Berlin-Zehlendorf: Kunst gegen Mauern : Ein Projekt macht Schule

Mehr als 10 000 Schüler haben bei seinem Projekt schon mitgemacht: Lukas Wirths macht Kunst gegen Mauern, weil ihn die ewigen Souvenirs des Berliner Symbols anwiderten. Kreativität kann Mauern überwinden, sagt er. Und macht es vor. Ein Porträt.

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Kürzlich fand dazu die erste öffentliche Veranstaltung in der Gail S. Halvorsen Schule in Zehlendorf statt
Kürzlich fand die erste öffentliche Veranstaltung mit den Kunstwerken der Schüler in der Gail S. Halvorsen Schule in Zehlendorf...Foto: Anett Kirchner

„Wer bist Du? Bist Du ein Engel?“ Eine betagte Dame hat das Lukas Wirths einmal gefragt, bevor sie starb. Er möchte eigentlich nicht, dass das hier geschrieben wird. Zu kitschig, findet er. „Das glaubt mir sowieso keiner!“ Ist aber wahr. Er machte seinerzeit in einem Altenpflegeheim ein Freiwilliges Soziales Jahr. Nein, ein Engel sei er nun wirklich nicht, im Gegenteil, früher habe er einigen „Mist“ gebaut. Und heute? Er scheint einen neuen guten Weg gefunden zu haben; mit einem Ziel vor Augen. Der 33-Jährige möchte die vielfache Symbolkraft der Berliner Mauer in die Welt tragen – von seinem Zuhause aus, von Steglitz-Zehlendorf; authentisch, ehrlich, gemeinnützig. In Eigenregie hat er das Projekt „Kunst gegen Mauern“ auf die Beine gestellt, an dem inzwischen 10.000 Berliner Schüler teilgenommen haben.

Kürzlich fand dazu die erste öffentliche Veranstaltung in der Gail S. Halvorsen Schule in Dahlem statt. Schüler der siebten bis neunten Klassen hatten Miniatur-Mauerstücke nach eigenen Vorstellungen künstlerisch gestaltet. Öl- oder Wasserfarben, Bunt- oder Filzstifte, Fineliner, Marker und Kreide – egal, alles war erlaubt. Die Lieblingsmotive: das Friedenssymbol, Brücken, Kreuze, die Sonne, ein Kleeblatt, Regenbogen, das Brandenburger Tor und der Fernsehturm.

Die knapp 18 Zentimeter hohen, im Maßstab eins zu 20,5 gefertigten Mauerstücke aus Gießkeramik wurden in der Aula der Schule zu einer Mauer zusammengestellt und dann symbolisch zu Fall gebracht. Als Erinnerung konnte sich Jeder sein kleines Kunstwerk mit nach Hause nehmen.

Lukas Wirths hat in Eigenregie das Projekt „Kunst gegen Mauern“ auf die Beine gestellt, an dem inzwischen 10 000 Berliner Schüler teilgenommen haben.
Lukas Wirths hat i n Eigenregie das Projekt „Kunst gegen Mauern“ auf die Beine gestellt, an dem inzwischen 10 000 Berliner Schüler...Foto: Anett Kirchner

„Ich möchte die Schüler dazu ermutigen, dass Mauern - auch jene in unseren Köpfen - friedlich und mit Kreativität überwunden werden können“, erklärt Lukas Wirths. Denn die jungen Leute seien schließlich die Zukunft von Berlin. Und diese Stadt liege ihm sehr am Herzen. Er ist ein echter Berliner Junge, ein Original, wie er sagt. Seine Großmutter kommt aus Westend, der Großvater aus Kreuzberg. Lukas Wirths selbst ist in Steglitz aufgewachsen und zur Schule gegangen; erst Dunant-Grundschule und dann Gymnasium Steglitz.

Er plante "große Sachen" und wurde von der Polizei geschnappt

Mit 14 Jahren verlor er in gewisser Weise seinen Weg. Es begann für ihn eine „wilde“ Zeit: Graffiti, Diebstähle, Prügeleien, Drogen. Er schwänzte die Schule, blieb einige Male sitzen und verließ sie ohne Abschluss. „Zwar fühlte ich mich unbesiegbar und hatte Träume, war aber nicht glücklich; ohne Perspektive.“ Seine damaligen Kumpels und er planten schließlich eine „große Sache“, einen schweren Einbruch und wurden von der Polizei geschnappt.

Es folgten zwei Wochen Jugendarrest. „Der Richter sagte zu mir, dass ich beim nächsten Mal ins Gefängnis wandere!“ Er erinnert sich: Gegenüber seiner Zelle im Jugendarrest sei der „richtige Knast“ gewesen. Die Parolen der Häftlinge, die Lukas Wirths von dort hörte, ließen ihm Schauer über den Rücken laufen. „Da wollte ich nie in meinem Leben hin!“ Und so veränderte sich plötzlich alles. Er rappelte sich auf, machte die Schule und das Abitur nach und studierte.

