Aus Zehlendorf nach Tansania : Diesseits von Afrika

Drei Monate lang ist unsere Autorin in Tansania, um als Freiwillige an einer Grundschule zu unterrichten. Kurz nach der Ankunft fühlt sie sich schon recht wohl – trotz Klimaschock, chaotischem Verkehr, der deprimierenden Armut und teils gewöhnungsbedürftiger Sitten.

Nora Tschepe-Wiesinger
Afrikanische Einkaufsmeile. In Wellblechhütten am Straßenrand gibt es unter anderem bunte Stoffe, Obst, Gemüse und Wasser in Plastikbeuteln.
Afrikanische Einkaufsmeile. In Wellblechhütten am Straßenrand gibt es unter anderem bunte Stoffe, Obst, Gemüse und Wasser in...Foto: Nora Tschepe-Wiesinger

Mein Plan, dem deutschen Winter mit einem Flugticket nach Afrika zu entkommen, ist aufgegangen: Während ich diesen Text schreibe, sitze ich in T-Shirt und Rock unter einem Mangobaum, um mich schwirren schwarzweiß gepunktete Schmetterlinge und in der Ferne ruft der Muezzin zum Gebet. Mir fällt es noch immer schwer, zu begreifen, dass in den Zweigen über mir Mangos statt Äpfel wachsen und dass die afrikanischen Frauen auch bei Temperaturen über 35 Grad bodenlange Gewänder und oft sogar eine Kopfbedeckung tragen.

Mein Körper kämpft hingegen mit dem plötzlichen Jahreszeitenwechsel und Temperaturumschwung. Während meiner ersten Tage in Tansania fühle ich mich wie ein Schneemann beim Schmelzen: matschig, auffällig weiß und irgendwie fehl am Platz. Dass meine Hautfarbe nicht der Norm entspricht, bekomme ich gleich bei der Ankunft am Flughafen in Daressalam, der größten Stadt Tansanias, zu spüren. Als ich erschöpft und verschwitzt hinaus stolpere, werde ich von einer Horde Taxifahrer empfangen, die mich alle gleichzeitig zum Hotel fahren wollen. Ich lehne dankend ab und versuche zu erklären, dass ich bereits abgeholt werde.

Die Autorin Nora Tschepe-Wiesinger ist 19 Jahre alt und arbeitet frei für den Tagesspiegel und den Zehlendorf Blog. Derzeit arbeitet sie in Tansania.
Die Autorin Nora Tschepe-Wiesinger ist 19 Jahre alt und arbeitet frei für den Tagesspiegel und den Zehlendorf Blog. Derzeit...Foto: privat

Leider fühlt sich davon niemand abgehalten, weiter auf mich einzureden und mich in Richtung Taxis zu zerren. Panisch umklammere ich die Tasche mit meinen Wertsachen, bis einer der Taxifahrer aus der Masse hervortritt. Als ich das Schild in seinen Händen sehe, auf dem wie vereinbart mein Name sowie der Name der Grundschule steht, an der ich die nächsten drei Monate arbeiten werde, atme ich auf.

Die Schule ist Teil einer christlichen Missionsstation, zu der noch ein Kindergarten, eine Klinik und eine Schreinerei gehören. Auf der Station leben und arbeiten eine deutsche, eine norwegische und circa zehn tansanische Familien.

 Der Verkehr ist ein Chaos

Meine erste Autofahrt durch Afrika vom Flughafen zur Unterkunft ist ein Erlebnis, von dem ich noch meinen Enkelkindern erzählen werde. Die Regeln, die ich in der Fahrschule gelernt habe, scheinen in Tansania nicht zu gelten oder zumindest hält sich niemand an sie. Auto-, Motorrad- und Busfahrer fahren dicht gedrängt nebeneinander und weitaus schneller als 50 km/h. Ständig wechselt jemand ohne zu blinken die Spur und mein Fahrer muss mehrere Male so scharf bremsen, dass ich trotz des angelegten Sicherheitsgurts gefährlich nahe in Richtung Windschutzscheibe geschleudert werde. Der Verkehr ist ein einziges Chaos. Trotzdem wagen sich immer wieder Menschen auf die Straßen, um in waghalsigen Manövern herüber zu gelangen.

Ich kann mich auch nur schwer an den Anblick der ärmlichen Wellblechhütten am Straßenrand gewöhnen. In einfachen Läden und an Ständen werden Obst, Gemüse, Plastikbeutel voll Wasser und bunte Stoffe verkauft. Frauen tragen Krüge auf den Köpfen und Kinder auf dem Rücken. Hühner und Ziegen wuseln zwischen ihnen umher, es riecht nach Gebratenem und Gewürzen. Ich fühle mich in ein anderes Zeitalter versetzt – einzig die riesigen Reklametafeln, auf denen für Cola und Smartphones geworben wird, wirken fehl am Platz und wie Zeichen aus einer weit entfernten Zukunft.

Bemalen erlaubt. Die Grundschule des christlichen Projekts „Youth with a Mission“ in Mwandege nahe Daressalam.
Bemalen erlaubt. Die Grundschule des christlichen Projekts „Youth with a Mission“ in Mwandege nahe Daressalam.Foto: promo

Als mein Fahrer mich endlich in Mwandege, einem Vorort von Daressalam, absetzt, schwirrt mir der Kopf von den vielen Eindrücken. Während meiner ersten Tage in Afrika erlebe ich einen Kulturschock. Zwar wusste ich bereits vor dem Abflug, dass Afrika anders und arm sein würde, aber wie arm und anders es tatsächlich ist, wird mir erst klar, als ich dort bin.

