70 Jahre Kriegsende: Erinnerungen in Berlin-Zehlendorf : "Kind, nicht weinen!"

In Berlin-Zehlendorf gingen die Kämpfe des Zweiten Weltkriegs am 24. April 1945 zu Ende. In der Evangelischen Kirchengemeinde "Zur Heimat" wurde jetzt an diesen Tag gedacht. Es waren Stunden voller schwerer Erinnerungen. Der Tagesspiegel Zehlendorf hat zugehört.

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Andacht und Erinnerung: Die Sitzordnung während des Gottesdienstes war einmal ganz anders als sonst.
70 Jahre Kriegsende in Berlin-Zehlendorf, Andacht und Erinnerung: Die Sitzordnung während des Gottesdienstes war einmal ganz...Foto: Anett Kirchner

„Plötzlich setzten von Teltow her die Stalinorgeln ein. Eine Granate schlug auch in unser Haus ein. Alles war voller Staub. Ich blutete am Kopf. Mein fünfjähriger Bruder hatte seine Zähne verloren. Sie waren ihm gerade frisch gewachsen.“ Es war der 24. April 1945, in Berlin-Zehlendorf.

An diesem Tag, als die Rote Armee mit Panzern über den Teltowkanal rollte, gingen die Kämpfe des Zweiten Weltkrieges in Zehlendorf zu Ende. Was etwa Isolde von Schwander als junge Frau erlebte – Schreckensbilder wie einen toten deutschen Soldaten auf der Knesebeckbrücke, dem man eine Hakenkreuzfahne in den Mund gesteckt hatte – kann sie bis heute ins hohe Alter nicht vergessen. Hunger, Tod und Vergewaltigung. 70 Jahre später am 24. April erzählen Zehlendorfer Zeitzeugen in der Evangelischen Kirche "Zur Heimat" von ihren Erlebnissen.

Was tun, wenn man von solchen schlimmen Erfahrungen aus erster Hand hört? Trösten? Bedauern? Zuhören ist eine Möglichkeit - und das haben die etwa 100 Gäste in der Evangelischen Kirchengemeinde auch gemacht. Es war ein Abend des Erinnerns, des Nachdenkens und des in sich Gehens.

Nicht selten kullerten Tränen, obwohl die Menschen, die die Geschichten erzählten, für die meisten keine nahen Angehörigen, sondern im Grunde Fremde waren. Manche stützten die Hände in den Kopf, starrten ins Leere oder ins Grüne durch die große Fensterwand hinter dem Altar.

Dann Musik. Sanfte, leise Töne, gefühlvoll vorgetragen mit einer Querflöte und Harfe. Zwischen den Erzählungen war es oft still; bedrückend still im Raum. Lediglich das gedämpfte Atmen des Tischnachbarn war zu hören. Die Sitzordnung an diesem Abend wich von der Norm ab. Keine Stuhlreihen, sondern zehn Tische mit Stühlen wie in einem Restaurant für Gespräche in kleinen Gruppen.

Auch der Gottesdienst zu Beginn folgte nicht dem üblichen liturgischen Ablauf. Alle gemeinsam sprachen den Psalm 69 aus der Bibel: „Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle. Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist; ich bin in tiefe Wasser geraten und die Flut will mich ersäufen…“

70 Jahre Kriegsende Zehlendorf
Aufzeichnungen des damaligen Schuldirektors der Schadow-Oberschule vom 24. April 1945Weitere Bilder anzeigen
1 von 10Foto: Anett Kirchner
27.04.2015 10:32Aufzeichnungen des damaligen Schuldirektors der Schadow-Oberschule vom 24. April 1945.

Die Predigt hielt der Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Teltow-Zehlendorf, Johannes Krug: „Wenn wir nicht genau hinschauen, dann übersehen wir, dass immer noch Führerlust und Gehorsamgeist in uns sind.“ Überall, wo Menschen seien, wagten sich jene aus der Deckung. Den Kasernenton höre man heute zwar selten, aber die Machtspielchen seien ungebrochen. „Frieden haben wir nicht, Frieden kann nur werden“, sagte er. 