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06.07.2015 12:18Schüler haben Miniatur-Mauerstücke nach eigenen Vorstellungen künstlerisch gestaltet

Einer der wichtigsten Menschen sei dabei immer seine Mutter gewesen. Die gelernte Buch- und Siebdruckerin habe ihm ein schönes, solides Zuhause gegeben. Anders sein Vater, ein Weltenbummler, der sich das Leben nahm, als er neun war. Sein Onkel, eine Art Ersatzvater, starb wenig später an Aids; danach auch noch der Großvater. Schon in jungen Jahren musste Lukas Wirths lernen, mit Krankheit, Tod und Verlust umzugehen. Um das besser zu verstehen und zu verarbeiten, machte er das Freiwillige Soziale Jahr.

Die Souvenirs widerten ihn an

„Ich weiß genau, wie sich Hoffnungslosigkeit anfühlt“, sagt er. Momente, in denen man sich schwach vorkommt, es nach außen aber mit Härte überspielt. Den Glauben an sich selbst und sein Ziel hat er jedoch nie aufgegeben. Und das möchte er jetzt den Jugendlichen als Botschaft vermitteln - im übertragenen Sinne mit der Berliner Mauer. „Denn sie symbolisiert ihren eigenen Fall, die friedliche Revolution“, beschreibt er und fügt hinzu, dass er mit seinem Projekt auch eine kleine Revolution vorhabe.

Und zwar gegen den „Ausverkauf des Images der Stadt“. Ihn widerten unter anderem die unzähligen Souvenirs an, die irgendwo in Asien hergestellt würden und im Grunde reiner Kommerz seien. Er möchte etwas Echtes schaffen, vor Ort produziert und von Berlinern gestaltet. Und für diese Idee opfert er sich auf, arbeitet bis zur Erschöpfung, verbringt manchmal 16 Stunden ohne Pause in seiner Werkstatt. Er fertigt die Mauerstücke selbst. Jedes ist ein Unikat, wird in eine Silikon-Form gegossen. Freunde helfen ihm bei der Produktion und beim Verteilen der Mauerstücke in den Schulen. Seine Mutter hat ihn finanziell unterstützt.

Die Freiheit nehmen sie sich!
Die Freiheit nehmen sie sich!Foto: Anett Kirchner

Und sonst? Voll Optimismus und Tatendrang ist Lukas Wirths mit seinem Konzept unterm Arm losgezogen und hat um Unterstützung gebeten: bei Stiftungen, Firmen, Botschaften, Vereinen und beim Senat. Oft hörte er: „Das ist eine tolle Idee, aber aus gewissen Gründen können wir Sie leider nicht unterstützen.“ Enttäuschung. Frust. Aber nicht Resignation. Eine Firma bot ihm sofort Hilfe an, das Sicherheitsunternehmen Securitas. Es ist bis heute der Hauptsponsor des Projektes. Außerdem nutzte Lukas Wirths seinen Kontakt zur Beuth-Hochschule für Technik Berlin. Dort hat er sieben Semester Mathematik studiert. Die Hochschule organisierte Informationsveranstaltungen und machte somit das Projekt in den Schulen bekannt.

Die Lehrer waren offensichtlich von der Idee begeistert, denn innerhalb kürzester Zeit hatte er die Zusage von 10.000 Schülern in der Tasche und avancierte damit zum größten Schulprojekt in Berlin, wie er sagt. Projektbeginn war das Jubiläum zum 25. Jahrestag des Mauerfalls am 9. November im letzten Jahr. Seither kommt Lukas Wirths kaum noch zur Ruhe. Inzwischen fand auch ein erstes ausländisches Partnerprojekt in der Türkei statt. Und im September werden sich Austauschschüler aus Indien und Israel beteiligen. Der Kontakt entsteht in der Regel durch die weltweiten Partnerschaften der Schulen.

Er freut sich über diese Resonanz, genießt den Zuspruch, weiß aber gleichzeitig, dass sein Projekt auch in Zukunft kein Selbstläufer sein wird. Material, Transport, Produktion – alles kostet Geld. Deshalb sucht er weitere Sponsoren und Partner; Menschen, die an sein Projekt glauben. Denn, selbst wenn er etwas Ähnliches wie ein Engel wäre, Geld fällt eben nicht einfach so vom Himmel. Wer Lukas Wirths und sein Projekt unterstützen möchte, kann sich hier informieren.

Die Autorin Anett Kirchner ist freie Journalistin, wohnt in Steglitz-Zehlendorf, und schreibt als lokale Reporterin regelmäßig für den Tagesspiegel Zehlendorf. Folgen Sie Anett Kirchner auch auf Twitter.

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