Ausstellung zum 80. Jahrestag der Machtergreifung : Zehlendorf wurde braun

Bei der Steigerung der Wahlergebnisse von 1926 bis 1933 für die NSDAP lagen Steglitz und Zehlendorf an der Spitze von Berlin. Eine Ausstellung des Heimatmuseums Zehlendorf zeigt, dass auch der bürgerliche Bezirk schnell von den Nazis beherrscht wurde.

von
"Zehlendorf wurde braun", so heißt die neue Ausstellung im Heimatmuseum Zehlendorf, die ab dem 20. September in der Clayallee 355 zu sehen ist.
"Zehlendorf wurde braun", so heißt die neue Ausstellung im Heimatmuseum Zehlendorf, die ab dem 20. September in der Clayallee 355...Foto: Heimatmuseum Zehlendorf/Landesarchiv Berlin

Auch Zehlendorf wurde braun. Auch in Zehlendorf haben die Nationalsozialisten große Erfolge gefeiert und wurden, so muss man es wohl sagen, willkommen geheißen von vielen Bürgern. Im Rückblick mag das klingen wie eine Selbstverständlichkeit, aber man wird schon noch daran erinnern dürfen. Die neue Ausstellung im Zehlendorfer Heimatmuseum, die vom 20. September an zu sehen sein wird, macht das - und deshalb wird sie, das darf man an dieser Stelle schon voraussagen, auch ein Erfolg werden. Denn bisher hat sich der Bezirk mit seiner eigenen braunen Vergangenheit viel zu selten beschäftigt. Wieder haben die Ausstellungsmacher um Klaus-Peter Laschinsky ganze Arbeit geleistet und sind hinabgestiegen in die Archive, etwa ins Bundes- und Landesarchiv, haben Adressbücher durchforstet, alte Fotos ausgegraben, und sie haben dabei bemerkt: Bisher hat sich noch niemand wirklich mit der Braunwerdung von Zehlendorf beschäftigt.

Die Ausstellung ist auch ein Beitrag zum 80. Jahrestag der Machtergreifung der Nationalsozialisten. In Berlin laufen alle Veranstaltungen zu diesem Ereignis unter dem Motto "Zerstörte Vielfalt". Mehr als 120 Einrichtungen beteiligen sich mit verschiedenen Projekten.

Dem ehemaligen SPD-Stadtrat und Vorsitzenden des Zehlendorfer Heimatmuseums ist besonders eine Statistik aufgefallen, das sind die Wahlergebnisse von 1926 bis 1933. Laschinsky sagt: "Bei der Steigerung der Prozentzahlen für die NSDAP lagen Steglitz und Zehlendorf an der Spitze von Berlin." Später sei die Zahl der Verhaftungen in den bürgerlichen Bezirken wie zum Beispiel Zehlendorf größer gewesen als in den Arbeiterbezirken. Offensichtlich wurde in Zehlendorf besonders intensiv denunziert und "gesäubert". Bei der Reichstagswahl 1928 erreichte die NSDAP in Zehlendorf 1,8 Prozent, bei der Stadtverordnetenwahl ein Jahr später waren es 7,9 Prozent, bei der Reichstagswahl 1930 dann schon 17,7 Prozent. Dann kam die Landtagswahl am 24.4.1932: 35,5 Prozent. Und schließlich die Reichstagwahl am 31.7.1932: 36,3 Prozent für die NSDAP in Zehlendorf.

Laschinsky sagte dem Zehlendorf Blog des Tagesspiegels: "Bei den inhaltlichen Vorarbeiten zur Ausstellung ist mir aufgefallen, wie eng beisammen, gewissermaßen Tür an Tür, Nationalsozialisten und die von ihnen verfolgten Menschen wohnten." Der ehemalige Stadtrat von Kreuzberg, Dirk Jordan, beschreibt wiederum in einer Serie über die "Stillen Helden" für den Zehlendorf Blog, wie es den Verfolgten und Helfern der Verfolgten in Zehlendorf erging.

