Berlin-Spandau : Wie die Currywurst in den Wald kam

Die "Waldschänke" steht an der Heerstraße, verkam immer mehr. Jetzt wird dort Wurst verkauft - zur Freude vieler. 2017 soll der Ausbau weitergehen.

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Die Bude, die zwei Macher. Uwe Loewe (links) und Michael Kemmet. Fotos: Kitty Kleist-Heinrich, promo
Die Bude, die zwei Macher. Uwe Loewe (links) und Michael Kemmet.Fotos: Kitty Kleist-Heinrich, promo

Jeder Bezirk ist eine kleine Welt für sich, voller Geschichten, voller Geschichte. Einige davon erzählen wir Woche für Woche in unseren Bezirksnewsletter "Leute". Heute: ein Auszug aus Spandau.

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Die olle „Waldschänke“? Kennt jeder in Spandau. Das Holzhaus liegt an der Heerstraße, drei Buslinien, fünf Fahrspuren, 50.000 Autos täglich. Nur: Die „Waldschänke“ war ewig geschlossen, verrottete im Wald zwischen Frey- und Stößenseebrücke.

Und dann kamen Uwe Loewe, („Ich bin ein Neuköllner Kind“) und sein Kollege Michael Kemmet („Currywurstliebhaber“) und dachten sich: „Och, aus dem Ding in Spandau kann man was machen!“ Im Mai 2016 haben sie die erste Wurst verkauft – und seitdem schreiben sie eine kleine Spandauer Erfolgsgeschichte, jeden Tag und fast jede Nacht.

Blick von der Heerstraße, über die 50.000 Autos rollen. Links die Bude, dahinter der Biergarten, rechts die alte Waldschänke. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Blick von der Heerstraße, über die 50.000 Autos rollen. Links die Bude, dahinter der Biergarten, rechts die alte Waldschänke.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Ob Polizisten, Taxifahrer und BVG-Busfahrer nach Feierabend, ob Handwerker aus dem Havelland, Fahrradfahrer oder Hertha-Fans vorm Heimspiel (das Olympiastadion ist gleich ums Eck): Hier bei „Ketch’up 35“ treffen sich alle im Wald. Der Parkplatz ist vor der Tür, die Warteschlange oft lang. Und in den vollen BVG-Bussen, die auf der Heerstraße routiniert im Stau stehen, fragen sich die Fahrgäste: Was, bitte schön, wollen die alle da drüben vor dieser Bude, die so lange im Dunkeln lag?

100% Berlin: Hier halten Polizisten, Handwerker, Taxifahrer, BSR-Mitarbeiter

Currywurstbuden gibt es ja auch genug in dieser Stadt. Jeder Kiez hat eine (sogar Berlins Fluglinie Air Berlin), jede Imbissbude kann Geschichte und noch mehr Geschichten erzählen. Konnopke, Krasselt’s, Kudamm 195 und natürlich Curry36. Tief im Westen, in Spandau, gab’s seit den 1950ern den „Currypilz“ – der ist mittlerweile Geschichte und die „Waldschänke“ mit den neuen Machern liegt nur wenige hundert Meter die Heerstraße stadteinwärts.

Dabei sind die Imbisschefs Loewe und Kemmet gar nicht so neu. Kemmet gehört zu einer berlinischen Imbissbudenfamilie. „Wir standen früher Jahrzehnte vorm Rathaus Neukölln.“ Sie kochen den Ketchup nach altem Rezept („60 Jahre Familiengeheimnis”), braten heute auch an einem Imbiss an der Gradestraße in Britz. Für die Band „The BossHoss“ haben sie das VIP-Catering gemacht.

"Die Arbeit in Spandau ist wie Urlaub"

„In Pichelswerder wollten wir Ambiente“, erzählt der 52-jährige Loewe, deshalb sprechen sie auch von einer „Pommes-Boutique“. Im Biergarten neben dem Verkaufsstand gibt es Tischdeckchen, Blumen, Magazine und keine Plastikmöbel; hinten im Biergarten läuft Fußball live auf dem Flachbildschirm. „Die Arbeit in Spandau ist wie Urlaub“, erzählt Loewe und lacht. „Hier sind alle entspannt. In Neukölln ist’s hektischer.“ Das Haupthaus neben der Bude wollen sie 2017 reaktivieren. Mit Kamin und Curry, dicken Dielen und dicken Pommes. „Viele ältere Spandauer“, sagt Loewe, „erzählen mir immer noch mit einem Lächeln von der Alten Waldschänke.“ Die würde im Sommer 90 Jahre alt werden.

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Carl-Schurz-Straße, 1950. Rechts die Ratsstuben, ein Haus mit SPD-Logo, in der Mitte das "Odeon"-Kino (1963 geschlossen). Und hinten der Kirchturm von St. Nikolai mit Notdach (das heutige entstand 1989) Foto: Tagesspiegel ArchivWeitere Bilder anzeigen
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07.09.2017 07:15Carl-Schurz-Straße, 1950. Rechts die Ratsstuben, ein Haus mit SPD-Logo, in der Mitte das "Odeon"-Kino (1963 geschlossen). Und...

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