Autorin Nicki Pawlow über den Wahlsieg Trumps : Apokalypse oder Chance?

Die Zehlendorfer Autorin Nicki Pawlow ärgert sich über die Reaktionen auf den Wahlerfolg von Donald Trump in den USA. Wird es wirklich "so schlimm wie nie" oder findet die Bedrohung nur in unseren Köpfen statt?

von
Jubel nach dem Wahlsieg bei seinen Fans: Der künftige republikanische Präsident Donald Trump (neben ihm sein "running mate", der künftige Vizepräsident Mike Pence)
Jubel nach dem Wahlsieg bei seinen Fans: Der künftige republikanische Präsident Donald Trump (neben ihm sein "running mate", der...Foto: dpa

Gestern kam meine neunjährige Tochter verstört nach Hause. „Mama, in der Schule haben sie gesagt, dass jetzt der 3. Weltkrieg kommt“, sagte sie mit dünner Stimme. „Ich habe Angst.“ Das hatte ich geahnt: Donald Trump hat die Wahl gewonnen und die Welt versinkt in Hysterie. Ich fragte nach und erfuhr, dass einige Mitschüler sich so geäußert hatten. Ich nahm meine Kleine in den Arm und beruhigte sie. Und ich ärgerte mich darüber, dass andere Eltern so kopf- und verantwortungslos agieren, sich von ihren Ängsten überrollen lassen und diese ungefiltert an ihre Kinder weitergeben.

Und so ging es an diesem Tag weiter. Eine Freundin rief panisch an: „Ich bin entsetzt! Der neue Adolf Hitler!“ Bei Aldi schnappte ich auf: „Apokalypse!“ und „Hoffentlich wird er erschossen!“ Die Nachbarin passte mich ab mit Tränen in den Augen.: „So schlimm wie heute war die Weltlage noch nie!“

Leute, beruhigt euch doch bitte! Und erinnert euch: Schon oft war die Weltlage „so schlimm wie noch nie“ und „kurz vor dem 3. Weltkrieg“ (Berlin-Blockade! Kuba-Krise! Mauerbau! Fehlgeschlagene Geiselbefreiuung in Teheran!). Die gefühlte Bedrohung war immer gleich: furchterregend, schier unüberwindbar, grauenhaft. Doch all das haben wir überlebt und die Erde hat sich weitergedreht.

Was Trump angeht, so ist die Bedrohung derzeit nur eine Vorstellung in unseren Köpfen,  die uns verrückt macht, die uns schwächt. Denn nichts ist geschehen! Auch Trump wird, wie nahezu alle gewählten Politiker, nur einen Bruchteil von dem halten, was er versprochen hat. Im Guten wie im Bösen.

Damit kein falsches Bild entsteht: Ja, Trump ist ein garstiger Rassist! Ja, er ist übelst rechtsradikal. Ja, er ist ein mieser Frauenverachter! Ja, er ist nicht sonderlich gebildet und klug! Und ja, er hat eine alberne Frisur!

Donald Trump und sein "running mate", der künftige Vizepräsident Mike Pence. Bei den Demokraten und vielen Beobachtern im Ausland herrschte unmittelbar nach Trumps Wahlsieg Betroffenheit und Unsicherheit
Donald Trump und sein "running mate", der künftige Vizepräsident Mike Pence. Bei den Demokraten und vielen Beobachtern im Ausland...Foto: dpa

Zugleich denke ich aber, dass auch ein Donald Trump nicht im luftleeren Raum agiert. Auch er hat ein soziales Umfeld, wird beeinflusst, unterliegt Zwängen. Da ist ein ehrgeiziger Vize-Präsident, eine Riege profilierungswütiger Berater, eine geltungshungrige Ehefrau, vielleicht zwei, drei Geliebte, die Töchter, die Söhne, seine Mama, sein Hund, whatever... Trump wird nicht einfach im Weißen Haus an seinem Schreibtisch sitzen und den roten Knopf drücken („Press Button!“) und Atomraketen losschicken. Reagan hat es auch nicht getan, obwohl er doch damals tatsächlich genau das in ein offenes Mikrofon gesagt hat - erinnern Sie sich?

Für alle, die jetzt Hillary Clinton nachweinen: Ja, es ist ein großes Pech für diese Lady, dass sie mehr Stimmen errungen und trotzdem verloren hat. Es wird halt nicht direkt gewählt. Das US-Wahlsystem stammt aus der grauen Vorzeit, von 1787! Wahlmänner haben die Macht und nicht das Volk. In Bezug auf Clinton muss aber auch gesagt werden, gegenüber Trump wäre sie wohl nur das kleinere Übel, nach allem was in letzter Zeit noch über sie ans Licht kam.

 Die Verdienste des als "Cowboy" verspotteten Ronald Reagan sind unbestritten

Mein mittlerer Sohn, er ist 14, äußerte seine Verwunderung darüber, dass einer, der keine Ahnung von Politik hat, zum Präsidenten gewählt wird. Ich erzählte ihm von Ronald Reagan, dem Schauspieler, der 1981 Mr. President wurde und sogar zwei Amtszeiten schaffte. Der als Cowboy verspottet und erst mal nicht ernst genommen wurde, dessen unerbittlicher Antikommunismus sicher nicht jedermanns Sache war, dessen Verdienste am Fall der Mauer und damit am Niedergang des damaligen Ostblocks heute allerdings unbestritten sind. Unvergessen seine Rede mit der Aufforderung: „Mister Gorbatschow, tear down this wall - open this gate!“

Daraus folgt: Man weiß nie, wie es läuft. Alles ist möglich. Mein ältester Sohn (16) sagte: „Was, wenn Trump es gut macht?“ Ja, was dann? Was, wenn Trump Frieden und Arbeitsplätze schafft? Wenn er seinen märchenhaften Reichtum einsetzt, um Gutes zu tun? Aber dürfen solch ketzerische Gedanken überhaupt gedacht werden? Auch wenn sie von der Realität so weit entfernt zu sein scheinen?

