Zeitzeuge der Wende : "Die Macht hatte hier ihren Platz und die Gegenmacht auch"

Der evangelische Pfarrer und Superintendent Werner Krätschell erlebte die Wende 1989 hautnah mit. In seinem Pankower Pfarrhaus trafen sich Oppositionelle, und auch die Stasi war immer in seiner Nähe. Ein Interview.

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Werner Krätschell lebt noch immer in Niederschönhausen.
Werner Krätschell lebt noch immer in Niederschönhausen.Foto: Ulrike Scheffer

Herr Krätschell, Sie haben zur Wende mitten in Pankow gewirkt und waren als Superintendent für 24 evangelische Kirchengemeinden im Norden Berlins zuständig. In Ihrem Umfeld wohnten viele Dissidenten, aber eben auch viele Funktionäre. Wie war da die Stimmung nach der Wende in Pankow? Konnten sich die regimenahen Bürger noch auf die Straße trauen?

Natürlich. Hier gab es keine Guillotine. Das ist wohl der Preis für eine friedliche Revolution. Letztlich hatte doch jeder, der in der DDR gelebt hat, auch ein Konto an Schuld: in Form von Schweigen, Sich-gefallen-lassen, Nicht-protestieren gegen offensichtliche Unmenschlichkeit. Da hat jeder seinen Anteil, ich auch. Und es fällt dann schwer, den Richter zu spielen.

Es gab keine Abrechnungen?

Natürlich haben manche auch einen scharfen Ton gegenüber den alten Eliten angeschlagen. Aber das bestimmte nicht die allgemeine Atmosphäre. Und sie tut es bis heute nicht. Alles, was übertrieben oder mit einer fanatischen Note versehen ist, bleibt hier im märkischen Sand stecken, wie wir es auch manchmal in der Landeskirche erlebt haben.

Inzwischen sind viele Westdeutsche nach Pankow gezogen. Auch das scheint wenig Spannungen zu provozieren, oder?

Im Gegensatz zum Prenzlauer Berg findet hier in Pankow eher eine friedliche Vermischung von neuen und alten Bewohner statt. Schwaben-Bemerkungen wie die von Wolfgang Thierse werden Sie hier nicht hören. Ich führe das auf die historischen Wurzeln dieses Ortsteils zurück. Der erste, im 13. Jahrhundert urkundlich erwähnte Pankower war ein Slawe, der seinen Namen später eingedeutscht hat. Schon die Verschmelzung von Deutschen und Slawen ist hier auf friedlichste Weise verlaufen. Selbst im Schloss Schönhausen hat man immer versucht, die Beziehungen zwischen Adel und Volk auszutarieren. Königin Elisabeth Christine, die Frau von Friedrich dem Großen , hat dort auch Hochzeiten von Niederschönhausener Bauernfamilien feiern lassen. Das hört sich natürlich etwas nach Hollywood an, aber es war so, die Macht hatte hier ihren Platz, die Gegenmacht aber auch.

Wie haben Sie die Wende selbst in Pankow erlebt?

Mein Haus war immer ein Sammelpunkt für Leute, die gefährdet waren, Leute, die Angst hatten, sozusagen zwischen Suizidgedanken und Freude hin- und hergerissen waren. Als Seelsorger habe ich mich bemüht,  eine Vertrauensposition nach allen Seiten aufzubauen, denn nur so konnte ich vermitteln und helfen. Das ist mir auch gelungen, denn das Regime hat schon unterschieden zwischen Leuten, die nur aggressiv waren, und Leuten, die ihnen scharf die Meinung sagten, aber in einem gewissen Sinne auch noch Loyalität übten.

Die Pankower Kirche heute.
Die Pankower Kirche heute.Foto: Ulrike Scheffer

Gab es Druck von der Stasi auf Sie?

Auf mich waren sechs IM angesetzt, darunter mein Stellvertreter, wie ich später aus den Akten erfahren habe. Die Stasi hat alles getan, um einen wunden Punkt bei mir zu finden. Das ist ihr misslungen. Nach der Wende haben wir aber erfahren, dass die Stasi Pläne in der Schublade hatte, unsere junge Pfarrerin Ruth Misselwitz, die noch heute die Gemeinde Alt-Pankow leitet, zu beseitigen. Ruth Misselwitz war zusammen mit ihrem Mann und anderen eine der Schlüsselfiguren im oppositionellen Pankower Friedenskreis. Sie sollte offenbar auf dem Weg zur Arbeit, den sie immer mit dem Fahrrad zurücklegte, überfahren werden.

Wie sind Sie nach der Wende mit diesem Wissen umgegangen?

