Aus dem Alltag einer Sehbehinderten: Jahresrückblick 2016 : Das Herz gefüllt mit Dankbarkeit

Viele erleben gerade die Zeit vor Weihnachten als besonders hektisch. Unsere sehbehinderte Autorin dagegen freut sich über eine neue Wohnung und genießt in der neuen Umgebung die friedliche Zeit. Sie findet: Es ist Zeit, dankbar zu sein.

Kathrin Backhaus
Weihnachten ist auch die Zeit, innezuhalten und dankbar zu sein, findet unsere Gastautorin Kathrin Backhaus Foto: dpa
Weihnachten ist auch die Zeit, innezuhalten und dankbar zu sein, findet unsere Gastautorin Kathrin BackhausFoto: dpa

Was für ein schönes und gutes Jahr geht dem Ende zu. In schnellen Schritten kommt es mir vor - und schon ist der vierte Advent.

Viele Aktivitäten schmücken die Erinnerungen an dieses Jahr. Eines der für mich interessantesten Aktionen war ohne Frage das vor dem Rathaus Zehlendorf veranstaltete Event „Sei doch mal ich!“ Ende Juni. Diese Aktion bot den Politikern und Mitarbeitern des Bezirksamts einen Perspektivenwechsel an: Sie sollten, konnten und durften sich in einen Rollstuhl setzen oder mit dem Langstock und einer Simulationsbrille die Kirchstraße und das Rathaus Zehlendorf erkunden.

Mein Dank geht da vor allem an die Aktiven der AG Mobilität der Agenda 21 aus dem Rathaus Zehlendorf. Sie machten die Aktion erst möglich. Die Resonanz kann immer besser sein, jedoch waren wir zufrieden und es wurde schnell klar, dass sich ein jeder gerne und schnell mal in den Rolli gesetzt hat. Anders war es jedoch mit der Nachstellung der Blindheit. Hier war wesentlich mehr Zusprache und Mut erforderlich und nicht jeder Politiker hat sich hinreißen lassen. Traurig für mich mit zu erleben. Blindheit ist eben doch immer noch das Schlimmste, das sich der Mensch vorstellen kann.

Ein Highlight: Der ersehnte Umzug in eine wunderschöne kleine Wohnung

Ohne die Rehalehrerin Michaela Franke wäre dieses Event nicht das geworden, was es war. Ihre Unterstützung bei der Simulation von Blindheit oder Sehbehinderung und ihr fundiertes Fachwissen war für alle Gold wert und ich danke ihr dafür!

Weiter denke ich an die gute Putzaktion auf dem Ludwig-Beck-Platz und das immer voller werdende Nachbarschaftsfest auf dem gleichen Platz. Akteur war hier der runde Tisch Lichterfelde West und das Stadtteilzentrum sowie Monika Zwicker. Auf dass es weiter so geht.

Kathrin Backhaus lebt in Lichterfelde und engagiert sich für die Interessen behinderter Menschen Foto: Anett Kirchner
Kathrin Backhaus lebt in Lichterfelde und engagiert sich für die Interessen behinderter MenschenFoto: Anett Kirchner

Highlight auch für mich: Der ersehnte Umzug in eine wunderschöne kleine Wohnung im September. Mein Traumort und eine Traumwohnung in perfekter Lage. Stille und Entspannung - nicht nur für und bei uns, sondern auch bei den Mitbürgern und Nachbarn. Alles und jeder wirkt hier zufriedener und erholter.

Ein Balkon, den man nutzen kann. Ein Leben ohne ständigen Hubschrauber über dem Kopf. Und vor allem: Ein Leben ohne diese nervige und benutzerunfreundliche Ampel, wie die am Hindenburgdamm Ecke Moltkestrasse. Wir vermissen sie nicht einen Augenblick!

Das Herz gefüllt mit Dankbarkeit für ein tolles Jahr.

Nun heißt es genießen und sich neu orientieren. Neue Wege einschärfen, erlernen. Den Alltag neu gestalten. Hier ist kein Laden auf der nächsten Ecke und das Einkaufsverhalten muss neu strukturiert werden.

Und Poseidon? Der hat, glaube ich, schneller das neue Heim angenommen als ich. Obwohl ich nicht einmal nach dem Umzug aus Versehen in die alte gewohnte Richtung gefahren wäre. Nein, aber er ist am ersten Tag wie selbstverständlich zum Eingang der neuen Wohnung gegangen, als ich ihm das Kommando für das Nach-Hause-Gehen gab. Ja, fast stolz lief er zügig und zielsicher an die neue Haustür und ich merkte, wie ihm das ruhige und stressfreie Hinausgehen jeden Tag gut tat. Ich glaube er vermisst auch nichts vom Hindenburgdamm.

Die Autorin

ist sehbehindert, lebt in Lichterfelde und engagiert sich im Beirat für Menschen mit Behinderung. Sie schreibt regelmäßig für den Tagesspiegel Zehlendorf.

Und nun kommt die friedliche Zeit von Weihnachten noch hinzu. Aus der Kälte kommend in eine schöne, warme, wohlriechende Wohnung. Die Luft erfüllt mit süßlichem Duft und vom Kerzenschein erhellt - und das Herz gefüllt mit Dankbarkeit für ein tolles Jahr.

Ich wünsche Ihnen allen eine friedvolle Adventszeit, ein frohes Fest und einen gesunden Rutsch in das Neue Jahr. Kommen Sie gesund rüber.

Dieser Gastbeitrag erscheint auf dem Debattenportal Tagesspiegel Steglitz-Zehlendorf. Möchten auch Sie einen Beitrag schreiben, so wenden Sie sich dazu gern an steglitz-zehlendorf@tagesspiegel.de und folgen Sie der Redaktion Steglitz-Zehlendorf auch auf Facebook und Twitter.   




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