Autor Pierre Frei erinnert sich an seine Kindheit : Aus Zehlendorf in die Welt

Schon als jungen Mann hat es den Zehlendorfer Pierre Frei in die Welt verschlagen. Der Schriftsteller unter anderem des Bestsellers "Onkel Toms Hütte, Berlin" hat unserer Autorin von seinen Kindheitserinnerungen erzählt.

von
Pierre Frei in seinem Garten in Südwest-Frankreich: Er sei "glücklich, dass ich das Leben so nehmen darf, wie es ist", hat der Autor Nicki Pawlow geschrieben
Pierre Frei in seinem Garten in Südwest-Frankreich: Er sei "glücklich, dass ich das Leben so nehmen darf, wie es ist", hat der...Foto: privat

Anfang Juni schrieb ich für diese Zeitung einen Artikel über die Krumme Lanke. Und am Tag des Erscheinens erreicht mich per Mail eine ganz besondere Leserzuschrift: „Liebe Nicki Pawlow, mit Freude (und ein bisschen Wehmut) habe ich Ihren so wunderbar persönlichen Beitrag gelesen. Ich habe da als Dreijähriger ohne Anleitung das Schwimmen gelernt, ohne dass mir das richtig bewusst war. Der Weg zum See führte vom Eschershauser Weg durch ein größeres Stück Wald als heute. Die Siedlung um den Ithweg gab's noch nicht. Es gab auch noch kein Wasserwerk, und nicht weit vom Ausflugslokal "Krumme Lanke" stand auf hölzernen Pfählen die Badeanstalt, von der Sie vermutlich noch nie gehört haben, so lange ist das her. In der Welsbaude gab's Brause, saure Jurken aus Lübben und Langnese-Eis am Stiel. Über einen wackeligen Steg ging's auf die andere Seite. Vom dortigen Ufer ragten Anglerstege in den See, die vom Land aus von den Besitzern versperrt waren, sodass wir Bengels vom Wasser her raufkletterten. Oberhalb ansteigend war eine bei Liebespaaren beliebte Schonung angelegt. Die Bäumchen sind inzwischen vermutlich etwas größer. Als ich neun wurde, schwamm ich zum ersten Mal die ganze Länge des Sees und zurück (zwei Stunden). Soviel zu meinen Erinnerungen. Übrigens: wissen Sie, dass die Seenkette Schlachtensee-Krumme Lanke-Riemeister-See-Grunewaldsee usw. in grauer Vorzeit ein Fluss war? Nur so konnte der Kurfürst das Baumaterial für's Jagdschloss Grunewald transportieren.“

Die Autorin

ist Schriftstellerin und Vortragsrednerin und lebt mit ihrer Familie seit 15 Jahren in Berlin-Zehlendorf, 826 Schritte von der Krummen Lanke entfernt. Weitere Texte von Nicki Pawlow finden Sie hier.

Der kann aber gut schreiben, denke ich beim Lesen und freue mich über die bunten Erinnerungsbilder, die vor meinem geistigen Auge das alte Zehlendorf wieder aufleben lassen. Ein Zehlendorf, das längst vergangen ist.

„Lesen Sie mal meinen Roman 'Onkel Toms Hütte, Berlin', lese ich weiter, „in dem auch die Krumme Lanke vorkommt und der in ca. 30 Sprachen übersetzt wurde, u.a. ins Chinesische und Japanische. Mit allerherzlichsten Grüßen! Ihr Pierre Frei“

Pierre Frei ist in Zehlendorf aufgewachsen, nach vielen Stationen, u.a. in New York, Kairo und Rom, lebt er heute in Südfrankreich
Pierre Frei ist in Zehlendorf aufgewachsen, nach vielen Stationen, u.a. in New York, Kairo und Rom, lebt er heute in SüdfrankreichFoto: privat

Jetzt erst realisiere ich, wer mir hier schreibt. Pierre Frei! Der Autor mit Zehlendorfer Wurzeln, der mit seinem Bestseller „Onkel Toms Hütte, Berlin“ berühmt wurde. Was für eine schöne Überraschung! Sein Buch hatte ich natürlich längst schon verschlungen. Lebe ich doch seit mehr als 15 Jahren in dem Kiez, in dem die Roman-Handlung kurz nach dem zweiten Weltkrieg spielt. Alle Orte und Straßen sind mir bestens bekannt: die U-Bahn-Station Onkel Toms Hütte, die Zinnowwaldschule (damals ein Lazarett), die Riemeisterstraße, Am Hegewinkel, Hochsitzweg, Auerhahnbalz – um nur einige zu nennen.

Der eindrucksvolle Roman, in dem die Polizei einen psychopathischen Frauenmörder jagt, der im Onkel-Tom-Kiez sein Unwesen treibt und der in Rückblenden die Leben der blonden, attraktiven Mordopfer erzählt, ist für mich eins der besten Bücher über die Nazidiktatur und die alliierte Besatzungszeit in Berlin. Er ist unterhaltsam, hochspannend, faktenreich und zugleich unaufdringlich erzählt. Wäre mir doch „Onkel Toms Hütte, Berlin“ bereits als junger Mensch begegnet! Ich hätte weiß Gott eine Menge mehr über die zwölf dunklen Jahre deutscher Geschichte gelernt und kapiert. Weil Pierre Frei es versteht, die Leser über das Gefühl zu packen. Und über das Gefühl kommt bei uns Menschen ja bekanntlich schneller und direkter viel mehr an als über Zahlen, Daten, Listen und Tabellen, die in Lehr- und Geschichtsbüchern emotionslos vermittelt werden.

