Arm und bedürftig in Zehlendorf, Teil I der Serie : "Ich bin schlecht!"

Armut in Zehlendorf ist ein wachsendes Problem - sagen Sozialarbeiter. Der Zehlendorf Blog wird sich diesem Thema verstärkt widmen und in loser Folge über Menschen schreiben, denen es nicht gut geht. Heute: Der Verkäufer einer Obdachlosenzeitung.

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Ort der Solidarität. Eine Wärme-Küche in Berlin, in der Obdachlose und Bedürftige versorgt werden. Foto: Doris Spiekermann-Klaass
Ort der Solidarität. Eine Wärme-Küche in Berlin, in der Obdachlose und Bedürftige versorgt werden.Foto: Doris Spiekermann-Klaass

Er steht immer so steif da, als sei er seine eigene Wachsfigur. Stunde um Stunde, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Und es sind schon viele Jahre, so viele, dass er erschrickt, wenn er darüber redet und bemerkt: "Bald werde ich 30!" Das macht ihm Angst, er findet, dass er seine Zeit vergeudet, dass seine großen Träume immer kleiner werden und irgendwann ganz verschwunden sein werden. Und er? "Vielleicht schmeißen sie mich in den See, zu den Fischen."

Er sagt das, aber er bewegt sich dabei immer noch nicht, er steht vor einem großen Supermarkt an einer großen Straße in Zehlendorf, stets ab 14 Uhr an der gleichen Stelle und verkauft seine Obdachlosenzeitung. Er will nicht, dass man seinen Namen weiß und auch nicht, dass geschrieben wird, wo genau er steht, aber der Rest, sein Leben aus seiner Sicht, das dürfen wir aufschreiben.

Er ist ein gelernter Spinner

Man muss dazu sagen, dass wir nichts von dem, was der Mann sagt, nachgeprüft haben, es ist hier also das Porträt eines Bedürftigen aus der Quelle dieses Bedürftigen, und jeder, der es liest, kann sich fragen, was davon wahr ist und was der Mann dem Journalisten womöglich nur aufgetischt hat.

Er kokettiert mit dieser Möglichkeit, nur zu spinnen, er sagt das sogar ganz offen, denn er ist auch ein gelernter Spinner geworden auf der Straße - nicht aus böser Absicht, sondern um zu überleben. Er sagt: "Ich spinne den ganzen Tag, das habe ich gelernt, und irgendwann kann man nicht mehr damit aufhören und weiß selbst nicht genau, was wahr ist und was nicht."

500 Euro im Monat

Vor diesem Supermarkt kennt ihn inzwischen jeder, der hier einkauft, und wenn man die Leute nach ihm fragt, dann sagen immer alle: "Der ist sehr schüchtern, aber sehr freundlich und nett." Die meisten geben etwas. In dem einstündigen Gespräch, das der Zehlendorf Blog mit dem Mann führt, bekommt er zwei Bananen, ein Getränk und zehn Euro. Er sagt, ein guter Monatslohn liege bei rund 500 Euro, "manchmal mache ich bis zu 15 Euro in der Stunde, aber dann gibt es wieder Stunden, an denen nichts rein kommt".

Die 500 Euro sind zwar gut für ihn, "es reicht, um immer Fleisch zu essen und Wein zu trinken", aber diese Bestmarke, die er schon vor vielen Jahren aufgestellt hat, ist offensichtlich nicht mehr zu toppen. "Mehr ist einfach nicht drin", sagt er. Außerdem sei es "früher leichter gewesen, heutzutage merke man den Leuten an, dass das Geld nicht locker sitzt".

Obdachlos und bedürftig, auch in Zehlendorf gibt es immer mehr Menschen in Not. Foto: dpa
Obdachlos und bedürftig, auch in Zehlendorf gibt es immer mehr Menschen in Not.Foto: dpa

Er sagt, er sei vor zehn Jahren aus Polen gekommen. Er erzählt, dass er vor seinen Eltern geflüchtet sei, es seien "schlechte Eltern" gewesen, und er wollte immer nur "in den Westen". Er schäme sich immer dann, wenn er merke, dass "ich etwas von meinen Eltern in mir trage". Aus seiner Geschichte geht nicht hervor, ob er einen Beruf gelernt hat oder zur Schule gegangen ist, offensichtlich hat er aber schon in Polen keine Arbeit gehabt. Er ist gepflegt, sein äußeres Erscheinungsbild ist ordentlich, von weitem sieht er aus wie ein Student, nur wenn man näher herankommt und in seine klaren blauen Augen schaut, dann merkt man seine Zurückgenommenheit, die Schüchternheit, sein leicht verdruckstes Wesen. Im Gespräch ist das aber schnell vergessen. Er redet deutlich, kann sich hervorragend ausdrücken, man könnte sogar sagen, dass er ein Wortakrobat ist, der seine Lage sehr prägnant schildern kann.

Obdachlose haben ihm alles beigebracht

Er sagt, "die auf dem Amt" wollten, dass er für 1,50 Euro die Stunde arbeiten sollte, aber das wollte er nicht. Er sagt, die vom Amt hätten ihn nicht gut behandelt, und wenn er sich nicht gut behandelt fühle, dann mache er gar nichts. Er kann einem schon in die Augen gucken, und man bekommt das Gefühl, das dieses schüchterne, zurückhaltende Wesen auch seine Masche ist. Ist es so? Antwort: Ja. "Früher habe ich Menschen gehasst, aber damit kommt man nicht weit. Die Obdachlosen haben mir beigebracht, wie man sich verhalten muss, wenn man überleben will." Auf der Straße habe er gelernt, dass Menschen solidarisch sein können, aber auch sehr brutal. Immer wieder gab es Situationen, wo andere ihn aus seinem Verkaufsgebiet drängen wollten. "Aber die waren zu aggressiv und haben kein Geld bekommen."

Das bürgerliche Klientel an diesem Ort kommt mit vollen Einkaufswagen heraus und steigt in große Autos. "Die Leute denken, der steht hier, das ist leicht. Aber was ich mache, ist harte Arbeit." Er erzählt jetzt aus seiner Zeit in Notunterkünften, und wie das war, Menschen zu sehen, die ihre "obdachlosen Brüder" begraben haben.

Sein Traum war: Astronaut werden

Er trinkt, Wein und Bier, er guckt Fernsehen, er schläft, dann, wenn es sein Zustand zulässt, kommt er an diese Straße und verkauft seine Zeitungen. Und wenn er zu viel getrunken hat, "dann komme ich später". Er weiß, dass er immer älter wird, "Astronaut" wollte er werden, und er sagt sehr ernst, dass sei jetzt wirklich keine Spinnerei. "Aber da muss man besser sein, und ich bin schlecht!" Wenn man das macht, was er mache, sei man eben schlecht. Wenn er sich vergleiche mit den Menschen in den Notunterkünften, dann sei er besser, aber im "Vergleich zu denen, die hier einkaufen, bin ich schlechter".

Warum bricht er nicht aus aus diesem Kreislauf? Blöde Frage, weil er nicht kann!

Er sagt, dass er mit fünf anderen in einer Wohnung in Zehlendorf wohne. Aber er sei ein Einzelgänger, er hat keine Freunde. Er sagt: "Ich habe noch nie mit einer Frau geschlafen!"

Der Autor ist Redakteur für besondere Aufgaben im Tagesspiegel. Der Text erscheint auf dem Zehlendorf Blog, dem Online-Magazin dieser Zeitung.

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