40 Jahre Museumsdorf Düppel : Zu Besuch im Zehlendorfer Mittelalter-Kiez

Seit 40 Jahren gewährt das Museumsdorf Düppel Einblicke in den mittelalterlichen Alltag. Dabei ist das Freilichtmuseum weit mehr als ein bloßes Freizeitvergnügen: Hier wird wissenschaftliche Arbeit geleistet, großteils ehrenamtlich.

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Mamoun Fansa, seit 2011 Vorstandsvorsitzender des Förderkreises Museumsdorf Düppel
Mamoun Fansa, seit 2011 Vorstandsvorsitzender des Förderkreises Museumsdorf DüppelFoto: Anett Kirchner

Ein Schritt kann bisweilen entscheidend sein. In diesem Fall trägt er hinüber in eine andere Welt und andere Zeit; ins Mittelalter - zurück ins zwölfte Jahrhundert. Ein Schritt durch eine wuchtige Eichenholz-Palisade, und man steht im historischen Teil des Museumsdorfes Düppel. Mittendrin in einem originalen, mittelalterlichen Kiez: in „Ur-Zehlendorf“.

Um einen großen, hufeisenförmig angelegten Platz stehen hier Holzhäuser mit Reet gedeckten Dächern. Fenster gibt es nicht. Die Dächer reichen manchmal bis zum Boden. Ein mittelalterlicher Pflug lehnt an einer Hauswand, daneben ein Backofen, vor einem anderen Haus steht ein Webstuhl, wenige Schritte weiter ein Heu-Speicher. Obstbäume tragen Äpfel, Quitten und Pflaumen; alte historische Sorten. Durch die Bäume zieht eine Rauchschwade. Es riecht nach Teer und Holzkohle. Das Freilichtmuseum in Zehlendorf gibt es nunmehr seit 40 Jahren. Und es ist weit mehr als ein bloßes Freizeitvergnügen. Hier wird wissenschaftliche Arbeit geleistet: zum großen Teil ehrenamtlich.

Und so sind an diesem Tag Mitarbeiter des Landesamtes für Denkmalpflege Brandenburg im Museumsdorf Düppel zu Gast. Sie machen experimentelle Untersuchungen mit Teer. Daher der spezielle Geruch. „Sie wollen herausfinden, wie mittelalterliche Holzgrabplatten restauriert werden können“, beschreibt Mamoun Fansa.

Ein Rundgang durch das Museumsdorf Düppel
Zwei von sechs gefundenen Brunnen auf dem Gelände wurden rekonstruiertWeitere Bilder anzeigen
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23.09.2015 11:48Zwei von sechs gefundenen Brunnen auf dem Gelände wurden rekonstruiert

Der pensionierte Archäologe und Professor für Geschichte war jahrelang Direktor des Landesmuseums für Natur und Mensch in Oldenburg. Seit 2011 ist er Vorstandsvorsitzender des Förderkreises Museumsdorf Düppel. Er erläutert, dass die Inschriften der historischen Grabplatten einst mit einer Teermischung ausgefüllt waren: „Und darin hat man kleine Kieselsteine gefunden.“ Nun wollen die Wissenschaftler das Mischverhältnis zwischen Teer und Sand erforschen.

Immer alles im Blick behält dabei Andreas Kurzweil, der im Museumsdorf die Arbeitsgruppe Teerschwele leitet. Es gibt insgesamt 18 Arbeitsgruppen (AG) hier, in denen die aktiven Vereinsmitglieder organisiert sind, wie etwa die AG Wolle, AG Garten, AG Schmiede und AG Korbflechten. Zum einen kümmern sie sich jeweils um ein Haus, zum anderen erforschen und bewahren sie das traditionelle Handwerk.

Die Siedlung ist deutschlandweit einmalig

Speziell zur Teergewinnung wird hier mit der sogenannten Doppeltopfmethode gearbeitet. Dabei hat das obere Gefäß, in dem harzhaltiges Holz unter Luftabschluss erhitzt wird, drei Löcher. So kann der flüssige Holzteer in den Untertopf fließen. Beide Töpfe sind in einer Art Trichter in die Erde eingegraben; in sogenannte Teerschwelgruben. Auf dem insgesamt acht Hektar großen Gelände des Museumsdorfes wurden sechs solcher Gruben aus dem Mittelalter entdeckt.  

Die historische Siedlung in Zehlendorf ist deutschlandweit einmalig. „Weil das komplette Dorf an der Stelle wieder aufgebaut wurde, wo es zuvor auch stand“, sagt Fansa. Die Rekonstruktion habe streng nach archäologischen Befunden stattgefunden. Dass das Dorf überhaupt entdeckt wurde, ist offenbar einem Zufall zu verdanken. Ein Kind soll hier am Krummen Fenn beim Spielen eine mittelalterliche Scherbe gefunden haben. 1967 begannen dann die Ausgrabungen  unter Leitung des damaligen Berliner Landesarchäologen Adriaan von Müller. Durch Verfärbungen im Boden, wo einst die Pfosten der Häuser standen, konnten unter anderem die Grundrisse der Häuser rekonstruiert werden. Immer mehr Siedlungsspuren wie Brunnen, Palisaden, Zäune und Alltagsgegenstände kamen bei den Ausgrabungen zutage; jeweils aus der Zeit des zwölften und 13. Jahrhunderts.

