Tauschring in Pankow : Putzen gegen Fahrdienst

In Großbritannien gibt es das seit langem: Bürger eines Stadtteils helfen sich gegenseitig beim Einkaufen oder im Garten, ohne dafür Geld zu nehmen. Abgerechnet wird in einer virtuellen Währung.

von
Helga Pahl wirbt für den Tauschring.
Helga Pahl wirbt für den Tauschring.Foto: Ulrike Scheffer

Sie wollen Gäste einladen, können aber nicht kochen? Dann bestellen Sie sich doch einen Mietkoch. Zu teuer? Kein Problem, beim Tauschring Pankow können Sie auch ohne Geld einen Koch für einen Abend finden. Der Haken? Sie müssten beim Tauschring im Gegenzug selbst etwas anbieten, was anderen helfen könnte, ihren Alltag zu bewältigen: Fahrdienste etwa, Gartenarbeit, Massagen, Nachhilfe, Handwerkliches.

Jede Arbeit ist gleich viel wert

40 Mitglieder hat der Pankower Tauschring - und ein breites Angebot. "Es gibt nichts, was es bei uns nicht gibt", sagt Koordinatorin Angela Runge. Auf der Homepage des Tauschrings, kurz Pan-Tau genannt, können Mitglieder Angebote und Gesuche für Dienstleistungen einstellen. Da sich in der Regel nicht zwei Partner finden, die ihre Dienstleistungen direkt austauschen können, wird in einer virtuellen Währung, dem Pan-Tau, abgerechnet. Ein Pan-Tau entspricht dabei einer Stunde Arbeit - egal, welche Leistungen man anbietet. So kostet der Computerdoktor nicht mehr als die Einkaufshilfe.

Vorbild Großbritannien

In Großbritannien gibt es ähnliche Initiativen wie den Pankower Tauschring bereits seit den 1980er Jahren. Sie entstanden, als sich in den harten Reformjahren unter Margaret Thatcher viele Briten nur noch das Nötigste leisten konnten. Vor allem in den traditionellen Arbeitervierteln in den Großstädten wurde der Friseurbesuch zum Luxus, das eigene Auto auch. In diesem Umfeld wurde die Idee geboren, Dienstleistungen unter Nachbarn quasi zu tauschen und dafür Ersatz-Währungen einzuführen. Inzwischen hat sich das Konzept weltweit verbreitet. Auch in vielen Berliner Stadtteilen gibt es seit langem Tauschringe, in Pankow seit rund acht Jahren.

Sprechstunde in der Bibliothek

Helga Pahl (65) ist seit einem Jahr in Pankow dabei. Mittwochs bezieht sie Posten in der Janusz-Korczak-Bibliothek in der Berliner Straße, um für den Tauschring zu werben. Einen kleinen Tisch hat sie dafür aufgebaut und eine Stellwand mit Pan-Tau-Flyern. "Ich bin handwerklich leider gar nicht begabt, kann mir teure Handwerker aber nicht leisten", sagt sie über ihre Motivation, sich dem Ring anzuschließen. Helga Pahl bringt aber auch viel ein, denn sie hat gleich mehrere Berufe gelernt. Die ausgebildete Gartenbauingenieurin arbeitete lange in der Rechtsabteilung eines Verlages und hat schließlich noch eine Ausbildung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie absolviert. "Bei Pan-Tau biete ich vor allem Hypnosen an. Das kann Menschen helfen, die unter einem schwachen Selbstbewusstsein leiden oder sich schwer konzentrieren können", erklärt sie.

Früher hieß es Nachbarschaftshilfe

Für die Pensionärin ist der Tauschring gleichzeitig eine Kontaktbörse. "Bei unseren Gruppentreffen kommen viele Gleichgesinnte, Leute, die sich in ihrem Kiez engagieren wollen." Die gegenseitige Hilfe gehe da auch schon mal übers Tauschen hinaus. "Einmal hat eine Frau Mitglieder des Rings eingeladen, Obst im Garten ihrer Eltern zu ernten", erzählt Helga Pahl. Auch Gemüse habe sie schon umsonst bekommen. "In meiner Jugend gab es für all das ein einfaches Wort: Nachbarschaftshilfe."

Autor

Ulrike Scheffer schreibt für Pankow


Ulrike Scheffer lebt mit ihrer Familie in einer sogenannten Intelligenzsiedlung in Pankow-Niederschönhausen. Einst lebten hier Wissenschaftler und Künstler, die schaffende Intelligenz der DDR. Einige ihrer Nachbarn wohnen schon seit den 1950er Jahren in der kleinen Straße und können kaum fassen, wie sich ihre Umgebung verändert hat: exklusive Townhäuser, Privatschulen und Müttercafés. Die meisten nehmen es gelassen, denn bei all dem hat sich Pankow seinen eigenen Charme bewahrt. Und deshalb fühlen sich wohl auch die Neubürger hier wohl.

1 Kommentar

Neuester Kommentar