Antiquariat-Drescher in Zehlendorf macht dicht   : „In Büchern ist die Zeit festgehalten“

Wieder ein Traditionsgeschäft weniger: Vierzehn Jahre ist es her, dass Olaf Drescher sein Antiquariat eröffnete, die Bände liebevoll inszeniert mit alten Requisiten. Heute läuft auch der Handel mit historischen Büchern vorwiegend über das Internet.

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Langsam heißt es Sachen packen, die Bücher gut sortiert in Kartons verstauen; den Laden nach und nach leer räumen
Langsam heißt es Sachen packen, die Bücher gut sortiert in Kartons verstauen; den Laden nach und nach leer räumenFoto: Anett Kirchner

Sorgsam zieht Olaf Drescher eine so genannte Doré-Bibel aus dem Bücherregal. „Das ist etwas besonderes“, sagt er und flüstert fast, als ob sonst etwas kaputt gehen könnte. Vorsichtig öffnet er das Buch, blättert Seite für Seite. Diese Bibel ist mit einem Ledereinband gebunden und stammt von 1885. Der bekannte französische Zeichner Gustave Doré hat sie illustriert. Zwei Bände davon stehen im Antiquariat von Olaf Drescher in Zehlendorf. So faszinierend wie historische Bücher auf ihn wirken, so gegenläufig ist heutzutage die Entwicklung in diesem Bereich. Neue Medien ersetzen mehr und mehr die gedruckten Blätter. Onlinekauf liegt im Trend. Deshalb gibt nun auch Olaf Drescher seinen Laden auf.

Spätestens zum 20. Juni wird er hier in der Winfriedstraße 31 die Tür hinter sich für immer schließen. Damit verschwindet ein weiteres inhabergeführtes Geschäft aus dem Zentrum von Zehlendorf. Wir haben an dieser Stelle schon mehrfach über das „Ladensterben“ im Berliner Südwesten berichtet. Große Ketten und das Einkaufen via Internet verdrängen kleine Traditionsgeschäfte aus dem Stadtbild.

„Es lohnt sich einfach nicht mehr“, verdeutlicht Drescher. Gebrauchte Bücher würden immer billiger verkauft. Kürzlich sei eine ältere Dame in seinen Laden gekommen und habe sich für ein Lexikon interessiert. Ihr Enkel meinte dann, dass er das viel preiswerter im Internet gesehen habe. Kein Einzelfall. „Viele schauen sich die Bücher hier an, lassen sich beraten oder inspirieren und kaufen es später online“, schildert er. Dem gegenüber stünden jedoch die steigenden Kosten auf betriebswirtschaftlicher Seite.

Ein Besuch im Antiquariat von Olaf Drescher
Spätestens zum 20. Juni schließt Olaf Drescher hier die Tür hinter sich abWeitere Bilder anzeigen
1 von 10Foto: Anett Kirchner
01.06.2016 13:53Spätestens zum 20. Juni schließt Olaf Drescher hier die Tür hinter sich ab

Im Antiquarat von Olaf Drescher war das allerdings nicht immer so. Als er seinen Laden 2002 in Zehlendorf eröffnete, damals noch am Teltower Damm, florierte das Geschäft. Anwälte, Ärzte, Politiker - bisweilen auch berühmte Leute - gingen hier ein und aus. „In dieser Zeit gehörte es zum guten Lebensstil und war eine Form von Statussymbol, sich hochwertige, historische Bücher ins Regal zu stellen“, erinnert er sich. Jede Anwaltskanzlei, die etwas auf sich hielt, habe eine eigene Bibliothek besessen. Heute hingegen schleppe kaum jemand noch ein Buch mit, um es Zuhause dann hinzustellen. Zu schwer, zu unbequem…

Olaf Drescher, Jahrgang 1964, ist hier in Zehlendorf aufgewachsen und auch zur Schule gegangen. Er studierte an der Freien Universität (FU) Berlin Betriebswirtschaft und entdeckte während des Studiums seine Leidenschaft für alte, historische Bücher. Auf Flohmärkten frönte er diesem Hobby, kaufte und verkaufte, hatte später einen eigenen Büchertisch am Fehrbelliner Platz.

Die Autorin

ist freie Journalistin, wohnt in Steglitz-Zehlendorf, und schreibt regelmäßig für den Tagesspiegel-Zehlendorf. Folgen Sie Anett Kirchner auf Twitter. Weitere Texte von Anett Kirchner finden Sie hier.

Was ihn fasziniert? „In Büchern ist die Zeit festgehalten“, beschreibt er. Die Mühe und Anschauung eines Autors und die handwerkliche Seite der Buchherstellung, angefangen bei der Papierkunst, dem Einband bis hin zu verschiedenen Techniken für Schriften und Illustrationen. „Viele Menschen waren früher an einem Buch beteiligt“, sagt er und ergänzt noch, dass es spannend für ihn sei, etwas in den Händen zu halten, dass 200 Jahre und älter ist. Manchmal finde er auch persönliche Notizen in den Büchern oder Widmungen.

Das älteste Exemplar, das in seinem Antiquariat je stand, war ein kirchliches Buch von 1490. Den Titel habe er sich leider nicht gemerkt. Und was ihm sehr schwer gefallen ist, zu verkaufen, seien 13 originale Bauhaus-Bücher aus den 1920er Jahren gewesen, in denen die Typografie der Bauhaus-Lehre erklärt wurde. „Ich hatte fast die komplette Reihe dieser Bücher“, sagt er mit stolzem Unterton.

Doch bei aller Leidenschaft zu den historischen Büchern ist aus dem Hobby schließlich ein ernstzunehmender Beruf geworden. Sein erstes Antiquariat gründete Olaf Drescher 1997 in Friedrichshagen in Köpenick. Fünf Jahre später kam das Geschäft in Zehlendorf hinzu. Die beiden Läden liefen anfangs parallel und sie liefen gut, wie Drescher berichtet. Er konnte zwei feste Mitarbeiter und Hilfskräfte einstellen. Immer an seiner Seite war sein Vater, Wolfgang Drescher, der den Sohn bis heute unterstützt und es sehr bedauert, dass er jetzt den Laden schließen muss.

Auf zwei Etagen und etwa 130 Quadratmetern stehen hier rund 9000 Bücher aus allen Fachgebieten
Auf zwei Etagen und etwa 130 Quadratmetern stehen hier rund 9000 Bücher aus allen FachgebietenFoto: Anett Kirchner

„Wenn ich ein Buch in der Hand halte und lese, brauche ich keinen Strom und keine Steckdose“, sagt der 79-Jährige. Er finde es bedenklich, wenn sich die Menschen von der Technik so abhängig machten. Er habe das Gefühl, dass viele heutzutage permanent „unter Strom stehen“.

Und dennoch: die Prognose seines Sohnes Olaf Drescher ist eindeutig. Er glaubt, dass in zehn Jahren 70 Prozent der Leser ein E-Book haben werden. „Diese Entwicklung kann man nicht ausblenden.“ Deshalb hat auch er sich in den letzten Jahren parallel einen Online-Versand aufgebaut, den er nach der Schließung seines Ladens weiterführen möchte.

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