Unter den Archäologen entstand schließlich die Idee, das Dorf als „Museum zum Anfassen“ wieder aufzubauen und ein archäologisches Experimentierfeld zu schaffen. Dafür wurde 1975 der Verein „Fördererkreis Museumsdorf Düppel“ gegründet. Bis 1990 konnten auf dem Gelände 13 Häuser, Öfen, Zäune, Brunnen und Palisaden rekonstruiert werden.

In den ersten 20 Jahren bekam der Verein eine finanzielle Unterstützung vom Land Berlin. Seit 1995 gehört das Museumsdorf Düppel zur Stiftung Stadtmuseum Berlin. Der Verein hat heute 800 Mitglieder. Für den Betrieb und Erhalt der Anlage sorgen vor allem die Ehrenamtlichen. Es gibt aber auch vier feste Mitarbeiter - zwei Tierpfleger, einen Handwerker, eine Verwaltungsleiterin und einen Tischler.

Wissenschaftliches Arbeiten im Verborgenen

Ziel ist es, das tägliche Leben nachzustellen, wie es vor 800 Jahren gewesen sein könnte. So kann man in Düppel auch historische Handwerke wie Töpfern, Schmieden und Wippdrechseln anschauen und ausprobieren. Ferner leben hier Schweine, Schafe und Ochsen; jeweils alte Rassen.

„Anhand der Untersuchungen in Düppel lässt sich auch die Siedlungsgeschichte Berlins und des Umlandes nachbilden“, erklärt Mamoun Fansa. Bereits seit 1989 ist er mit dem Museumsdorf eng verbunden, obwohl er zu dieser Zeit noch nicht in Berlin lebte. Er kam im Zuge einer Ausstellung für experimentelle Archäologie, die er organisierte, hierher. „Als ich zum ersten Mal in Düppel war, überraschte es mich, wie wissenschaftlich hier im Verborgenen gearbeitet wurde“, erinnert sich der Archäologe. Seitdem unterstütze er aktiv die Arbeit des Vereins; organisierte Tagungen, Symposien und Vorträge weltweit. Nach seiner Pensionierung 2011 zog es den gebürtigen Syrer schließlich ganz nach Berlin.

Bis 1990 konnten auf dem Gelände 13 Häuser, Öfen, Zäune, Brunnen und Palisaden rekonstruiert werden
Bis 1990 konnten auf dem Gelände 13 Häuser, Öfen, Zäune, Brunnen und Palisaden rekonstruiert werdenFoto: Anett Kirchner

Jeweils Sonnabend, Sonntag und an Feiertagen hat das Museumsdorf Düppel von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Zwar ist die offizielle Saison in diesem Jahr schon beinahe vorüber, doch hinter den Kulissen geht die Arbeit immer weiter. Zum Beispiel soll ab Oktober die markante Eichenholz-Palisade erneuert werden. Das massive Eingangstor wurde aus Sicherheitsgründen bereits entfernt, weil es marode ist, sagt Fansa. 40.000 Euro kommen von der Lotto-Stiftung Berlin. „Es wird aber ein wenig mehr kosten“, erläutert der Vorstandsvorsitzende. Den Rest trage der Verein.  

Etwa 30.000 Gäste pro Jahr besuchen das Museumsdorf Düppel, darunter rund 6000 Schüler. Tendenz steigend. Der Verein möchte sich gern weiter öffnen und seine Präsenz stärken. Daher wurden beispielsweise der Eingangsbereich zum Dorf verschönert, die Internetseite aufgepäppelt, und es gibt neue, interaktive Schilder im Dorf. Zusätzlich organisiert der Verein auch Ausstellungen und Veranstaltungen, bei denen die Besucher in das Leben einer Gemeinschaft vor 800 Jahren eintauchen können. Also eine andere fremde Welt direkt vor der Haustür. Was sich dabei zeigt: Hin und wieder genügt in der Tat nur ein Schritt, um die Welt aus einer anderen Perspektive zu sehen.

Die nächste größere Veranstaltung im Museumsdorf Düppel ist das Erntefest am 3. und 4. Oktober 2015.

Die Autorin Anett Kirchner ist freie Journalistin, wohnt in Steglitz-Zehlendorf, und schreibt als lokale Reporterin regelmäßig für den Tagesspiegel Zehlendorf. Folgen Sie Anett Kirchner auch auf Twitter.

  

      

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