Alltag einer Sehbehinderten in Steglitz-Zehlendorf : Hilfe, mein Gullideckel ist weg!

Ein Gullideckel dient jahrelang als Orientierungshilfe - und plötzlich fehlt er. Unsere Autorin ist sehbehindert und erzählt, wie wichtig manche Details für sie zur Orientierung im Alltag sind.

Kathrin Backhaus
Gullideckel werden abgesenkt, damit niemand darüber stolpert. Für unsere sehbehinderte Autorin war aber ein bestimmter Gullideckel wichtige Orientierungshilfe auf dem Weg nach Hause
Gullideckel werden abgesenkt, damit niemand darüber stolpert. Für unsere sehbehinderte Autorin war aber ein bestimmter Gullideckel...

Au weia! Wie kann ich nur so sauer werden, wenn nette Bauarbeiter einen Gullideckel ordentlich absenken, damit kein Rand absteht und keiner mehr darüber stolpern kann? Ja, so ist das halt - man kann es nicht jedem Recht machen.

Für mich war dieser Gullideckel immer eine Orientierungshilfe auf dem Weg nach Hause. Wenn ich diesen mit meinen Füßen ertastete, wusste ich, es sind noch zwölf Schritte, dann muss ich nach rechts einbiegen und stehe direkt vor meiner Haustür. Oder ich wusste, wenn ich auf dem Gullideckel stehe, befindet sich unser Hoftor direkt vor mir und ich kann schnell zu den Mülltonnen laufen. Wie oft habe ich mir meinen Langstock (viele nennen ihn Blindenstock) in den Bauch gehauen, wenn die Kugel unten am Ende des Stockes einmal wieder an der Kante des Gullideckels hängenblieb. Und doch fehlt er nun.

Vor einigen Tagen wurde der Gullideckel in den Gehweg versenkt, so, wie es normalerweise auch sein sollte. Aber für mich ist dieser markante Punkt jetzt nicht mehr so einfach zu erspüren. Ich muss mir andere Hilfen suchen, zum Beispiel immer an der niedrigen Steinkante des Gehweges mit meinem Langstock entlang tasten. Ich mach das nicht gern, weil am Rand manchmal auch Hundekot liegt und dann hab ich die Sauerei an der Kugel unten am Langstock.

Die Autorin Kathrin Backhaus, hier mit ihrem Blindenführhund Poseidon
Die Autorin Kathrin Backhaus, hier mit ihrem Blindenführhund PoseidonFoto: privat

Und wie kann ich mich sonst noch orientieren? Es gibt viele, verschiedene Möglichkeiten. Über die Füße bekomme ich einiges mit, seien es Kanten, die hochstehen, seien es Grasnaben, seien es kleine und große Pflastersteine oder Wurzeln, die durch die Gehwegplatten nach oben wachsen. Hier im alten Lichterfelde-West gibt es zahlreiche Orientierungspunkte. Auch an der Post Königsberger Straße Ecke Hindenburgdamm liegt im Gehweg ein markanter Gullideckel, der mir hilft.

Übrigens auch der Wind gibt mir Aufschluss: freie Flächen zwischen Häusern, Hecken, die plötzlich zu Ende sind oder eine Hausecke - all das bemerke ich. Der Wind ist an diesen Stellen intensiver und hat weniger Dämpfung. Und auch der Schall der Straßengeräusche ist überall anders. Wenn ich zum Beispiel an einer Bushaltestelle vorbei laufe, höre ich das und merke mir solche Orte.

Sie kann Menschen an ihrem Gang erkennen und Automarken am Klang

Ich glaube nicht, dass sich das Gehör von sehbehinderten Menschen verbessert. Es bekommt lediglich eine andere Aufmerksamkeit, weil die visuelle Orientierung weg fällt. Ich höre scheinbar besser, weil ich vieles, was ich vorher sehen konnte, in meinen Ohren offenbar ausgeblendet habe. Heute, wo ich mein Umfeld nicht mehr visuell wahrnehme, höre ich es. Aber das ist nur meine Meinung, kein wissenschaftlicher Beleg. Jeder denkt da vielleicht anders.

Die Autorin

ist sehbehindert, lebt in Lichterfelde und engagiert sich im Beirat für Menschen mit Behinderung. Sie schreibt regelmäßig für den Tagesspiegel Zehlendorf.

Zum Beispiel kann ich Menschen an ihrem Gang erkennen oder ich höre die Gespräche gaffender Leute, auch die drückende Stille von Menschen, die schnell leise sind, kann ich spüren. Ich höre - und jetzt wird es skurril - auch bestimmte Automarken heraus, denn jeder Pkw hat einen besonderen Klang. Ich höre, ob es ein kleiner oder großer Bus ist; ein Diesel oder Benziner. Ich mag jedoch keine Elektro-Autos, weil sie so leise sind.

Und noch einmal kurz zurück zum Wind: Soviel er mir hilft, so belastend kann er auch sein, vor allem, wenn es stürmt. Dann habe ich große Probleme mit der Orientierung und fühle mich manchmal wie eine Taubblinde. Denn zu laute Geräusche hemmen mich, wenn ich zum Beispiel über eine Straße muss. Auch Motorsägen, Rasenmäher, die BSR oder ein wohlmeinender Autofahrer, der mich mal eben rüber lassen möchte und mit laufendem Motor wartet, bringen einen Sehbehinderten an einer Kreuzung ganz schön ins Schwitzen. Solche Geräusche stören bei der Wahrnehmung. Es ist zwar lieb gemeint, bringt mich aber eher in Gefahr. Denn es können jederzeit andere Autos kommen, die dann leider nicht so hilfsbereit sind. Habe ich alles schon erlebt.

Auch Geruch ist hilfreich

Und dann gibt es da noch meine Nase: Der Geruch ist auch hilfreich. Vor allem, wenn es hier bei mir in der Moltkestrasse so schön nach Blüten riecht. Ob der Flieder, die Linden oder die Kastanien - alles duftet herrlich. Ein Lokal oder eine Imbissbude mit Fritteusenfett kann ich riechen. Ganz ehrlich - das schaffen Sie auch, das ist keine Kunst unter uns Blinden.

Auch mein Langstock ist wichtig und erfüllt seine Zwecke; wenn ich einmal nicht mit meinem Blindenführhund Poseidon unterwegs bin. Es gibt Stöcke, die eine kleine Spitze vorn haben. Die werden dann gleichmäßig im Takt rechts, links, rechts, links vor sich hin gewedelt. Dabei hat der Sehbehinderte mit dem Stock keinen durchgehenden Bodenkontakt. Mir ist das für meine Schultern zu anstrengend, deshalb habe ich mich für den Langstock mit der großen Kugel entschieden. Wenn ich damit den Boden berühre, erhalte ich viele Informationen, etwa wie die Pflastersteine beschaffen sind, die Leitlinien auf den Bahnhöfen, Traktorspuren auf den Feldern oder Pfützen. Soweit ein kleiner Ausflug in unsere Welt der Blinden. Wie jeder Mensch müssen auch wir flexibel sein. Wenn sich etwas in der gewohnten Umgebung verändert, suchen wir uns eben neue Orientierungspunkte.

Der Text erscheint auf Tagesspiegel-Zehlendorf, dem digitalen Stadtteilportal aus dem Südwesten.

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