Berlin-Spandau : Spandau, du kannst so hässlich sein ...

.... bist aber eigentlich gar nicht so übel. Ein kleiner Spaziergang für Neu-Berliner durch einen gern unterschätzten Bezirk.

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Da kiekste, Berlin. Hier fahren fast so viel Busse wie am Zoo.
Da kiekste, Berlin. Hier fahren fast so viel Busse wie am Zoo.Foto: André Görke

Spandau lassen Berliner gern spöttisch links liegen. Der Tenor: Puh, viel zu weit draußen, irgendwo hinter der Havel, ohne Clubs, ohne Großstadtflair, vermieftes West-Berlin halt. Typischer Spruch: "Spandau? Pah, war ich noch nie!".

Und damit fängt's ja schon mal an. Das stimmt nämlich in der Regel nicht. Denn der westlichste Bezirk für viele Neuberliner das erste, was sie von der großen Stadt zu sehen bekommen. Wer in Tegel landet, fliegt über Spandau. Wälder, Wasser, die Altstadt mit ihrem Fachwerk. Spandau ist Berlins grüne Schönheit im Westen – auch für alle jene, die mit dem ICE aus Hamburg, Köln oder Frankfurt anreisen und somit erst mal durch Spandau durchmüssen. Oder mit dem Boot: Berlins Kreuzfahrt-Terminal befindet sich am Havelufer der Wilhelmstadt, dem Ortsteil des einstigen Kaisers. 

Tanzen? Och, fahrt ihr mal ruhig alle in die aufgekratzte Stadt

Nur wer halt nicht vorhat, in Szeneclubs die Nächte durchzutanzen, der kann sich hier draußen, tief im Westen, ruhig niederlassen - so schlimm ist's gar nicht. Es gibt etliche Seen, ein wunderschönes Umland und bezahlbaren Wohnraum zur Miete und zum Kauf. Wer es ganz ruhig und ein bisschen teurer mag, ist in Spandau ebenfalls richtig, in den ländlichen Teilorten Gatow und Kladow nämlich. Sie prägen außer Grün und der Nähe zum Wasser Einfamilien- und auch Reihenhäuser.

Apropos jottwede, also „janz weit draußen“: Stimmt nur auf den ersten Blick, ist aber Innenstadtfolklore. Klar, auf der Heerstraße ist immer Stau und die U-Bahnlinie U7 ist die längste der Stadt (32 Kilometer). Mit dem Regionalexpress sind es allerdings von Spandau nur 14 Minuten bis zum Potsdamer Platz. Wer mit der S-Bahn zur Messe oder zum Olympiastadion will, muss sich gar nicht erst hinsetzen (10 Minuten).

Historische Fotos vom Bahnhof Spandau
Das Bild zeigt den Bahnhof Spandau, 1990 (heute S-Bhf: Stresow). Wir gucken gen Westen und stehen auf der heutigen ICE-Trasse.Weitere Bilder anzeigen
1 von 54Foto: Historische Sammlung der Deutschen Bahn AG/Sigmar Weber
31.05.2017 08:29Das Bild zeigt den Bahnhof Spandau, 1990 (heute S-Bhf: Stresow). Wir gucken gen Westen und stehen auf der heutigen ICE-Trasse.

Der Flughafen Tegel ist gleich um die Ecke

Die U7 führt direkt zum Ku’damm und nach Kreuzberg. Für den Lärm unter der Einflugschneise des Flughafens Tegel entschädigt – zumindest saisonweise – der kurze Weg mit dem Taxi in den Urlaub (15 Minuten zum Check-In-Schalter). Und ab 2017, wenn der BER in Betrieb geht - so ist ja immer noch der Plan (Stand: Februar 2016) -, herrscht Ruhe am Himmel. Einen BVG-Bus sollte der Spandauer finden; das Rathaus hat nämlich den Bahnhof Zoo als Berlins wichtigster Busknotenpunkt längst abgehängt (leider sind die Dinger trotzdem immer überfüllt). Für den Ausflug nach Brandenburg nimmt der Spandauer das Fahrrad.

Aber auch Spandau hat Kieze, die als Problemviertel gelten: ob Falkenhagener Feld, Heerstraße Nord oder auch diverse Kieze rings um die Altstadt. Spandau (230.000) hat eben mehr Einwohner als Kassel (195.000), Erfurt (206.000) oder das nahe Potsdam (165.000) auf der anderen Uferseite des Glienicker Sees. Und es war nie der Bezirk der Reichen, eher der piefige und doch charmante Arbeiterbezirk. Die Mieten steigen übrigens auch hier. Viele ziehen mit ihren Familien ins Umland, etwa ins benachbarte Falkensee, das als die am stärksten wachsende Gemeinde Deutschlands seit 1990 gilt.  

Spandau, das war auch schon immer 'ne Marke. Siemens, BMW, Die Ärzte. Und seit 2000 gilt sogar Wladimir Putin irgendwie als Einheimischer: Er wurde hier offiziell zum „Ritter von Spandau“ geschlagen.

Diesen Text in leicht veränderter und aktualisierter Version haben wir unserem Tagesspiegel-Umzugsmagazin "Neu in Berlin" entnommen, auf das wir gern und ein bisschen stolz hinweisen (noch kein Geschenk für die neue Kollegin oder den neuen Nachbarn?). Wir haben's ja selbst produziert. Eine Kurzübersicht zu einigen Ortslagen und Ortsteilen finden Sie auf den nächsten Seiten. Viel Spaß.

Mit der Straßenbahn nach Spandau: Und sie fährt doch!
Und sie fährt doch nach Spandau: Diese alte Straßenbahn steht im Depot für Kommunalverkehr am Monumentenplatz in Schöneberg.Weitere Bilder anzeigen
1 von 94Foto: Imago
06.10.2016 07:51Und sie fährt doch nach Spandau: Diese alte Straßenbahn steht im Depot für Kommunalverkehr am Monumentenplatz in Schöneberg.

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