AlliiertenMuseum in Dahlem : „In diesem Tempo kann es nicht weitergehen“

Bernd von Kostka ist seit April 2016 kommissarischer Leiter des AlliiertenMuseums in der Clayallee. Zum 1. März 2018 wird er die Leitung seinem neuen Chef, Jürgen Lillteicher, übergeben - der dann die Herausforderungen stemmen muss, in den ehemaligen Flughafen Tempelhof umzuziehen und ein Museum des 21. Jahrhunderts dort neu zu schaffen. Ein Interview.

Dem kommissarischen Leiter des AlliiertenMuseums, Bernd von Kostka, liegt bis heute kein Mietvertrag für das neue Museum am Flughafen Tempelhof vor.
Dem kommissarischen Leiter des AlliiertenMuseums, Bernd von Kostka, liegt bis heute kein Mietvertrag für das neue Museum am...Foto: Boris Buchholz

Herr von Kostka, worauf freuen Sie sich am meisten nach dem 1. März 2018?

Darauf, dass ich dann wieder etwas mehr Freizeit habe.

Ihr Nachfolger ist ein neues Gesicht in der Berliner Museumsszene. Ist das von Vorteil?

Jürgen Lillteicher ist voller Tatendrang und Energie. Ich finde es gut, dass er zwar Berlin kennt, weil er schon circa drei Jahre in der Stadt gearbeitet hat, aber trotzdem mit einem neuen, frischen, auswärtigen Blick auf das Ganze hier schaut. Denn das AlliiertenMuseum zieht ja nicht nach Tempelhof um, sondern es wird dort ein neues AlliiertenMuseum entstehen. Deshalb ist es wichtig, dass man auch aus dem bisherigen Trott, der hier am Standort in den letzten zwanzig Jahren entstanden ist, ausbricht.

Warum hat die Besetzung der Leiterstelle zwei Jahre gedauert?

Das Verfahren hing mit meiner Vorgängerin zusammen, mit der aus nachvollziehbaren Gründen ein sehr langes Rückkehrrecht ausgehandelt wurde, von dem sie erst spät keinen Gebrauch machte. Eigentlich hieß es in den Zeitplänen, ich würde das Museum bis Sommer 2017 kommissarisch führen. Dann wurde irgendwann verlängert bis Ende 2017. Jetzt findet der Wechsel im Frühjahr 2018 statt. Offensichtlich gehört es zur Luft in Berlin, dass Zeitpläne immer verlängert werden.

Beneiden Sie Ihren Nachfolger um die Möglichkeit, das Museum am neuen Standort neu aufzustellen?

Nein. Ich habe mich aus verschiedenen Gründen nicht auf die Stelle beworben. Im Gegenteil: Ich werde ihn dafür bewundern, dass er diese schwierigen Aufgaben in Angriff nimmt, insbesondere die Verhandlungen mit Berlin – sei es um den Mietvertrag, sei es später mit der Denkmalbehörde über die Dinge, die zwangsläufig in Tempelhof geändert werden müssen. Aber natürlich steckt da auch ganz viel kreatives Potenzial drin, ein neues Museum des 21. Jahrhunderts zu etablieren. Das macht die Stelle sehr attraktiv, weil der neue Leiter hier selber gestalterisch tätig werden kann.

Was sind Ihre Erkenntnisse aus fast zwei Jahren Leitung?

Am nachhaltigsten haben mich die Erfahrungen mit der Berliner Verwaltung geprägt. Dinge dauern aus Gründen, die man nicht nachvollziehen kann, viel länger. Natürlich hat die Verwaltung sicher auch gute Gründe dafür. Aber jetzt weiß ich, dass es nicht reicht, etwas politisch zu entscheiden. Das ist wohl der größte Irrglaube.

Was meinen Sie mit „Irrglaube“?

Der Bürger denkt, aha, es ist eine Entscheidung x getroffen worden, jetzt kann es losgehen. Aber diese Umsetzungsphase ist das eigentliche Problem. Die Verwaltung verwaltet sich selbst und sie hat auch die Macht, Dinge zu verschleppen.

Ganz konkret: Reden Sie über den Umzug nach Tempelhof?

