegung wachsen gerade wieder viele junge Leute nach.

Und ihn selbst? Langweilt es ihn nicht irgendwann? „Wenn ich plötzlich Lust habe, Techno-Musik zu machen, dann mache ich das natürlich. Aber die Wahrscheinlichkeit halte ich für sehr gering.“ Klingt eher so, als bliebe es vorerst bei der Mini-Revolution mit den Anzügen.

Big Band Battle im Wintergarten, Potsdamer Straße 96, Tiergarten. Montag, 18. Januar, 20 Uhr. Karten ab 35 Euro. Mehr Infos unter: www.wintergarten-berlin.de

Autor

Ulrike Scheffer schreibt für Pankow


Ulrike Scheffer lebt mit ihrer Familie in einer sogenannten Intelligenzsiedlung in Pankow-Niederschönhausen. Einst lebten hier Wissenschaftler und Künstler, die schaffende Intelligenz der DDR. Einige ihrer Nachbarn wohnen schon seit den 1950er Jahren in der kleinen Straße und können kaum fassen, wie sich ihre Umgebung verändert hat: exklusive Townhäuser, Privatschulen und Müttercafés. Die meisten nehmen es gelassen, denn bei all dem hat sich Pankow seinen eigenen Charme bewahrt. Und deshalb fühlen sich wohl auch die Neubürger hier wohl.

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