Weiße gelten immer als reich, Kinder rufen „mzungu“

In Europa lässt sich Reichtum an der Art der Kleidung, dem Haus oder dem Auto erkennen – in Tansania reicht die Hautfarbe. Diese Erfahrung mache ich überall. Als Weiße nennen mir die Marktverkäufer zu hohe Preise und Kinder rufen mir auf der Straße „mzungu“ hinterher. Mzungu ist Suhaeli und bedeutet schlicht Weiße/r.

Während sich in Deutschland niemand mehr traut, Afrikaner als „Schwarze“ zu bezeichnen und das Wort „Neger“ aus Kinderbüchern gestrichen wird, werde ich in Tansania öfters mit „mzungu“ als mit meinem Namen angesprochen.

Zum ersten Mal bin ich mit meiner Hautfarbe in der Unterzahl und es fühlt sich nicht schön an, ständig darauf aufmerksam gemacht zu werden.

Dennoch beginne ich mich nach wenigen Tagen wohl zu fühlen. Deutschland und mein europäischer konsumorientierter Lebensstil kommen mir sehr weit weg vor. In Tansania hetzen die Menschen nicht von Termin zu Termin, Stress scheint für viele ein Fremdwort zu sein. Bei Treffen erkundigt man sich zunächst immer nach dem Wohlergehen seines Gesprächspartners, gefolgt von der Frage, wie es den Kindern, den Haustieren sowie der Schwiegermutter dritten Grades denn so gehe. Erst dann kommt man zum eigentlichen Gesprächsanliegen – alles andere gilt als unhöflich.

Die Grundschüler tragen Schuluniform, die Lehrer stammen aus Tansania; Europäer unterstützen sie.
Die Grundschüler tragen Schuluniform, die Lehrer stammen aus Tansania; Europäer unterstützen sie.Foto: promo
Anders als diese Lehrerin wartet unsere Autorin noch darauf, beim Englischunterricht zu helfen.
Anders als diese Lehrerin wartet unsere Autorin noch darauf, beim Englischunterricht zu helfen.Foto: promo

Der lockere Lebensstil hat Vor- und Nachteile

Ich genieße den lockeren langsamen Lebensstil der Tansanier zwar, bemerke jedoch, dass daraus bei vielen eine gewisse Unzuverlässigkeit resultiert, die mich als Deutsche schnell nervt. So wird mir zum Beispiel bei meiner Ankunft versprochen, dass ich so schnell wie möglich eine tansanische SIM-Karte bekomme, um mit meinen Freunden und meiner Familie zu Hause in Kontakt bleiben zu können. Ich warte und aus einem Tag wird eine Woche. Ich beginne, die ersten Briefe zu schreiben und stelle mich bereits darauf ein, die nächsten drei Monate auf Whats App und Facebook zu verzichten.

Währenddessen schicken sich die Tansanier mit ihren Smartphones munter Bilder und Sprachnachrichten, denn trotz der bitteren Armut im Land hat jeder ein internetfähiges Handy. Daraufhin verwerfe ich meinen Plan, drei Monate smartphonefrei zu leben, und nerve jeden Tansanier auf der Station so lange mit der Bitte nach einer SIM-Karte, bis mir am nächsten Tag eine in die Hand gedrückt wird.

Meine Hartnäckigkeit entwickelt sich zur überlebenswichtigen Charaktereigenschaft. Ohne wiederholtes Nachfragen und Bitten würde ich bisher wahrscheinlich weder eine SIM-Karte haben, noch hätte ich die Grundschule, in der ich ja eigentlich arbeiten soll, von innen gesehen.

Dieser Beitrag entstand unterm Mangobaum.
Dieser Beitrag entstand unterm Mangobaum.Foto: Nora Tschepe-Wiesinger

Im Unterricht geht es auch mal streng zu

Zwar habe ich dort (wie eigentlich geplant) bisher noch nicht selbst unterrichtet, aber den tansanischen Lehrern immerhin schon zugesehen und dabei schockiert festgestellt, dass Stockschläge und In-der-Ecke-Stehen noch gängige Bestrafungsmethoden sind.

 Die afrikanische Kultur wird mir von Tag zu Tag vertrauter. Ich gewöhne mich langsam an die Plumpsklos, die Eidechsen, mit denen ich mein Zimmer teile, und Ugali, einen nach nichts schmeckenden Brei aus Maismehl und das Nationalgericht der Tansanier.

Als ich nach einer Woche zum ersten Mal wieder bei Facebook bin, erscheinen mir die plötzlich überall auftauchenden Videos bierexender deutscher Freunde merkwürdiger als die tansanischen Kinder, die mir „mzungu“ hinterher rufen. Auf einmal bin ich sehr froh, für eine Weile Abstand vom deutschen Alltag zu haben.

Die Autorin arbeitet als freie Mitarbeiterin für den Tagesspiegel und den Zehlendorf Blog, das Online-Magazin aus dem Südwesten. In den nächsten Monaten bloggt sie weiter aus Tansania.

 




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