Ganz genau. Wir haben im Januar des Jahres mit den Verantwortlichen von der Tempelhof Projekt GmbH zusammengesessen und haben Leitplanken für einen Mietplan besprochen. Seitdem warten wir auf einen Entwurf des Mietvertrags. Dieser soll in den nächsten Wochen kommen, wie ich jetzt gehört habe. Wir brauchen dringend eine erste Grundlage, über die dann der Senat als Vermieter und der Bund als Mieter reden könnten. In diesem Tempo kann es nicht weitergehen.

Was heißt das für die Umzugs-Pläne?

Für den Umzug und das neue Museum haben wir vom Bund eine Zusage über 27,1 Millionen Euro. Das Finanzministerium wartet aber mit der Freigabe von Geldern, bis der Beschluss, dass das Museum nach Tempelhof zieht, unumkehrbar ist. Und der Beleg dafür ist der Mietvertrag. Erst dann können diese Gelder fließen. Natürlich kann man sich im stillen Kämmerlein hinsetzen und überlegen, wie das neue Museum aussehen soll. Aber irgendwann - und zwar relativ schnell - stoßen Sie an Fragen, die ein Architekt für Sie beantworten muss, die ein Designer für Sie beantworten muss. Die Frage, wie groß unsere Bibliothek werden kann, muss ein Statiker beantworten. Es sind ganz viele Detailfragen, die wir hier am Tisch als Historiker nicht lösen können. Dafür brauchen wir externes Know-How und das müssen wir einkaufen. Das ist in unserem normalen Haushalt für den laufenden Betrieb - das sind 1,8 Millionen Euro pro Jahr - nicht vorgesehen.

Das heißt ja auch, dass Sie auch beim Personal bisher nicht aufstocken konnten …

Wir haben einen zeitlich befristeten Sammlungsleiter dieses Jahr neu eingestellt. Neben ihm besteht das Museum aus einem Leiter, drei wissenschaftlichen Mitarbeitern, einem Volontär, der nach zwei Jahren wieder geht, aus einer Bürosachbearbeiterin und einem Hausmeister. Und zwei der Mitarbeiter arbeiten nur Teilzeit. Zu acht betreuen wir hier im Haus pro Jahr 70.000 Besucher und sind damit ausgelastet. Jetzt soll parallel zu all den Arbeiten, die hier notwendig sind, ein komplett neues Museum in Tempelhof geplant werden.

Und: Ist das möglich?

Das wird schwierig.

Was wäre die Lösung?

Das ist eine Herausforderung für den neuen Leiter. Eine temporäre Aufstockung mit zwei bis drei Mitarbeiten ist vom Zuwendungsgeber vorgesehen. Da dies wohl nicht ausreicht, müsste man die Bespielung des Museums in der Clayallee auf ein Minimum herunter fahren, um dann Kapazitäten für neue Aufgaben zu haben.

So wird es ja bei den Museen Dahlem gemacht.

Ich bin gegen diese Option. Natürlich werden wir um eine gewisse Schließzeit nicht herumkommen. Aber die Grundidee war bisher immer, die Auszeit so kurz wie möglich zu halten. Es ist marketingtechnisch ganz schlecht, ein Museum für eine längere Zeit zuzumachen, weil man dann aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit herausfällt. Bis es die Informationen über die Schließung in die Reiseführer geschafft haben, vergehen Jahre. Das heißt, man hat erst einmal tausende frustrierte Besucher, die hier trotzdem hinkommen. Und bis im Lonely Planet oder im Baedecker steht, dass das Museum wieder zugänglich ist, dauert es noch einmal ewig.

Offene Türen: Bernd von Kostka freut sich auf seinen Nachfolger Jürgen Lillteicher, der ab März 2018 das Museum leiten wird.
Offene Türen: Bernd von Kostka freut sich auf seinen Nachfolger Jürgen Lillteicher, der ab März 2018 das Museum leiten wird.Foto: Boris Buchholz

Sie haben eben gesagt, dass Sie in der Clayallee 70.000 Besucher pro Jahr haben. Wieviele werden es am Flughafen Tempelhof sein?