Ich habe zum Beispiel drei leitende Stasiverantwortliche mit Opfern zusammengebracht, um einen ersten Aufarbeitungsversuch zu starten. Die Kommunisten haben mir angerechnet, dass ich am Runden Tisch nicht ‘nachgetreten’ habe. Deshalb konnte ich auch solche Gespräche zustande bringen. Das war eine hochdramatische Begegnung mit einem Hauch Südafrika, wo es ja nach dem Ende der Apartheid eine nationale Versöhnungskommission gab. Auch bei uns gab es einen Austausch der Erfahrungen, wo die eine Seite berichtete, was sie getan hat und die andere, was sie gelitten hat. Auch Rainer Eppelmann war dabei. Er sagte am Ende einen Satz, den ich nie vergessen werde: ‘Wenn man diesen Abend hier mit uns im Fernsehen gezeigt hätte, wäre das ein Schritt in Richtung Versöhnung’. Leider ist es anders gekommen. Später ging es nur noch um Gut und Böse. Bis heute werden auf diesem Feld ja regelrechte Hexenjagden veranstaltet.

Das evangelische Gemeindehaus auf der Breiten Straße.
Das evangelische Gemeindehaus auf der Breiten Straße.Foto: Ulrike Scheffer

Gibt es besondere Erinnerungen an die Zeit unmittelbar vor dem Mauerfall hier in Pankow?

Eine der ‘Filmszenen’ meines Lebens war sicher, als Gorbatschow Anfang Oktober 1989 nach Berlin kam. Er war im Schloss Schönhausen - damals das Gästehaus der DDR - untergebracht und fuhr direkt an meinem Amtssitz vorbei. Eigentlich hätte seine Kolonne den Weg über die Berliner Straße nehmen müssen, doch dort wurde gebaut. So kam sie über die Mühlenstraße und die Breite Straße. Bei mir saß genau zu dieser Zeit der Stasi-Chef aus Pankow, ein Herr Würzburg, denn am Abend sollte in unserer Kirche eine Veranstaltung stattfinden, in der sich alle Parteien vorstellen wollten. Ich musste als Verantwortlicher befürchten, dass Teilnehmer festgenommen werden könnten oder die Kirche abgeriegelt wird, deshalb hatte ich ihn um ein Gespräch gebeten. Am Vortag hatte die Stasi nämlich unser Gemeindehaus in der Hadlichstraße wegen der dortigen Parteigründung des ‘Demokratischen Aufbruchs’ so abgeriegelt, dass nicht einmal unser Bischof Forck durchgelassen wurde. Und genau während des Gesprächs mit Herrn Würzburg kam der Gorbatschow vorbei. Ich hörte unten die Kinder rufen ‘Gorbi’, ‘Gorbi’ und ging ans Fenster. Dann sagte ich zu Herrn Würzburg: ‚Kommen Sie, wir erleben hier Weltgeschichte’. Das war ja mit Händen zu greifen. Da sagt er: ‚Herr Krätschell, ich will sie nicht kompromittieren!’ Erst in dem Augenblick fiel mir auf, was wir für ein Bild abgaben: Petrus und der Teufel gemeinsam am Fenster. Das hätte die Gläubigen auf beiden Seiten wohl sehr verwirrt. Aber in dem Ganzen muss man eben auch einen Funken Humor behalten. Der Abend in der Kirche fand dann statt ohne Repressalien und ohne dass ich irgendeinen ‘Preis’ dafür gezahlt hätte.

Haben Sie auch Herrn Würzburg wiedergetroffen?

Nein. Das war ein junger sympathischer Mann, den hat sich später wahrscheinlich ein westlicher Geheimdienst geangelt. Ich kenne auch seinen wirklichen Namen nicht, denn die Stasi-Leute hatten Decknamen. Aber es ist doch aufschlussreich, wenn sich ein Stasi-Offizier den Decknamen Würzburg gibt. Dahinter stecken doch wohl Träume vom Westen.

Werner Krätschell arbeitete vor 25 Jahren mitten in Pankow. Sein Pfarrhaus auf der Breiten Straße war vor 25 Jahren ein Fixpunkt der demokratischen Opposition und der friedlichen Revolution. Der evangelische Pfarrer nahm auch als einer der Moderatoren am Berliner Runden Tisch in der Wendezeit 1989/90 teil. Im neuen Pankow-Bolg des Tagesspiegels wird Werner Krätschell fortan monatlich seine Erlebnisse in der Wendezeit in einer Kolumne schildern. Zum Beispiel, wie er Heiligabend 1989 bei Egon Krenz klingelte ...

Autor

Ulrike Scheffer schreibt für Pankow


Ulrike Scheffer lebt mit ihrer Familie in einer sogenannten Intelligenzsiedlung in Pankow-Niederschönhausen. Einst lebten hier Wissenschaftler und Künstler, die schaffende Intelligenz der DDR. Einige ihrer Nachbarn wohnen schon seit den 1950er Jahren in der kleinen Straße und können kaum fassen, wie sich ihre Umgebung verändert hat: exklusive Townhäuser, Privatschulen und Müttercafés. Die meisten nehmen es gelassen, denn bei all dem hat sich Pankow seinen eigenen Charme bewahrt. Und deshalb fühlen sich wohl auch die Neubürger hier wohl.

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