Berlin-Zehlendorf : Nach Hornissen-Angriffen: Polizei rückt mit Flatterband an

Hornissen greifen mehrere Frauen an, der Notarzt kommt – wer spannt Flatterband? Die Geschichte einer Ämter-Odyssee.

Nándor Hulverscheidt
Die Stiche der bis zu vier Zentimeter großen Insekten schmerzen zwar, sind aber - abgesehen von Allergikern - ungefährlich.
Die Stiche der bis zu vier Zentimeter großen Insekten schmerzen zwar, sind aber - abgesehen von Allergikern - ungefährlich.Foto: IMAGO

Es geschah an der Krummen Lanke in Zehlendorf, nahe dem Wasserwerk. Beate Stermann bemerkte beim Joggen an einer der Badestellen eine Frau im Wasser. „Sie konnte mir gerade noch sagen, dass sie von einer Hornisse in den Kopf gestochen wurde und allergisch ist. Dann verlor sie immer wieder das Bewusstsein.“

Beate Stermann hat dies auf unserem Tagesspiegel-Stadtteilportal Zehlendorf berichtet und darüber, wie sie Hilfe holen wollte – doch der Reihe nach.

Mit einer anderen Helferin zog Stermann die Bewusstlose in ihren Sportsachen schnell aus dem Wasser; ein anderer Spaziergänger setzte einen Notruf ab. „Da der Puls der Gestochenen immer schlechter wurde, rief ich erneut an“, berichtet Stermann. „Der Rettungswagen kam – ohne Notarzt – ungefähr nach fünf Minuten. Zusammen trugen wir die Frau auf die Liege und dann in den Wagen.“

Auch die Feuerwehr hat den Notruf notiert. Exakte Zeit: 9.13 Uhr. Am See alarmierten die Sanitäter einen Notarzt, da Puls und Atmung der gestochenen Frau unregelmäßig waren. Schließlich wurde die Allergikerin in die Notaufnahme der nahen Waldfriede-Klinik eingeliefert.

Drei badende Frauen wurden gestochen

Ist die Geschichte damit vorbei? Noch lange nicht. Denn drei weitere badende Frauen wurden in den Kopf gestochen; kurz nach 10 Uhr musste die Feuerwehr wieder mit einem Rettungswagen anrücken. Zweimal hatten die Hornissen bei einem Allergiker zugestochen. Es gab also ein schmerzhaftes Problem, das es zu lösen galt. Und sei es mit einem Flatterband rund ums Nest.

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Beate Stermann griff zum Telefon. Ihre Zusammenfassung liest sich so:

„1. Untere Naturschutzbehörde:

nicht zuständig,

2. Bürgertelefon – kein Durchkommen

3. Forstamt – nicht zuständig

4. Nabu – auf den AB gesprochen

5. Ordnungsamt nicht zuständig. Hat mich an den Polizeinotruf verwiesen

6. Polizeinotruf – nicht zuständig

7. Polizeiwache Alemannenstraße.“

Nach einer Stunde war Beate Stermann am Ziel. In der Dienststelle verspricht man ihr, dass sich jemand kümmern werde. Nur: „Als ich am Mittwoch erneut vorbeikam, war nichts passiert“, sagt Stermann. Nachfragen? Geht nicht, weil sie keine „Vorgangsnummer“ nennen kann.

Beim Naturschutzbund ist man überrascht von der Untätigkeit der Behörden

Der Frust sitzt, die Frage bleibt: Wem meldet man denn nun so was?

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Anruf bei der Polizei im Abschnitt 43. Doch, man habe eine Funkstreife zur Krummen Lanke geschickt. Die Beamten hätten allerdings weder Hornissen gefunden noch etwas unternommen.

Anruf bei der Feuerwehr. Auch dort erklärt man nicht zuständig zu sein. „Einfach so sperren wir den Wald nicht ab.“

Anruf beim Naturschutzbund. Melanie von Orlow, Expertin für Hornissen und Wespen, ist überrascht von der Untätigkeit der Behörden: „Aus meiner Sicht erfordert der Auftrag zur Gefahrenabwehr hier eine Absperrung. Schon fünf Meter rund um das Nest wären genug.“ Zwar seien Hornissen generell nicht aggressiv gegenüber dem Menschen, im September aber seien die Tiere stets in Alarmbereitschaft. Dann gilt es nämlich, die für den Fortbestand der Kolonie verantwortliche Königin um jeden Preis zu verteidigen. Von Orlow vermutet, dass die Kolonie an der Krummen Lanke in der Nacht durch einen Nesträuber aufgeschreckt wurde. Jedenfalls sagt sie: Eigentlich sei schon der Nabu ein guter Ansprechpartner – wenn denn nicht gerade der Anrufbeantworter anspringt.

In den Schatten flüchten und den Kopf bedecken

Ob sie denn einen Tipp hat? Ja. Und nicht nur einen. Im Falle einer Begegnung mit Hornissen empfiehlt die Expertin, möglichst den Kopf zu bedecken, etwa mit einer Kapuze, da die Tiere ansonsten besonders die Haare ins Visier nehmen würden. Ebenso sei es sinnvoll, in den Schatten zu flüchten, da sich Hornissen von starken Hell-Dunkel-Kontrasten angezogen fühlen. Allerdings betont von Orlow, dass die bis zu vier Zentimeter großen Insekten für den Menschen abgesehen von Allergikern ungefährlich sind. „Ihr Gift ähnelt dem von Wespen und ist etwa zehnmal schwächer als das von Bienen. Deren Völker können eine tödliche Waffe sein“, erklärt sie.

Berliner, die Probleme mit Ansiedlungen von Hornissen oder Wespen haben, können jederzeit beim Nabu anrufen. Dessen ehrenamtliche Berater wie Melanie von Orlow erstellen kostenlose Gutachten zu störenden Kolonien. Auf dieser Basis entscheidet dann die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, was mit dem Nest passiert. Dabei werden die Tiere meist nicht bekämpft, sondern umgesiedelt – Hornissen stehen seit 1987 unter Artenschutz. Zudem endet der Spuk normalerweise im Herbst von allein. „Bis auf die Königin des Volkes sterben alle anderen Tiere ab.“

Am Donnerstag hat die Polizei dann doch mal nachgesehen – und auch das Nest gefunden. „Die Öffnung in dem Baum zeigt direkt auf den Wanderweg“, sagte eine beteiligte Beamtin. Und was hat sie gemacht? Flatterband und Warnhinweise angebracht.

Zum Ausschneiden: Nabu-Info-Telefon unter 986 08 37-0 (Mo - Do 10-12 Uhr, 14-16 Uhr, Fr. 10-12 Uhr)




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