Wir rechnen recht konservativ: Alles unter 150.000 Besuchern pro Jahr wäre enttäuschend. Die Chance, dass wir unsere Ausstellungen sehr viel mehr Menschen als bisher zeigen können, war eine der Hauptmotivationen für den Umzug. Unsere Erfahrungen der letzten beiden Jahrzehnte zeigt, dass wir in Dahlem, egal was wir hier veranstalten und wieviel Werbung wir machen, nicht über das Korsett der 70.000 Besucher hinauskommen. Das liegt am Standort. In Tempelhof sind wir drei U-Bahnstationen vom Checkpoint Charlie entfernt, das ist der touristische Hotspot Nummer Eins in Berlin. Das Dreigestirn von Flughafen-Tower, Dachgalerie und AlliiertenMuseum wird ein „must see" werden. Ab etwa 2022 wird dieses Highlight in jedem Reiseführer stehen. Für uns sind die Chancen gigantisch groß.

Und wie geht es dann weiter in der Clayallee?

Erst einmal: Dadurch dass sich der Umzug immer weiter nach hinten verschiebt, verschiebt sich natürlich auch der Zeitpunkt, wann wir den Bezirk verlassen werden. Ich empfinde eine kulturelle Nutzung an diesem Standort als zwingend. Aber ich will nicht spekulieren: Der Bezirk sollte gegenüber dem Besitzer seine Wünsche äußern und der Besitzer ist der Bund. Wir als AlliiertenMuseum sind in dieser Debatte der falsche Ansprechpartner. Das Gebäude des „Outpost“-Kinos steht unter Denkmalschutz, das bleibt also auf jeden Fall erhalten.

Ihr Haus hat jetzt den Status „Museum auf Abruf“ - wird sich an der Ausstellung in Dahlem trotzdem noch etwas verändern?

Noch im Dezember werden wir der Dauerausstellung, die schon fast zwanzig Jahre alt ist, einen neuen Look geben. Wir haben lange damit gewartet, weil wir immer dachten, wir ziehen ja bald um. Ich denke, die Neugestaltung lohnt sich auch für drei oder vier Jahre.

Was wird konkret neu?

Wir werden an sieben Stationen verschiedene Perspektiven präsentieren. Wir fragen den Besucher zum Beispiel, ob die Entnazifizierung gelungen oder gescheitert ist. Die Antwort geben wir nicht vor, wir geben nur Informationen, so dass die Besucher am Ende ihre Antworten selber finden können. Ein anderes Beispiel: Unser Eingangsbild zeigt bisher unkommentiert, wie Berliner den Einmarsch der alliierten Truppen 1945 beobachten. Ab Dezember werden die Gedanken der Menschen auf dem Bild eingeblendet werden. Der eine empfand den Einmarsch als Befreiung, der andere als Besatzung. Die eine denkt: „Mein Mann ist an der Front gefallen; hat ihn vielleicht einer von denen erschossen?“. Der nächste freut sich, dass die Nazibande endlich weg ist. „Wo soll ich morgen mein Essen herkriegen?“, könnte ein anderer Gedanke gewesen sein. Wir wollen damit die Bandbreite aufzeigen, wie ein Thema empfunden und erlebt werden kann. Der Besucher soll sich ein eigenes Bild machen. Wenn dieses Konzept hier gut funktioniert, werden wir den Ansatz auch mit nach Tempelhof nehmen.

Herr von Kostka, was zeichnet ihre „Leitungsära“ aus?

Ich habe von Beginn meiner Leitungstätigkeit an die Zusammenarbeit mit dem Bezirk intensiviert. Zum Beispiel haben wir zusammen ein kleines Handbuch zur Präsenz der US-Amerikaner im Südwesten Berlins publiziert. Dazu gibt es auch eine App, in der den Nutzern ausgehend vom AlliiertenMuseum Spaziergänge vorgeschlagen werden, um ehemalige Orte der Amerikaner zu erkunden. Über das Smartphone können sie Informationen und Geschichten zu den Orten, Archiv-Fotos und Video- oder Audiosequenzen abrufen. Anderes Beispiel: Auf dem Platz des 4. Juli bei den ehemaligen McNair-Barracks steht seit ein paar Wochen eine Gedenkstele, den Text zur Geschichte des Platzes habe ich geschrieben. Außerdem sind wir in dem Zusammenschluss der Steglitz-Zehlendorfer Museen- und Kultureinrichtungen engagiert, unser gemeinsames Motto lautet „Natürlich Kultur!“. Ich hoffe, dass Herr Lillteicher diese enge Kooperation mit dem Bezirk weiter pflegen wird - solange wir hier sind.




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