Besuch bei der Waldfee von Zehlendorf : Und wo sind Tiger und Bär?

Das war der schönste Urlaubstag meines Lebens, hat einmal ein Kind zu ihr gesagt. Bettina Foerster-Baldenius bringt Berliner Kindern den Wald näher und erlebt dabei so manche Überraschung. Wir haben die Frau besucht, die seit 17 Jahren als Waldpädagogin arbeitet.

Anett Kirchner
Die Waldfee, genauer gesagt, die Waldpädagogin von Zehlendorf. Bettina Foerster-Baldenius arbeitet seit 17 Jahren im Wald und für die Kinder Berlins.
Die Waldfee, genauer gesagt, die Waldpädagogin von Zehlendorf. Bettina Foerster-Baldenius arbeitet seit 17 Jahren im Wald und für...Foto: Anett Kirchner

„Guck mal da, ein Känguru“, soll ein Kind einmal gesagt haben, als es im Wald einen hüpfenden Hasen entdeckte...

Bettina Foerster-Baldenius macht sich häufig Sorgen, wie eingeschränkt die Lebenswelt mancher Kinder in der Großstadt ist. Als sie selbst noch klein war, konnte sie sehr wohl einen Hasen von einem Känguru unterscheiden. Der Wald war und ist für die gebürtige Bremerin wie eine zweite Heimat. Durchs Unterholz kriechen, auf Bäume klettern, Pilze sammeln oder Tierspuren erkunden – hier fühlt sie sich aufgehoben. Deshalb hat sie ihren Traumjob gefunden. Bettina Foerster-Baldenius ist Waldpädagogin.

Großstadt und Wald - ein Widerspruch? Nicht in Steglitz-Zehlendorf. Der Arbeitsplatz der 49-Jährigen liegt idyllisch im Düppeler Forst. Sie unterrichtet an der Waldschule Zehlendorf. Fast täglich kommen Schulklassen hierher; zumeist sind es Grundschulkinder. „Manche waren zuvor noch nie in einem Wald“, erzählt Foerster-Baldenius. Nicht selten erwarteten sie exotische Tiere wie frei laufende Tiger und Bären.

„Oder sie haben Angst, weil ihnen die Eltern schlimme Geschichten über den Wald erzählen“, sagt sie. Unsinn! In der S-Bahn oder auf dem Schulweg könnten womöglich mehr Unfälle passieren als im Wald. Und da Abenteuerlust und Entdeckersinn in jedem Menschen schlummern, sei es ganz einfach, bei den Kindern eine ehrliche Begeisterung für die Natur zu wecken. Genau das betrachtet sie als ihre Aufgabe: Jedes Berliner Schulkind sollte mindestens einmal im Leben eine Waldschule besucht haben.

Hups, beißen die? Die Waldpädagogin im "Klassenzimmer" der Waldschule.
Hups, beißen die? Die Waldpädagogin im "Klassenzimmer" der Waldschule.Foto: Anett Kirchner

Aus diesem Grund sitzt Bettina Foerster-Baldenius oft lange in der mit einem Holzofen beheizten Waldschulhütte und überlegt, wie sie neue Impulse in den Unterricht bringen kann. Tierpräparate unter anderem von Fuchs, Maulwurf, Waschbär und Wiesel haben „Die Berliner Forsten“ bereitgestellt; gesammelte Federn, Vogelnester, Zapfen und Geweihe ergänzen die Anschauungsmaterialien. Ein Unterricht zum Anfassen soll es sein. Und wenn die Kinder vor Neugier nicht mehr still sitzen können, geht es hinaus in den Wald auf Entdeckungstour.

Bettina Foerster-Baldenius ist von Hause aus ein richtiger Großstadtmensch. Sie hat in Bremen, Hamburg, München und sogar in Boston in den Vereinigten Staaten gelebt. Seit 1991 ist sie Wahl-Berlinerin. Das Leben in zwei Welten, sowohl in der Stadt als auch in der Natur, findet sie reizvoll und in Berlin lässt sich das perfekt einrichten. Sie muss nur auf das Fahrrad steigen und ist in fünf Minuten im Wald. Abends kann sie dann ins Kino oder in eine Bar gehen. Die Gegensätze sind es, die sie das Leben spüren lassen.

