Berlin: Hochbetagte in Steglitz-Zehlendorf : „Sie bleiben weg und niemand merkt es“

In Steglitz-Zehlendorf leben im Vergleich zu anderen Bezirken die meisten über 80-Jährigen, Tendenz steigend. Und die meisten sind einsam.

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Wenn sie Besuch bekommen, blühen viele Hochbetagte noch einmal richtig auf
Wenn sie Besuch bekommen, blühen viele Hochbetagte noch einmal richtig aufFoto: dpa

 

Sie holt das edle Porzellan aus dem Wohnzimmerschrank, deckt liebevoll den Tisch. Es gibt Kuchen und es duftet nach frischem Kaffee. Jetzt ist sie wieder in ihrem Element, wie damals, als sie noch die Gastgeberin war, im eigenen Haus mit einer großen Familie. Es war immer viel los.

Und jetzt? Um sie herum ist es einsam geworden, das Haus erscheint viel zu groß. Wir nennen ihren Namen hier nicht, um sie zu schützen. Die Dame wohnt in Wannsee, ist hochbetagt, also über 80 Jahre alt und gebrechlich. Ihr Mann lebt nicht mehr. Die Kinder haben eigene Familien und wohnen weit weg. Nachbarn und Freunde nehmen sich wenig Zeit für sie. So geht es offenbar vielen älteren Menschen in Steglitz-Zehlendorf. Ein Phänomen im Berliner Südwesten?

Heute bekommt sie Besuch, von Indra Wiesinger, der Diakonin der Evangelischen Kirchengemeinde Wannsee. Heute kann die ältere Dame noch einmal die Gastgeberin von einst sein. Und dabei blüht sie auf, nimmt wieder teil am Leben. „Das ist schön, sie so zu sehen, denn damit würdige ich diesen Menschen“ erklärt die Diakonin. In solchen Momenten stehe die Gebrechlichkeit nicht im Vordergrund.

Seit vier Jahren gehören diese Besuchsdienste zu ihrer Arbeit. Einfach nur reden, sich miteinander beschäftigen und zuhören - darum geht es. Obendrein ist Wiesinger auch als Beraterin tätig; etwa bei Fragen zu Behörden- oder Arztgängen.

Im Vergleich zu den anderen Bezirken leben in Steglitz-Zehlendorf schon heute die meisten über 80-Jährigen. Das geht aus dem Sozialstrukturatlas von 2013 hervor. Darin heißt es auch, dass hier bis 2030 (im Vergleich zu 2011) eine Steigerung um 104 Prozent erwartet wird. Für ganz Berlin liegt die zu erwartende Wachstumsprognose für diese Altersgruppe im genannten Zeitraum bei 81 Prozent.

Wir sind demnach mittendrin im demografischen Wandel. Es wird Zeit, sich den Menschen zu widmen, die seinerzeit diese Gesellschaft mit gestaltet haben, um deren Würde bis ins hohe Alter zu bewahren. „Sonst bleiben sie einfach weg und niemand merkt es“, spricht Wiesinger aus Erfahrung. Viele schämten sich regelrecht, um Hilfe zu bitten, waren sie es doch früher oft selbst, die anderen geholfen haben.

„Erschwerend hinzu kommt die spezielle Siedlungsstruktur in Teilen des Bezirkes“, erklärt Katja von Damaros, die Kreisdiakoniebeauftragte des Evangelischen Kirchenkreises Teltow-Zehlendorf. Es gebe viele Einfamilienhäuser, alles sei weiträumiger als in den urbanen Gebieten. Geschäfte zur Nahversorgung, medizinische, kulturelle oder kirchliche Einrichtungen seien für mobilitätseingeschränkte Menschen schwer zu erreichen. Die meisten wollten jedoch auch im hohen Alter in ihren eigenen Wohnungen oder Häusern leben. Diese wiederum seien in der Regel nicht barrierefrei gebaut. Hinzu komme, dass der öffentliche Nahverkehr zu wünschen übrig lasse, manche Buslinien würden eingestellt.

Ein weiteres Phänomen: Die Nachbarschaft. Man kennt sich nicht mehr. Gespräche des Alltags zwischen Nachbarn finden immer weniger statt. „All das führt dazu, dass die Hochbetagten einsam werden“, sagt von Damaros weiter. Um das aufzufangen, gebe es zwar viele Einzelangebote in Steglitz-Zehlendorf, beispielsweise von sozialen, bezirklichen oder kirchlichen Trägern, aber es fehle ein Netzwerk, ein Konzept, das alle Kräfte flächendeckend bündle.

Ältere Menschen sind grundsätzlich versorgt, es fehlen ihnen aber Beziehungen und eine Gemeinschaft. Zu diesem Ergebnis sind Studierende der Evangelischen Hochschule Berlin gekommen
Ältere Menschen sind grundsätzlich versorgt, es fehlen ihnen aber Beziehungen und eine Gemeinschaft. Zu diesem Ergebnis sind...Foto: Imago


Das soll sich ändern. Der Kirchenkreis Teltow-Zehlendorf hat ein Projekt unter dem Motto „Getragen in Gemeinschaft – hochbetagt am Rande der Stadt“ initiiert. Dabei sollen Untersuchungen speziell in Schlachtensee und Nikolassee gemacht werden. Das Projekt, das zunächst drei Jahre laufen wird, steht allerdings ganz am Anfang. Der offizielle Startschuss fällt erst noch. Die Finanzierung steht bereits, einen Großteil trägt die Stiftung Deutsches Hilfswerk und es ist eine Stelle für die Projektkoordination ausgeschrieben.

Indra Wiesinger und Katja von Damaros gehören zu dem Team aus ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeitern des Kirchenkreises, das das Projekt auf die Beine stellt. Ebenfalls mit an Bord ist Brigitte Jürjens, Professorin für das Fachgebiet Soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule Berlin (EHB). Die EHB begleitet das Projekt wissenschaftlich und hat außerdem bereits eine Vorstudie zu dem Thema geleistet.

Dabei haben Studierende Interviews mit etwa 50 Hochbetagten in Steglitz-Zehlendorf geführt. Das Ergebnis: Die älteren Menschen sind zwar grundsätzlich versorgt, es fehlen ihnen aber Beziehungen und eine Gemeinschaft. Sie wünschen sich Bindungen, die ihnen das Gefühl geben, dazu zu gehören, ernst genommen und beteiligt zu werden.

Die Autorin ist freie Journalistin, wohnt in Steglitz-Zehlendorf, und schreibt als lokale Reporterin regelmäßig für den Tagesspiegel-Zehlendorf. Folgen Sie Anett Kirchner auf Twitter und auch der Redaktion Zehlendorf .

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