Der Autor ist spätestens seit seinem Bestseller "Onkel Toms Hütte, Berlin", das in Dutzende Sprachen übersetzt worden ist, einem breiten internationalen Publikum bekannt
Der Autor ist spätestens seit seinem Bestseller "Onkel Toms Hütte, Berlin", das in Dutzende Sprachen übersetzt worden ist, einem...Foto: privat

Freudig antworte ich meinem berühmten Kollegen. Ich frage nach, wo genau er in Zehlendorf gelebt habe und ob er sich an unsere Ladenstraße erinnere. „Ach ja, die Ladenstraße“, schreibt Pierre Frei postwendend zurück. „Die bin ich auf meinem Roller runtergepest. War natürlich verboten. Wo sich der Supermarkt meines Schulfreundes Hans Oskar "Hanno" Beck befand, bin ich ins Onkel Tom-Kino gegangen. Das müssten Sie noch kennen... Wir wohnten erst am Eschershauser Weg, später in der Wilskistrasse und schließlich Am Fischtal. Das ist recht lange her; denn, wenn ich nachrechne, habe ich bis heute mehr als die Hälfte meines Daseins in anderen Ländern verbracht. Lange in England, heute in Frankreich. 'Sie sind Deutscher?', werde ich manchmal gefragt. Meine Antwort: 'Nein, Berliner!' "

Als Pierre Frei zwei ist, zieht die Familie von Charlottenburg nach Zehlendorf. Später besucht er das Arndt-Gymnasium. Mit 16 veröffentlicht er seine ersten Geschichten. Das Publizistik-Studium finanziert Frei sich mit Zeitungs- und Rundfunkreportagen. Anschließend arbeitet er als Lokalreporter. Einer seiner Clous während der Berliner Filmfestspiele: Obwohl der Manager ihn abwimmelt, kämpft Frei sich mit List und Tücke bis zur Hotel-Suite von Gary Cooper vor, den er in Unterhosen beim Krawattebinden antrifft. Der Hollywoodstar gewährt dem jungen Journalisten ein langes Interview.

 Hinaus in die Welt

Vor dem Mauerbau zieht es Pierre Frei raus in die Welt. In New York, London, Rom und Kairo arbeitet er als freier Auslandskorrespondent. Außerdem schreibt er Drehbücher für Film und Fernsehen (z. B. "Kapitäne der Landstraße", "SOS Kinderdorf"). Und natürlich seine Bücher! Von diesen ist nicht nur „Onkel Toms Hütte, Berlin“ sein Lieblingswerk, sondern auch die Berlin-Trilogie „Ein Koffer in Berlin“, „Der Heizer“, „Ich bin ein Berliner“, ebenso der Roman „Endspurt“. Freis Begründung: „Ich glaube, in all diesen Büchern Spannung und jüngere Geschichte miteinander vereint zu haben.“

Heute bewohnt der Kosmopolit, zu dessen Hobbys Reiten und Jagen zählen, gemeinsam mit seiner französischen Ehefrau Catherine-Hélène ein im 12. Jahrhundert erbautes Château in Südfrankreich mit zwei Meter dicken Mauern. Nach seinem Tagesablauf befragt, erzählt der Autor: „Nach dem Frühstück gehe ich gern eine Stunde spazieren. Bis zum Lunch wird geschrieben. Danach ein Stündchen Mittagsschlaf, seit meinem 30. Lebensjahr bewährt. Zum Dinner beste, aber einfache französische Küche. Keine Hormonhühner mit Gummiknochen aus dem Supermarkt! Hier in Südfrankreich bringen die Landwirte ihre Produkte noch selber zum Markt.“

 "Träumereien überlasse ich anderen"

Und natürlich steckt der produktive Autor Frei mitten in einem neuen Roman-Projekt. Der Inhalt ist noch streng geheim. Nur so viel will er verraten: „Die Handlung spielt im Amerika des 22. Jahrhunderts, ist aber dennoch ein provokanter Spiegel der heutigen USA.“

Bleibt eine letzte Frage: „Pierre Frei, sind Sie glücklich?“ Die Antwort: „Ich bin glücklich, dass ich das Leben so nehmen darf, wie es ist. Träumereien überlasse ich anderen.“

Nicki Pawlow ist Autorin und Rednerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin-Zehlendorf. Zuletzt erschien ihr Roman „Der bulgarische Arzt“. Sie hofft darauf, dass Pierre Frei bei seinem nächsten Berlin-Besuch in ihrem Künstlersalon „SÜ36“ lesen wird.

Der Text erscheint auf dem Onlineauftritt von Tagesspiegel Steglitz-Zehlendorf. Folgen Sie der Redaktion Steglitz-Zehlendorf gerne auch auf Twitter und Facebook.




Liebe Leserinnen, liebe Leser,

willkommen im Tagesspiegel Steglitz-Zehlendorf. Unsere lokale Plattform ist offen für Debatten, die die Bürger in Steglitz und Zehlendorf bewegen. Auch direkt aus dem Kiez heraus, aktuell, bürgernah und kritisch. Gerne laden wir auch Sie ein, das Portal gemeinsam mit uns weiterzuentwickeln und zu befüllen; auch die gesellschaftlichen Gruppen und Multiplikatoren sind aufgerufen, eigene Diskussionsbeiträge zu verfassen. Wenn Sie Lust haben, eigene Texte zu liefern, oder Anregungen zu kommunalpolitischen Themen haben, schreiben Sie uns gerne an: steglitz.zehlendorf@tagesspiegel.de

Ihr Team von Tagesspiegel Steglitz-Zehlendorf

0 Kommentare

Neuester Kommentar