Wo sich Hase, ähm, Fuchs und Igel gute Nacht sagen...
Wo sich Hase, ähm, Fuchs und Igel gute Nacht sagen...Foto: Anett Kirchner

Ihr Nachname „Foerster“ ist zwar Zufall, aber zugleich auch Programm. „Ich habe mich dadurch schon sehr früh mit diesem Beruf beschäftigt“, erklärt die studierte Diplom-Forstwirtin. Später durch die eigene Familie wurde der dreifachen Mutter bewusst, wie wichtig es ist, Kindern aus der Großstadt die Natur näher zu bringen.

Daraufhin arbeitete sie sich in die einschlägige Literatur ein. Vorreiter auf dem Gebiet sei der amerikanische Naturpädagoge Joseph Cornell, der in den 1980er Jahren das Konzept Flow Learning entwickelte. Seine Methode beschreibt den Spannungsbogen, wie Menschen schrittweise zu einem nachhaltigen Erlebnis in der Natur geführt werden können.

Wohnt da die Hexe? Nein, liebe Kinder, hier unterrichtet die Waldfee von Zehlendorf!
Wohnt da die Hexe? Nein, liebe Kinder, hier unterrichtet die Waldfee von Zehlendorf!Foto: Anett Kirchner

Die erste Waldschule in Berlin wurde 1991 in Spandau gegründet, fünf Jahre später kam die Zehlendorfer hinzu. Beide werden inzwischen von dem Verein Jugend in Berliner Wäldern (JiBW) betrieben und arbeiten eng mit den Berliner Forsten zusammen. Von dort kommt auch die Finanzierung für die Arbeit in den Waldschulen.

Bei den Berliner Forsten hat Foerster-Baldenius ihre Ausbildung zur Waldpädagogin gemacht und mit einem Zertifikat abgeschlossen. Inzwischen ist der Beruf in der Gesellschaft angekommen. Es werden berufsbegleitende Fortbildungen angeboten und die Fachhochschulen haben die Waldpädagogik in ihre Studiengänge integriert.

Bären? Tiger? Kängeruhs? Manchmal ist es gar nicht so einfach, den Kindern in der Waldschule zu erklären, warum sie diese Tiere im heimischen Wald von Berlin eher nicht antreffen...
Bären? Tiger? Kängeruhs? Manchmal ist es gar nicht so einfach, den Kindern in der Waldschule zu erklären, warum sie diese Tiere im...Foto: Anett Kirchner

Seit etwa 17 Jahren arbeitet Bettina Foerster-Baldenius nun schon als Waldpädagogin. Jeder Tag ist neu und jeder Tag anders, sagt sie. Morgens, wenn die 49-Jährige vom S-Bahnhof Wannsee den Stahnsdorfer Damm entlang läuft und in den Waldweg zu ihrem Arbeitsort einbiegt, genießt sie diesen „Spaziergang“. Das Rascheln der Blätter, das Knirschen der Baumstämme und der Duft des Waldes: Es macht sie ruhig und gibt ihr eine innere Zufriedenheit.

Dieses Gefühl versucht sie ihren Schülern zu vermitteln. So erinnert sie sich mit Freude an ein Kind, dass einmal sagte: „Das war der schönste Urlaubstag in meinem Leben!“ Mission erfüllt, würde sie denken. Und wenn die Kinder darüber hinaus noch verstehen lernen, dass es Sinn macht, die Natur zu schützen: Umso besser. „Denn sie werden sich später einmal nur für das einsetzen, was sie kennen und lieben“, sagt Bettina Foerster-Baldenius.

Die Autorin ist freie Journalistin und schreibt unter anderem für die Evangelische Wochenzeitung "dieKirche". Der Text erscheint auf dem Zehlendorf Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegels.




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