Eine Zehlendorfer Zeitzeugin, die an der Erinnerungsnacht gern teilgenommen hätte, konnte es aber nicht. Sie schrieb an die Pfarrerin der Kirchengemeinde Zur Heimat, Irene Ahrens-Cornely, einen Brief mit der Entschuldigung: „Bei solchen Veranstaltungen muss ich weinen. Sie machen mich traurig, und ich kann nichts dagegen tun. Vielleicht ist ein Fliegerangriff im März 1945, den ich erlebt habe, der Auslöser?“

Wieder war das ein Moment der bedrückenden Stille in der Kirche. Die, die gekommen waren, kamen im weiteren Verlauf des Abends an den Tischen ins Gespräch. Dabei gingen die Themen über das Kriegsende hinaus. Es wurde auch über Flucht und Vertreibung, Stalin als Befreier und das Überleben nach dem Krieg erzählt. Viele flüsterten, redeten aber sehr schnell. Sie steckten ihre Köpfe dicht zusammen, als könnte man die Erzählungen somit in einem geschlossenen Raum verwahren. Die Gesprächsrunden schienen kleine Leidensgemeinschaften zu werden.

An diesem Tag gingen die Kämpfe des Zweiten Weltkrieges in Zehlendorf zu Ende
An diesem Tag gingen die Kämpfe des Zweiten Weltkrieges in Zehlendorf zu Ende.Foto: Anett Kirchner

Klaus Voigt trug den ganzen Abend eine Chronik bei sich, in der Aufzeichnungen des damaligen Schuldirektors der Schadow-Oberschule vom 24. April 1945 stehen. „Abends müssen wir alle in den Bunker“, heißt es dort und weiter, „da das Haus von Russen besetzt wird. Wir verbringen eine böse Nacht im Bunker, büßen zwei wertvolle Koffer ein…“

Und auch Klaus Voigt selbst erinnert sich an diesen Tag. Er war damals elf Jahre alt, erlebte das Kriegsende in der Machnower Straße, wo er bis heute wohnt. Dort saß er mit seiner Mutter und etwa 30 weiteren Zehlendorfern in einem öffentlichen Luftschutzraum. Dann seien russische Soldaten gekommen. Keiner habe sich getraut etwas zu sagen. Ein Kind habe angefangen zu weinen. Voigt erinnert sich genau an die ersten Worte von einem der Soldaten: „Kind, nicht weinen!“ Dann habe man ihnen die Uhren weggenommen.

Die Gesprächsrunden an den zehn Tischen in der Kirche waren intensiv und aufwühlend.
Die Gesprächsrunden an den zehn Tischen in der Kirche waren intensiv und aufwühlend.Foto: Anett Kirchner

Zum Ausklang dieses bewegenden Abends konnte jeder eine Kerze mit einem Wunsch anzünden. Einer der Jüngsten, etwa zwölf Jahre alt, der die ganze Zeit interessiert zugehört hatte, nahm seinen Mut zusammen, ging nach vorn, zündete eine Kerze an und wollte etwas sagen. Die Worte blieben ihm aber im Halse stecken. Er war offenbar zu aufgeregt und zu gerührt, drückte sich schnell eine Träne weg. Jeder im Raum wusste, was der Junge sagen wollte. Schlichte, aber passende Abschlussworte fand schließlich Pfarrerin Irene Ahrens-Cornely. Sie wünschte allen einen guten Heimweg und eine friedliche Nacht.

 Es gibt ein Buch unter dem Titel „Krieg ist schrecklich, mein Kind!“, das im Männertreff der Evangelischen Kirchengemeinde Zur Heimat entstanden ist. Hier haben 32 Zeitzeugen aus Zehlendorf und Umgebung ihre persönlichen Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg aufgeschrieben.

Die Autorin Anett Kirchner ist freie Journalistin, wohnt in Steglitz-Zehlendorf, und schreibt als lokale Reporterin regelmäßig für den Tagesspiegel Zehlendorf, dem Online-Portal der Zeitung aus dem Südwesten. Folgen Sie Anett Kirchner auch auf Twitter.

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