Berlin-Spandau : Fish & Chips, Whisky und britische Soldaten - God save Kladow

Neulich feierten die Schotten in Gatow, in Kladow hisst ein Mann ständig die englische Fahne vor dem "Kladower Hof". Sein Vater war ja auch Soldat. Hier erzählt er die Geschichte.

Schnappschuss aus dem Kneipenalbum: Axel Schulz war auch schon bei Frau Gross hinterm Tresen.
Schnappschuss aus dem Kneipenalbum: Axel Schulz war auch schon bei Frau Gross hinterm Tresen.Foto: promo/Kladower Hof

Der Typ auf dem Foto, der mit der kessen Mütze und dem dicken Daumen, das ist doch … Axel Schulz! Genau, der Boxer war auch schon mal im Dorf, wie die Kladower (16.000 Einwohner) ihr Zentrum nennen.

Und da durfte er bei Ingeborg Groß, 88, auch mal hinterm Tresen des „Kladower Hof“ stehen, allerdings nur für diesen einen Schnappschuss.

100 Jahre im Familiensitz

Das Lokal ist seit 100 Jahren im Familienbesitz, im Sommer wurde groß gefeiert im Süden Spandaus. Seit den 70ern steht in der Familie Ingeborg Groß hinterm Tresen und formt formidable Buletten, unterstützt von ihrem Enkel Simon Bowen, 38. Und der hisst hier im Garten die englische Fahne, bietet im Sommer schon mal „Fish&Chips“ an, schenkt britisches Bier und Whisky aus und veranstaltet am 24. März ein Fest zum „Saint Patrick’s Day“ mit Folkmusik.

Lady Di, die Queen und Kampfjets: Die Geschichte vom Flugplatz Gatow
Blick von oben der Flugplatz Gatow in Kladow mit den Häusern und Schulen auf den einstigen Landebahnen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 44Foto: dpa
22.09.2017 10:13Blick von oben der Flugplatz Gatow in Kladow mit den Häusern und Schulen auf den einstigen Landebahnen.

"Wir sind eine britische Familie"

Warum das alles? „Weil wir eine britische Familie sind“, erzählt Simon Bowen. Der Vater kam als britischer Soldat nach Berlin, war stationiert in den Montgomery-Barracks, die vielen besser bekannt sind als Endstation „Hottengrund“ der Buslinie X34 (Bahnhof Zoo-Kladow). Er verliebte sich im „Kladower Hof“ in Bowens Mutter. Fünf Geschwister sind sie, bekannt und groß geworden im Dorf.

3000 britische Soldaten waren es einst in Spandau

Simon Bowen sieht die alte Kneipe, in der auch die Ortsgruppen von SPD bis CDU bei Pils und Bulette tagen, ein bisschen wie „einen alten britischen Pub, ohne neumodischen Schnickschnack“. Und noch immer kommen britische Soldaten vorbei und trinken ihr Bier.

Die britische Garnison in West-Berlin umfasste einst 3000 Mann, mit Ausnahme des Hauptquartiers am Olympiastadion waren alle Einheiten in Spandau stationiert: drei Infanteriebataillone und eine Panzerschwadron, die alle zwei Jahre wechselten, Royal Air Force und Heeresflieger in Gatow, Pionier- und Transporteinheit. In Spandau hatten sie nicht nur ihren Flugplatz – der heute Museum und Neubaugebiet ist –, sondern auch ihre Einkaufspassage „Britannia Centre“ (was 2012 abgerissen worden ist und Platz machte für einen „Kaufland“), Schulen, eine Kirche, auch einen britischen Ruderclub an der Havel.

In Gatow war neulich schottische Nacht mit alten Alliierten

Und die vielen Soldaten pflegten Kontakte zu normalen Berlinern. Vor ein paar Wochen fand nebenan im Ortsteil Gatow (4300 Einwohner) ein spezieller Kulturabend statt mit viel alliierter Vergangenheit. Es hingen schottische Fahnen in der „Gatower Remise“ – dem ältesten Gebäude des ehemaliges Gutshofes –, Männer spielten Dudelsack, es gab schottische Spezialitäten auf dem Teller, wenn man sie denn so nennen mag, und Whisky. Und es wurden alte Geschichten erzählt von den Alliierten, die in Gatow stationiert waren.

Spandau 2016 in Bildern: Erinnern Sie sich?
Spandau, 2016. Wir erinnern uns beispielsweise gern an diesen Moment am Glienicker See.Weitere Bilder anzeigen
1 von 21Foto: André Görke
16.12.2016 09:08Spandau, 2016. Wir erinnern uns beispielsweise gern an diesen Moment am Glienicker See.

Der Süden des Bezirks zwischen Wald (im Westen), Havel (im Osten) und der großen Stadt (im Norden) ändert sich. Architekten entwerfen dolle Villen, überwucherte Grundstücke werden bebaut, neue Siedlungen entstehen. Jetzt gibt es neue Kindercafés und Bistros, tolle Spielplätze und noch immer alte britische Feste. „Der Dorfcharakter schwindet leider, es gibt Ärger um Lärmschutz, um Straßenfeste, die früher typisch in Kladow waren“ – und im Sommer wieder zum 750-jährigen Bestehen des Dorfes geplant sind. Wer in Erinnerungen schwelgen mag, kann sich die Schwarz-Weiß-Bilder von Kladow an den Wänden anschauen. Und Jazz hören, live. Die neue „Jam-Session“ findet an jedem ersten Freitag im Monat statt – ein bisschen ändert sich der Hof auch.

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Tipps und Adressen für die Ausflugsplanung

Kladower Hof. Steht mittendrin im „Dorf“, Sakrower Landstraße 14.

Räuberspielplatz. Zwischen Hafen und Lidl am Havel-Hang, ziemlich groß und berühmt – sogar die „New York Times“ lobte ihn vor nicht langer Zeit.

Gatower Remise. Unterhalb der Windmühle in Gatow (Buchwaldzeile), an Wochenenden von 11 bis 17 Uhr Hofcafé und Hofladen.

Hannes Café. Liegt nebenan, urig-modern, macht sich einen Namen mit leckerem Kuchen.

Sommercafé. Im neuen „Landhausgarten Max Fränkel“ am Havelufer (Lüdickeweg 1) – ab Karfreitag wieder geöffnet.

Anreise. Mit der Fähre F10 der BVG von Wannsee bis Kladow. Dauer: 20 Minuten. Preis: AB-Ticket.

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