Ich will mir erlauben, neben den sorgenvollen auch positive Gedanken zu denken. Denn es bringt mich keinen Schritt weiter, wenn ich mich in Hysterie verrenne oder von Angst knechten lasse.

Trump ist eine hervorragende Projektionsfläche

Zuletzt war dies hierzulande mit der „Flüchtlingskrise“ der Fall. Auch in mir wucherten dunkle Bedrohtheitsgefühle, Angst vor gesellschaftlicher Veränderung, vor Übergriffen und Anschlägen. Ich schlief und träumte schlecht. Ich fühlte mich ausgeliefert. Doch schließlich überwand ich meine Berührungsangst. Ich begab mich bewusst in den Aktionsmodus und handelte, indem ich ehrenamtliche Flüchlingshelferin wurde. Ich erkannte, dass die Bedrohung nur in meinen Gedanken existierte. Dass mir „die Flüchtlinge“ als Projektionsfläche für meine Ängste und meinen Groll gedient hatten. Ähnlich verhält es sich mit Trump. Auch er ist eine vortreffliche Projektionsfläche. Und es sollte erlaubt sein, sich selbst zu fragen: Was hat das mit mir zu tun? Warum reagiere ich so? Was kann ich tun, um aus diesem Panik-Modus herauszukommen?

Video
Trump macht Republikaner-Chef Priebus zu seinem Stabschef
Trump macht Republikaner-Chef Priebus zu seinem Stabschef

Mir geht es z.B. viel besser, seitdem ich meinen Medienkonsum drastisch eingeschränkt habe. Ich gucke keine Fernsehnachrichten mehr. Weil das, was mir da präsentiert wird, nur ein sehr kleiner Ausschnitt einer ungeheuer komplexen Wirklichkeit ist. Einer Wirklichkeit, in der auch unfassbar viel Gutes passiert. Doch das Gute findet in den Medien kaum Beachtung. Daraus folgt, dass die Berichterstattung nicht ausgewogen und fair sein kann.

Vielleicht bringt der ganze Trump-Schlamassel ungeahnte Chancen mit sich

Trotzdem bin ich gut informiert. Meine Informationen hole ich mir aus dem Netz und entscheide selbst, was ich ansehe, was ich anhöre, wann ich wegklicke. Ich übe mich darin, meinen Fokus auf die guten Ereignisse, schönen Begebenheiten und wunderbaren Wendungen zu richten, die es zuhauf gibt. Das bedeutet nicht, dass ich mich Konflikten und Problemen verschließe. Auch dem „Problem Trump“ nicht. Ich habe für mich nur eine Herangehens- und Sichtweise gewählt, die bewirkt, dass ich mich nicht als Spielball der äußeren Umstände fühle. Und das fühlt sich verdammt gut an, denn ich habe keine Angst!

Zum Schluss: Es ist nun mal wie es ist! Trump wurde demokratisch gewählt. Das ist nicht zu ändern und muss akzeptiert werden. Die Erde dreht sich weiter, auch wenn seine Wahl die schlechteste aller uns bekannten Optionen sein mag. Jetzt gilt es, sich darauf einzustellen, einen nüchternen, klaren Geist zu bewahren und das Beste daraus zu machen. Jede/r kann damit bitte bei sich selbst anfangen! Und wer weiß, vielleicht wird ja alles gar nicht so schlimm. Vielleicht bringt der ganze Trump-Schlamassel ja ganz neue ungeahnte Chancen mit sich (Deutschland und Russland nähern sich aneinander an? / Die USA überdenken ihr Wahlsystem? / Europa besinnt und eint sich?). Das Leben ist so unendlich vielfältig, so großartig und so unvorhersehbar! Es hielt und hält so manche Lösung für uns Menschen bereit, die wir uns mit unserem beschränkten Geist – bis zu ihrem Eintreten – niemals hätten vorstellen können.

Nicki Pawlow ist Schriftstellerin und Vortragsrednerin. Sie absolvierte ein Studium der Politischen Wissenschaften, Slavischen Philologie und Neueren Geschichte. Nach der Wende war sie ein Jahr lang Pressereferentin beim Berliner Landesverband der CDU.

Der Text erscheint auf dem Onlineauftritt von Tagesspiegel Steglitz-Zehlendorf. Folgen Sie der Redaktion Steglitz-Zehlendorf gerne auch auf Twitter und Facebook.

 

 




Liebe Leserinnen, liebe Leser,

willkommen im Tagesspiegel Steglitz-Zehlendorf. Unsere lokale Plattform ist offen für Debatten, die die Bürger in Steglitz und Zehlendorf bewegen. Auch direkt aus dem Kiez heraus, aktuell, bürgernah und kritisch. Gerne laden wir auch Sie ein, das Portal gemeinsam mit uns weiterzuentwickeln und zu befüllen; auch die gesellschaftlichen Gruppen und Multiplikatoren sind aufgerufen, eigene Diskussionsbeiträge zu verfassen. Wenn Sie Lust haben, eigene Texte zu liefern, oder Anregungen zu kommunalpolitischen Themen haben, schreiben Sie uns gerne an: steglitz.zehlendorf@tagesspiegel.de

Ihr Team von Tagesspiegel Steglitz-Zehlendorf

29 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben