Verkehr in Berlin-Prenzlauer Berg : Fahrradstraße? Freut sich nicht jeder drauf

In Prenzlauer Berg soll eine Fahrradachse durch den Gleimtunnel entstehen. Einige Anwohner und Händler sind skeptisch. Heute wird das Projekt vorgestellt.

Noch sind in der Stargarder Straße Autos und Fahrräder unterwegs. Bald könnte hier eine Fahrradstraße entstehen.
Noch sind in der Stargarder Straße Autos und Fahrräder unterwegs. Bald könnte hier eine Fahrradstraße entstehen.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Zwei Gruppen Fahrradfahrer treffen vor den rot-weißen Gittern des abgesperrten Gleimtunnels aufeinander. Sie bleiben kurz stehen, unterhalten sich und lotsen ein heranfahrendes Auto an sich vorbei in die Schwedter Straße. Vormittags ist es ruhig am Ende der Gleimstraße – bald für immer? Wenn es nach dem neuen Verkehrsstaatssekretär Jens-Holger Kirchner (Grüne) geht, schon.

Am Dienstag will Kirchner hier Vertretern der Bezirke Pankow und Mitte seine Pläne zur autofreien Gleim- und Stargarder Straße vorstellen. Parallel zur nördlichen Ringbahn würde so eine Fahrradachse entstehen, die autofreies Radeln vom Planetarium in Prenzlauer Berg bis zum Gesundbrunnen in Wedding möglich macht. Nur Anlieger und Anlieferer dürften nach Kirchners Vorschlag hier dann wohl noch passieren. Ist es das, worauf der Kiez gewartet hat?

Händler haben mit dem geschlossenen Gleimtunnel zu kämpfen

Nur gelegentlich kommt rund um den Falkplatz ein Auto vorbei, viele Parkplätze sind leer. "Natürlich ist es leer, es kommt ja keiner mehr, seit der Tunnel zu ist", sagt Kerstin de Sombre aus dem Getränkemarkt im Kiez. Seit Ende Juni ist der Gleimtunnel nun schon gesperrt, nach einem Unwetter war die Straße für Autofahrer nicht mehr sicher und die Gleimstraße fand ihr unfreiwilliges Ende am Falkplatz. Mittlerweile sind die Bauarbeiten abgeschlossen, doch weil weiterhin nicht klar ist, wer die Kosten für die Reparaturen trägt, bleibt die Verbindung bis auf Weiteres geschlossen.

De Sombre führt den kleine Getränkemarkt nur wenige Meter vom Gleimtunnel entfernt. Ihr Markt ist auf Kunden mit Auto angewiesen, doch die bleiben weg. "Seit einem halben Jahr machen wir jeden Monat Verluste. Wenn das hier jetzt eine Fahrradstraße wird, können wir dicht machen." Für den Vorschlag Kirchners findet sie deutliche Worte: "Das ist ein Riesenmist." Ein Problem zwischen Fahrrad- und Autofahrern sieht sie nicht. Bislang lief es ja auch ganz gut hier. Denn Radler gibt es hier im Familienkiez viele.

Abgefahren - Ihre unbeliebtesten Radstrecken
"Enger geht nicht" schreibt uns Klaus Helbig mit einem Foto aus der Buckower Chaussee in Lichtenrade. "Die Autos nebenan haben Platz. Ist doch mal wieder schön. Verkehrt-politik statt Verkehrspoltik in Berlin."Weitere Bilder anzeigen
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11.12.2017 10:56"Enger geht nicht" schreibt uns Klaus Helbig mit einem Foto aus der Buckower Chaussee in Lichtenrade. "Die Autos nebenan haben...

Fahrradfahrer Florian Schumann sieht in der Umgestaltung der Straße einen Gewinn für die Radler und ist begeistert: "Ich fahre auf dieser Strecke immer zum Fußball am Gesundbrunnen. Es wäre toll, wenn hier bald weniger Autos unterwegs wären." Der 28-Jährige ist Unterzeichner des "Volksentscheids Fahrrad" und hofft unter der neuen Verkehrssenatorin Regine Günther auf Verbesserungen für die Berliner Radler. "Wenn nicht mit ihr, mit wem dann?"

Ein paar Meter weiter parkt gerade ein Paketwagen rückwärts aus. Eine Radfahrerin kann auf dem nassen Asphalt gerade noch ausweichen. Gibt es hier vielleicht doch ein Problem?

Zu Stoßzeiten nutzen viele die Strecke als Umgehung

"Jetzt ist es hier vielleicht leer, aber wenn die anderen Straßen voll sind, nehmen viele Autofahrer die Route hier als Abkürzung. Denn hier gibt es keine Ampeln", sagt Christian Thiel. Eine Fahrradstraße hält er für eine "coole Sache".

Marjolein und Sebastian haben gerade Nachwuchs bekommen – zehn Tage ist das Kleine gerade einmal alt. "Mehr Platz für Fahrräder ist immer gut", sagt Marjolein. Und mit weniger Verkehr könnte in ein paar Jahren auch das Kleine alleine in der Straße radeln.

Zur besseren Ansicht klicken Sie bitte auf das rote Kreuz.
Zur besseren Ansicht klicken Sie bitte auf das rote Kreuz.Grafik: Pieper-Meyer

Pia Hinze aus Glienicke zirkelt ihren Kleinwagen in eine schmale Lücke am Anfang der Gleimstraße. Sie möchte das verregnete Wetter nutzen, um mit ihrer Tochter einen Film im Kino "Colosseum" anzusehen. "Natürlich ist es gut, wenn Fahrradwege weiter ausgebaut werden. Aber es muss doch auch noch möglich sein, mit dem Auto in die Stadt zu kommen", sagt Hinze. Beruflich mache sie in Berlin Hausbesuche bei alten Menschen, "das geht ohne Auto einfach nicht". Auch Thorsten Geidies ist nicht begeistert von der Idee: "Ich wohne hier und brauche mein Auto. Die Radfahrer fahren hier ja jetzt schon so rücksichtslos, als Autofahrer kommt man da an seine Grenzen."

Durch eine Fahrradstraße sähen viele Händler ihre Existenz in Gefahr

Die sehen die Ladenbesitzer längst überschritten. "Wer soll denn meine Möbel mit dem Fahrrad kaufen?", fragt Habibi El Nasr vom Antiquitätengeschäft "Antik DuKanti". Schon jetzt spüre er durch die Sperrung Verluste. Sollte die Fahrradstraße kommen, will er mit seinem Laden umziehen. Mehr Verständnis zeigt der Besitzer des Kiosks in der Stargader Straße, Manfred Rieck. Die Straße sei zwar breit, doch Autos parken oft in zweiter Reihe und machen die Fahrt für Radler damit gefährlicher. Doch die Straße für Autos gleich ganz zu sperren, könne nicht die Lösung sein: "Wenn das kommt, können hier alle Läden dicht machen."

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Autor

Ulrike Scheffer schreibt für Pankow


Ulrike Scheffer lebt mit ihrer Familie in einer sogenannten Intelligenzsiedlung in Pankow-Niederschönhausen. Einst lebten hier Wissenschaftler und Künstler, die schaffende Intelligenz der DDR. Einige ihrer Nachbarn wohnen schon seit den 1950er Jahren in der kleinen Straße und können kaum fassen, wie sich ihre Umgebung verändert hat: exklusive Townhäuser, Privatschulen und Müttercafés. Die meisten nehmen es gelassen, denn bei all dem hat sich Pankow seinen eigenen Charme bewahrt. Und deshalb fühlen sich wohl auch die Neubürger hier wohl.

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