Wer macht was? : Die Philosophin aus dem Frauenzentrum

Im Frauenzentrum Paula Panke treffen sich viele, die mit dem Leben so ihre Schwierigkeiten haben. Regina Wegner versucht, soziales Leben zu organisieren.

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Regina Wegner engagiert sich im Frauenzentrum Paula Panke.
Regina Wegner engagiert sich im Frauenzentrum Paula Panke.Foto: Ulrike Scheffer

Regina Wegner wohnt zwar nicht in Pankow, doch sie macht sich regelmäßig hierher auf, um ins Frauenzentrum Paula Panke in der Schulstraße zu fahren. Dort arbeitet die 63-Jährige aus Tiergarten seit einiger Zeit im Vorstand mit. Ehrenamtlich. „Viele Frauen, die in des Zentrum kommen, haben Probleme, mit dem Leben zurecht zu kommen, sie haben Brüche erlebt und oft auch finanzielle Sorgen, deshalb finde ich es wichtig, mich hier zu engagieren“, erklärt die fröhliche Frau mit den mütterlichen Zügen. Ihr graues Haar hat sie kurz geschnitten, ein buntes Tuch um den Hals geschlungen. „Ich lebe selbst allein und weiß, wie wichtig es ist, sich ein soziales Leben zu organisieren“, fügt sie hinzu.

Eine feste Größe im Kiez

Das Frauenzentrum bietet Rechts- und Sozialberatung an, aber auch Koch-, Yoga- und Sprachkurse. Regelmäßig findet dort auch ein Frühstück statt, bei dem sich Frauen austauschen können. Pankow, so sagt Regina Wegner, sei zwar ein wohlhabender Stadtteil, doch es gebe auch eine versteckte Armut. Sie selbst ist in einer vergleichsweise komfortablen Lage. Die letzten zwölf Jahre ihres Berufslebens unterrichtete Regina Wegner an einer Privatschule in Nauen, zuletzt in Altersteilzeit. Nun ist sie bis zum Renteneintritt in zwei Jahren freigestellt. Doch auch ihr Leben ist nicht ohne Brüche verlaufen. Geboren in Barth an der Ostsee, arbeitete die promovierte Philosophin in Berlin lange als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Akademie der Wissenschaften der DDR. Nachdem die Akademie nach der Wende abgewickelt wurde, hangelte sich Wegner mit Zeitverträgen an Universitäten durch, musste sich immer wieder neu bewerben. So kam sie an die Viadrina-Universität in Frankfurt, danach nach Potsdam. Zwischendurch verbrachte sie viel Zeit bei einer Freundin in England und schrieb ein Buch. „2000 wurde ich dann auch abgewickelt, als eine der letzten aus der Wissenschaftlergeneration der DDR“, sagt sie.

Neustart mit 50

Das klingt bitter, doch verbittert wirkt Regina Wegner ganz und gar nicht. Sie rappelte sich schnell wieder auf fand neue Aufgaben. Dank ihrer Englischkenntnisse und einem früheren Lehramtsstudium erhielt sie die offizielle Lehrbefähigung, in Nauen Englisch zu unterrichten. „Da bin ich mit 50 noch Lehrerin geworden.“ Und nun bringt sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen bei Paula Panke ein. Dort hat sie einen politisch-philosophischen Dialog initiiert und hält Vorträge über Schriftstellerinnen wie Virginia Woolf, Jane Austen oder Katherine Mansfield. „Manchmal kommen da sogar Männer“, sagt sie schmunzelnd. Und sie unterstützt auch Projekte des Zentrums. Zum Beispiel ein europäisches Theaterprojekt, bei dem Frauen aus Pankow im vergangenen Jahr ihre eigenen Lebenserfahrungen auf die Bühne brachten.

Der Englisch-Stammtisch ist nur eines von vielen Projekten von Regina Wegner.
Der Englisch-Stammtisch ist nur eines von vielen Projekten von Regina Wegner.Foto: Ulrike Scheffer

Beteiligt waren an dem Projekt auch Theatergruppen aus Italien, Großbritannien, Rumänien und Slowenien. Jede Gruppe konnte einen Teil des Stücks gestalten, aufgeführt wurde dann in allen Ländern. Die Pankowerinnen machten den Anfang. Pantomimisch erzählten sie die Geschichte einer in der DDR aufgewachsenen Frau mit Kind und vielen Träumen - Andrea - die nach der Wende mit Existenzsorgen zu kämpfen hat. Immer wieder wird Andrea arbeitslos und sorgt sich um die Zukunft ihres Kindes. Regina Wegner hat den Frauen, die sich beim gemeinsamen Frühstück im Frauenzentrum kennengelernt hatten, bei ihren Vorbereitungen für die Aufführung geholfen, unter anderem, indem sie mit ihnen Englisch lernte. „Sie mussten sich ja mit ihren Projektpartnern unterhalten können“, erklärt sie. Montagmorgens um 10 Uhr treffen sich noch heute einige der Frauen, um gemeinsam ihr Englisch zu pflegen. „Daraus sind richtige Freundschaften entstanden“, sagt Regina Wegner.

Kann sie sich vorstellen, nach Pankow umzuziehen? Sie lacht: „Es ist schon schön hier, aber dazu lebe ich einfach viel zu gern in Tiergarten.“

Autor

Ulrike Scheffer schreibt für Pankow


Ulrike Scheffer lebt mit ihrer Familie in einer sogenannten Intelligenzsiedlung in Pankow-Niederschönhausen. Einst lebten hier Wissenschaftler und Künstler, die schaffende Intelligenz der DDR. Einige ihrer Nachbarn wohnen schon seit den 1950er Jahren in der kleinen Straße und können kaum fassen, wie sich ihre Umgebung verändert hat: exklusive Townhäuser, Privatschulen und Müttercafés. Die meisten nehmen es gelassen, denn bei all dem hat sich Pankow seinen eigenen Charme bewahrt. Und deshalb fühlen sich wohl auch die Neubürger hier wohl.

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