Heute vor 50 Jahren in Berlin : Als der Sowjet-Militärflieger in den Stößensee stürzte

Im April 1966 hatte West-Berlin Glück, weil die Piloten nicht ins Wohngebiet von Westend rasten. Es begann die Stunde der britischen Spione.

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Einsatz an der Stößenseebrücke. Links eine Archivaufnahme, rechts die Stößenseebrücke, über der die Heerstraße verläuft.
Einsatz an der Stößenseebrücke. Links eine Archivaufnahme, rechts die Stößenseebrücke, über der die Heerstraße verläuft.Fotos: Ullstein, André Görke

Einer der Augenzeugen, am Stößensee damit beschäftigt, sein Segelboot aus dem Winterschlaf zu holen, sah nur einen „furchtbar pfeifenden Schatten“, der über ihn „hinweghuschte und dann ins Wasser krachte und eine Fontäne aus dem Wasser hervorschießen ließ“. Vom Funkturm aus erschien einem damals ebenfalls in der „Zeit“ zitierten Augenzeugen die Unglücksmaschine als „deltaförmiges Flugzeug“, das „wie ein Pfeil nach unten“ gestürzt sei.

Und im Tagesspiegel vom 7. April 1966, dem Tag nach dem Absturz, wurde von Berlinern berichtet, die sogar einen Verband von drei Flugzeugen gesehen haben wollten. Plötzlich sei ein Flugzeug „ausgeschert, in etwa 1000 Metern Höhe um die Längsachse getrudelt und dann mit dumpfem Knall auf der Wasseroberfläche aufgeschlagen“.

Der Stößensee befand sich im britischen Sektor

Schon für sich ein spektakulärer Vorfall, zudem tragisch, da keiner der beiden Insassen den Absturz überlebte. Aber es war nicht irgendeine Maschine, die da in den West-Berliner Stößensee, eine Havelausbuchtung zwischen Charlottenburg und Spandau, gefallen war, vielmehr ein hochmoderner sowjetischer Abfangjäger vom Typ Jak-28 P. In Zeiten des Kalten Krieges für die Briten, in deren Sektor sich der See befand, spionagetechnisch ein Glücksfall, hatte ihnen doch der Zufall sowjetische Hochtechnologie in die Hände gespielt. Der Absturz am 6. April 1966, heute vor 50 Jahren, hatte sich gegen 15.30 Uhr ereignet.

Zwölf Minuten nach dem Start versagten die Triebwerke

Offenbar war der Ausfall beider Triebwerke die Ursache, jedenfalls berichtete dies die Witwe des Piloten Hauptmann Boris Kapustin vor einigen Jahren bei einem Besuch des Luftfahrtmuseums Finowfurt nordöstlich Berlins. Auf dem dortigen ehemaligen Militärflugplatz war die Maschine mit anderen während eines Überführungsfluges wegen Triebwerksproblemen zwischengelandet. Nach mehrtägigen Reparaturen sei der Flug fortgesetzt worden, doch zwölf Minuten nach dem Start hätten die Triebwerke der Maschine versagt. In West-Berlin konnten alliierte Funkbeobachter die letzten Minuten des Fluges mitverfolgen.

Der westliche Teil des Stößensee gehörte zu Spandau, der östliche zu Charlottenburg (Westend.)
Der westliche Teil des Stößensee gehörte zu Spandau, der östliche zu Charlottenburg (Westend.)Grafik: Tsp

Wie der „Spiegel“ berichtete, erhielten der Pilot und sein Navigator Oberleutnant Jurij Janow von ihrer Bodenleitstelle die Anweisung, erst auf DDR-Gebiet auszusteigen, auch der letzte Schreckensruf Kapustins nach Durchbrechen der Wolkendecke – „Wohin, Jurij?“ – wurde aufgefangen, bevor die Maschine sich in den Havelschlamm bohrte. Der von den West-Spähern aufgefangene Ausruf macht die vor einigen Jahren von zwei ehemaligen britischen, 1966 in West-Berlin eingesetzten Abhörspezialisten in einer RBB-Sendung verbreiteten Version unwahrscheinlich.

Danach habe der vordere der Besatzungsmitglieder einen Kopfschuss erlitten, sei also möglicherweise Opfer eines Fluchtversuchs geworden. Zudem seien die Treibladungen der Schleudersitze ausgebaut gewesen – Details, die Klaus-Peter Kobbe, Leiter des Luftfahrtmuseums Finowfurt und seit Jahren mit den Hintergründen des Absturzes befasst, für vollkommen unglaubwürdig hält. Zwischen Pilot und Navigator habe sich eine Wand befunden, es sei unmöglich gewesen, dass sie aufeinander schossen.

Eine Heldentat - das war auch die Deutung von Willy Brandt

Offiziell wurde der Absturz sowieso ganz anders dargestellt, der Tod der beiden Flieger geradezu glorifiziert. Nach einer Meldung der sowjetischen Agentur Tass sei das Unglück durch Fehler in der Steuerung verursacht worden. Die Besatzung habe, so sei aus mitgehörten Bordgesprächen deutlich geworden, ihr Leben bewusst geopfert, um einem Absturz auf dichtbesiedeltem Stadtgebiet zu vermeiden. Der Regierende Bürgermeister Willy Brandt schloss sich dieser Deutung an, auch an der 1993 auf der Stößenseebrücke angebrachten Spandauer Gedenktafel ist vom „selbstlosen Einsatz“ der beiden Flieger die Rede.

Zwischen den Sowjets und den Briten ging es dagegen weniger versöhnlich zu. Erstere hatten umgehend die Wachmannschaft vom Sowjetischen Ehrenmal an der Straße des 17. Juni nach Spandau beordert, um die Absturzstelle abzusichern und die Bergung des für die Gegenseite so überaus kostbaren Wracks zu sichern.

Unter Wasser schraubten britische Taucher das Flugzeug auseinander

Ihre Kontrahenten waren aber schneller gewesen und beschieden den Sowjets barsch, hier hätten sie nichts zu suchen, das sei eine rein britische Angelegenheit, bei der sie allenfalls zuschauen könnten. Und so begann die scheinbar so mühevolle, sich über Tage hinziehende Bergung – ein Meisterstück der Spionage.

Die Briten hatten schnell mitbekommen, was ihnen da in die Hände gefallen war. Vom Ufer aus mochte alles seinen regulären Gang gegen, wurden die Leichen der beiden Flieger geborgen und mit allem militärischen Ehren den Sowjets übergeben, sogar ein Dudelsackpfeifer spielte auf. Doch unter Wasser bauten die Spezialisten der Royal Air Force klammheimlich Radaranlage und Turbinen aus, nahmen Materialproben, schickten alles zur Untersuchung nach Farnborough, brachten es zurück und bauten es wieder ein. Erst danach konnte die Bergung offiziell abgeschlossen werden. Das führte zu allerlei Protestnoten und anderem damals üblichen Fingerhakeln, aber ändern konnten die Sowjets nichts.

Erst am 13. April und 2. Mai erhielten sie die auf Flößen gelagerten Wrackreste, nicht ganz komplett und nach langen Debatten, wo genau auf der Havel das erfolgen solle. Es herrschte eben Kalter Krieg, da zählte jeder Meter, jede Schraube und erst recht ein hochgeheimes Radargerät.

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