Rathaus-Appell der Nazis.
Rathaus-Appell der Nazis.Foto: Landesarchiv Berlin

An der Spitze des Bezirksamts stand ab 1933 Walter Helfenstein, der seit Mai 1925 Mitglied der NSDAP war. Seit seinem Umzug nach Zehlendorf leitete er die Ortsgruppe mit dem Namen "Schlieffen". Im Januar 1934 wurde Helfenstein Bürgermeister von Zehlendorf. Laschinsky schreibt: "Sowjetische Truppen fanden Walter Helfenstein am 24. April 1945 tot am Zehlendorfer Rathaus." Direkt nach der Machtergreifung wurden auch in Zehlendorf die Ämter "gesäubert". Laschinsky: "Sofort wurden langjährige Beschäftigte, insbesondere Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, fristlos entlassen, so im Gartenbauamt und im Tiefbauamt jeweils sechs Arbeiter und der Heizer der Zinnowwaldschule. Für die aus politischen oder rassischen Gründen verfolgten Zehlendorfer Kommunalpolitiker und Beschäftigten des Bezirksamts wurde nach mehrjähriger Diskussion am 26. November 2008 am Rathauseingang Teltower Damm eine Erinnerungstafel angebracht."

Walter Helfenstein, NSDAP-Mitglied und ab Januar 1934 Bürgermeister von Zehlendorf.
Walter Helfenstein, NSDAP-Mitglied und ab Januar 1934 Bürgermeister von Zehlendorf.Foto: Archiv HVZ

Viele, schreibt der Vorsitzende des Heimatvereins, "suchten ihr Heil in einer NSDAP-Mitgliedschaft. Unter den Beamten, Angestellten und Arbeitern der Bezirksverwaltung Zehlendorf befanden sich 1934 insgesamt 153 Parteimitglieder, darunter fünf Träger des Goldenen Ehrenzeichens sowie 108 SA-, 6 SS- und 13 Mitglieder des Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps..."

Dem Zehlendorf Blog sagte Laschinsky: "Mit unserer Ausstellung wollen wir daran erinnern, dass diese Zeit auch an Zehlendorf nicht spurlos vorbeiging, denn schon vor 1933 hatten die Nationalsozialisten hier bemerkenswerten Zulauf. Mein Wunsch ist, dass wir mit dieser Sonderausstellung die ältere wie die jüngere Generation ansprechen, um deutlich zu machen, dass ohne inneres, aber auch nach außen gezeigtes Engagement Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat nicht zu bewahren sind."

DIE AUSSTELLUNG

Ausstellungseröffnung Donnerstag, 19. September, ab 19 Uhr. Ausstellungsdauer: 20. September bis 31. Januar 2014. Öffnungszeiten: Montag und Donnerstag 10-18 Uhr, Dienstag und Freitag 10-14 Uhr. Clayallee 355, 14169 Berlin-Zehlendorf, Tel.: 030 / 802 24 41. Der Text erscheint auf dem Zehlendorf Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegels.

Autor




Liebe Leserinnen, liebe Leser,

willkommen im Tagesspiegel Steglitz-Zehlendorf. Unsere lokale Plattform ist offen für Debatten, die die Bürger in Steglitz und Zehlendorf bewegen. Auch direkt aus dem Kiez heraus, aktuell, bürgernah und kritisch. Gerne laden wir auch Sie ein, das Portal gemeinsam mit uns weiterzuentwickeln und zu befüllen; auch die gesellschaftlichen Gruppen und Multiplikatoren sind aufgerufen, eigene Diskussionsbeiträge zu verfassen. Wenn Sie Lust haben, eigene Texte zu liefern, oder Anregungen zu kommunalpolitischen Themen haben, schreiben Sie uns gerne an: steglitz.zehlendorf@tagesspiegel.de

Ihr Team von Tagesspiegel Steglitz-Zehlendorf

10 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben