Tagesspiegel-Archiv : Als die Tour de France durch Spandau rollte

Tour de France 1987 in Berlin: In Spandau gab es BVG-Sonderschiffe, Ärger um Sperrungen in Gatow/Kladow und Jubel um einen Postboten auf der Strecke.

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200 Fahrer, 100 Kilometer. Die Tour de France machte sich 1987 auf den Weg auch nach Spandau.
200 Fahrer, 100 Kilometer. Die Tour de France machte sich 1987 auf den Weg auch nach Spandau.Foto: picture alliance / dpa

Vor 30 Jahren rollte die Tour de France durch Berlin - oder genauer: 106 Kilometer durch West-Berlin. An die Szenen in der Innenstadt können sich viele gut erinnern. Die Tour de France rollte auch durch Spandau. Lesen Sie hier Auszüge aus dem Tagesspiegel-Archiv, als Kladow und Gatow komplett abgeriegelt waren.

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Die Ankündigung: BVG-Fähren im 30-Minuten-Takt über den Wannsee

"Am 2. Juli wird aus Anlass der Tour de France und der Verkehrsunterbrechung nach Gatow/ Kladow der Schiffsverkehr zwischen Kladow und Wannsee sowie Spandau/Lindenufer wesentlich verstärkt. Das Fahrgastplatz-Angebot werde stündlich verdoppelt (auf 1200 Personen). Der Schiffsverkehr Kladow-Wannsee werde im 30-Minuten-Takt abgewickelt." Außerdem gab es damals einen "Liniendienst Kladow-Spandau-Lindenufer" ("pro Schiff 260 Personen").

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Klagen aus Spandau gegen die Komplettabriegelung

Es waren aber längst nicht alle begeistert. Im Süden Spandaus gab es wütende Anwohner, weil Gatow und Kladow drei Stunden abgeriegelt waren. Im Vorfeld der Etappe berichteten wir: "Ein Rechtsanwalt Geulen hat im Auftrag von sieben Bewohnern in Gatow/Kladow beim Verwaltungsgericht den Erlass einer einstweiligen Anordnung gegen die Durchführung der Tour de France am 2. Juli im Bereich Kladow/Gatow beantragt." Dieser Bereich werde für mehrere Stunden vollständig für den Verkehr gesperrt. Der Rechtsanwalt teilte mit, "dass unter den Antragstellern vier Ärzte sind, die befürchten, dass wegen der Abriegelung eine ärztliche Versorgung besonders in lebensbedrohlichen Situationen nicht möglich sein wird." Konter der Veranstalter: Berlin sei nicht "Kleinkleckersdorf". Es wurde aber ein Notfahrdienst mit 20 Kleinbussen eingerichtet.

Berlin-Neukölln, 1987.
Berlin-Neukölln, 1987.Foto: AFP

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Die Strecke: Wedding, Reinickendorf, Rohrdamm ...

Schließlich war der Tag gekommen. Die Tour de France rollte durch alle zwölf Bezirke, heißt: durch alle zwölf Alt-Bezirke. Start war um 9 Uhr 30 vor dem sowjetischen Ehrenmal auf der Straße des 17. Juni. Hierfür wurde die Entlastungsstraße von 8 Uhr an gesperrt. Die Streckenverlauf sah so aus: "Die Strecke führt dann 106 Kilometer über den Weddinger Leopoldplatz, den Reinickendorfer Waidmannsluster Damm und den Charlottenburger Rohrdamm zur Havelchaussee. Über Wannsee zieht die Tourkarawane dann die Potsdamer Chaussee in Zehlendorf entlang und erreicht den Steglitzer Kreisel. Durch Lankwitz geht's dann zum Britzer Damm, die Hermannstraße hinauf und über die Yorckstraße dem Ziel am Rathaus Schöneberg entgegen (...) Am Ziel um das Schöneberger Rathaus werden die Dominicusstraße ab Hauptstraße und die Martin-Luther-Straße zwischen Haupt- und Grunewaldstraße fast den ganzen Tag über gesperrt.

.... Heerstraße, Ritterfelddamm, Kaiserdamm

Nach dem Kompromiss zwischen dem Polizeipräsidenten und sieben Bürgern aus Kladow und Gatow kann auch die 2. Halbetappe von 15 Uhr an wie geplant stattfinden. (...) Die Räder der Profis werden auf der Heerstraße nach Gatow und Kladow rollen und dann über Kaiserdamm und Lietzenburger Straße dem Ziel am Rathaus Schöneberg entgegensteuern."

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Postkarte aus dem Jahr 1930 (oder früher): Insel Imchen am Hafen Kladow mit noch sehr kleinen Bäumen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 92Foto: Imago
07.09.2017 07:15Postkarte aus dem Jahr 1930 (oder früher): Insel Imchen am Hafen Kladow mit noch sehr kleinen Bäumen.

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Das Rennen: "Mit Klappstühlen und Stullen an der Kladower Kurve"

Tagesspiegel-Kolumnist Ekkehard Schwerck (Kürzel: -erk) machte sich am Tag des Rennens auf den Weg nach Kladow und stellte sich an die Strecke. Lesen Sie hier einen Bericht, der im Tagesspiegel erschienen ist mit der Überschrift "Mit Klappstühlen und Stullen an der Kladower Kurve".

"Die durchaus betagte Frau aus Nikolassee hatte am Vormittag die 1. Etappe der Tour de France an der Wannseebrücke gesehen, aber; "pfft-pfft, da waren die schon vorbei". Deswegen wollte sie sich nachmittags in Kladow die 2. Etappe im Mannschaftszeitfahren ansehen. Ein Mann mit Filmapparat und Klappstuhl hatte vormittags Pech mit dem Apparat, der streikte, nun also nach Kladow, um fotografisch in der 2. Etappe einen zweiten Anlauf zu machen. Beide waren auf der BVG-Fähre Wannsee/Kladow, die gestern Tour-bedingt alle halbe Stunde fuhr und zwar immer mit sehr vielen Passagieren.

"Die Feuerwehr spritzte den Staub vom Ritterfelddamm"

Nach dem Tour-Zeitplan sollten die Radler in Alt-Kladow in die Rennkurve Ritterfeld- und Kladower Damm um 15 Uhr 24 sausen; die unvermeidliche "Werbekolonne" schon eine Stunde eher. Gegen 12 Uhr mittags hatte der Alt-Kladower Kontaktbereichsbeamte schon Posten bezogen, gab unermüdlich Auskünfte darüber, daß von 14 Uhr an hier kein Auto mehr fahren dürfe, die BVG-Busse dann und dann aufhören zu rollen.

1987 - ab über den Kaiserdamm.
1987 - ab über den Kaiserdamm.Foto: Jörn Hasselmann

Ein altes Ehepaar hatte sich unter hohen Bäumen bei der Kurve auf einer Parkbank eingerichtet, packte Stullenpakete aus und eine Thermoskanne mit Kaffee: "Hier sitzen wir richtig". Ein libanesischer Medizinstudent hatte die Aufgabe, die großen Plastikpolster in der Kurve und an Laternenpfählen aufzureihen für den Fall der Fälle. Auch diese Plastikdinger tragen Werbeaufschriften. Der Student hatte sie aber so aufgereiht, daß die Aufschriften nicht zu sehen waren. Später kam ein Tour-Kommando, das die Schrift wieder ins Blickfeld setzte ...

"Frenetisches Klatschen, als der Postbote vorbeiradelte"

Polizeiwagen rollten an, Beamte wurden an ihre Plätze gestellt, Feuerwehr kam, nahm Aufstellung und montierte auf dem Spritzenwagen ein Stativ. Dann ein Polizeiwagen mit Lautsprecherdurchsage, 13 Uhr 53,: "Bitte keinen Gegenverkehr mehr zulassen". Der letzte BVG-Bus spie Fahrgäste aus. Allmählich strömten Schaulustige herbei mit Klappstühlen, mit Kind und Kegel und einige auch mit Stullenpaketen. Die Rennkurve war an ihren Rändern dicht bevölkert. Die Feuerwehr fegte Staub von der Kurve, ein Postradler kam und wurde frenetisch beklatscht, er dankte hoheitsvoll und schwenkte in den Angerbereich ein. Eine Autofahrerin wurde nicht mehr Richtung Ritterfelddamm gelassen, mußte wenden und machte deutliche Mundbewegungen "die keine frommen Sprüche bedeuten", wie einer ihre Lippenbewegungen las.

Und dann kam der Tross angeschossen

Nun fiel gegen 13 Uhr 30 wie ein Donnerwetter die Werbekolonne mit unsäglichem Lärm in die Kladower Ortsmitte ein. Und hatte die Feuerwehr soeben die Straße gefegt, so wurde sie nun mit Bonbons und unaufgeblasenen Luftballons übersät. Als der Lärmtrupp mit Gehupe und Getröte endlich vorbei war, auch die Werber von "France Soir" sich mit den - von einem als Drohung gedeuteten - Gruß "Auf Wiedersehen, bis nächstes Jahr" verabschiedet hatten, klaubten die Kladower die Bonbons und 1 Ballons von der Straße. Es war eine fidele Stimmung, auch ohne Freßbuden und Bierstände. Und wie man so wandelte, plauderte und wartete, preschte um 15 Uhr 07, kaum einer hatte sie nahen sehen, die Vorhut der Radler heran, pfiff um die Kurve und war weg, ehe sich alle Hälse hatten recken können - sie kamen 17 Minuten eher als im Programm stand."

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Die Bilanz: Gelassenheit - und 40 Fahrgäste im Notverkehr

Und dann war das Spektakel in Spandau auch schon wieder vorbei. In einer Bilanz stand später im Tagesspiegel: "Die mehrstündige Abriegelung von Gatow und Kladow wurde von der dortigen Bevölkerung nach unseren Beobachtungen mit Gelassenheit hingenommen. Lediglich 40 Personen nutzten den von der Polizei eingerichteten "individuellen Notverkehr" mit 24 Fahrzeugen, um die beiden Ortsteile zu verlassen. Sie wurden auf Waldwegen und Nebenstraßen zur Heerstraße gebracht, wo BVG-Busse bereitstanden. Die Transportservice-Benutzer waren laut Polizei meist Bewohner mit dringenden Arztterminen oder Fluggäste, die ihre Maschine in Tegel erreichen wollten. Einige, darunter drei Ärzte, seien auf dem Weg zur Arbeit gewesen, hieß es."

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