Die Flüchtlinge und Wir: Ein Gastbeitrag der Kirche : "Der Schutz von Menschen ist wichtiger als der von Grenzen"

"Seht in den Flüchtlingen nicht 'die Fremden' - erinnert euch daran, dass viele eurer Großeltern Flüchtlinge waren." Der Satz stammt aus dem Aufruf des Evangelischen Kirchenkreises Teltow-Zehlendorf. Hier schreibt der Superintendent, was wir beherzigen sollten.

Johannes Krug
Zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Flüchtlinge, die es über das Mittelmeer geschafft haben und nun warten müssen, was mit ihnen geschieht.
Zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Flüchtlinge, die es über das Mittelmeer geschafft haben und nun warten müssen, was mit ihnen...Foto: Imago

Wer kann bei „Mittelmeer“ noch an unbeschwerte Ferien denken? Es ist zum Grab geworden für Tausende. Und wie viele müssen noch ertrinken, bis sich in Europa die Einsicht durchsetzt, dass für eine EU-Mission der Schutz von Menschen wichtiger sein muss als der Schutz von Grenzen. Dabei ist das Mittelmeer so sehr in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt, dass zu schnell vergessen wird, wie viele Menschen ihr Leben auf den gefährlichen, mörderischen Landrouten verlieren, bevor sie Platz finden in einem der Boote.

Wie verzweifelt muss man eigentlich sein, das letzte Hab und Gut einzusetzen, um auf einer hoch gefährlichen Flucht sein Leben und das Leben der Kinder zu riskieren? Wenn viele Menschen darin die bessere Alternative erkennen, lässt sich erahnen, was Dableiben für sie bedeutete. Es ist schlichtweg schäbig, wenn heute noch in öffentlichen Aufrufen von „Wirtschaftsflüchtlingen“ oder „Scheinasylanten“ zu lesen ist. Und es ist kaltherzig, angesichts des Sterbens und der Not zu jammern über eine mögliche Minderung des Grundstückswertes.

Die Wahrheit ist: Wären wir verfolgt, wäre unser Land verheert, sähen wir keine Zukunft mehr für unsere Kinder, wir machten uns auch auf den Weg in der Hoffnung, Menschen zu treffen, die menschlich zu uns sind. Genau darauf haben vor 70 Jahren übrigens unsere Vorfahren gehofft. Viele von uns verdanken ihr Leben den Menschen, die damals unsere flüchtenden Großeltern aufgenommen haben. Das sollten wir gerade in diesem Jahr nicht vergessen.

Groß ist die Zahl von Menschen (viele von ihnen sind übrigens Christen), die heute bereit sind, hier und da zu helfen. Sie sind ein Segen. Es fehlt noch an Ehrenamtlichen, die sich für ein verbindliches Engagement über eine längere Dauer gewinnen lassen. Wir brauchen noch mehr Bereitschaft, Patenschaften zu übernehmen, Wohnraum an Flüchtlinge zu vermieten oder besonders schutzbedürftige Flüchtlinge im nicht genutzten privaten Wohnraum aufzunehmen.

Es ist die Aufgabe der Staaten in Europa, den Schutz von Flüchtlingen in eine Balance zu bringen mit den Kapazitäten der Mitgliedsländer. Nach evangelischem Verständnis darf die Kirche so wenig an die Stelle des Staates treten wie sie den einzelnen Christinnen und Christen ihre Meinungsfindung und politische Verantwortung abnehmen kann. Aber die Kirche begleitet beide Seiten darin, dass sie Kriterien für eine verantwortliche Urteilsbildung an die Hand gibt. Die evangelischen Vertreter des Kirchenkreises Teltow-Zehlendorf haben sich bereits im Herbst 2014 auf diesen Aufruf verständigt: 

Warten auf eine Zukunft. Flüchtlingskind auf Lampedusa.
Warten auf eine Zukunft. Flüchtlingskind auf Lampedusa.Foto: Imago

„Berlin und Brandenburg waren in ihrer Geschichte immer wieder Zufluchtsort und sind es heute erneut geworden. Sie haben es in der Vergangenheit geschafft, Flüchtlinge zu Berlinern und Brandenburgern zu machen. Mit dem, was sie an Erfahrungen, an Sichtweisen und an Können mitbrachten, waren Flüchtlinge ein Segen für Stadt und Land. Die Synode des Evangelischen Kirchenkreises Teltow-Zehlendorf ruft dazu auf: Berlinerinnen und Berliner, Brandenburger und Brandenburgerinnen, ob ihr Christen seid oder nicht: bleibt dieser Tradition treu, seid stolz auf sie! Wo immer ihr lebt, redet oder handelt, sei es im privaten Umfeld, in politischen Diskussionen oder bei beruflichen Entscheidungen, beherzigt Folgendes:

-        Seht in den Flüchtlingen nicht „die Fremden“ – erinnert euch vielmehr daran, dass viele eurer Großeltern Flüchtlinge waren. Und eure Kinder könnten es werden.

-        Achtet die Flüchtlinge als Gottes Ebenbilder. Ihre Würde und nicht euer Wohlbefinden sei der Maßstab eures Handelns.

-        Seht, achtet und schätzt die Talente, Kompetenzen und Erfahrungen, die Flüchtlinge mitbringen.

-        Hört zu: Jeder Flüchtling hat uns eine eigene, oft schreckliche, Geschichte zu erzählen.

-        Vergesst nicht, wie erschöpft und verletzt an Leib und Seele diese Menschen sind.

-        Bewahrt euch die Sensibilität für die Ursachen von Flucht und Vertreibung.

-        Seid dankbar für die beachtliche Hilfsbereitschaft der Zivilgesellschaft in Willkommensbündnissen und im ehrenamtlichen Engagement. Auch sie, die Helfenden, brauchen Anerkennung und Unterstützung.

-        Ihr politischen Verantwortungsträgerinnen und –träger:

Macht Flüchtlingspolitik nicht zum Thema parteipolitischer Mobilisierung. Politik in der Verantwortung vor Gott, sei sie links, konservativ oder alternativ, hat nur Bestand, wenn sie daran ausgerichtet ist, Menschlichkeit walten zu lassen.“

Als evangelische Christen stehen wir auf der Seite der Flüchtlinge. Denn Gott ist ein menschenfreundlicher Gott. Und Jesus spricht: „Ich bin ein Fremdling gewesen, und ihr habt mich beherbergt.“ (Matthäus 25,35)

Johannes Krug, Superintendent des evangelischen Kirchenkreises Teltow-Zehlendorf.
Johannes Krug, Superintendent des evangelischen Kirchenkreises Teltow-Zehlendorf.Foto: Anett Kirchner

Johannes Krug wurde 1969 in Hannover geboren. Er studierte Evangelische Theologie in Heidelberg und Jerusalem. Nach seiner Promotion ging er für ein Sondervikariat nach Brüssel zum EU-Bevollmächtigten der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Das Vikariat machte er in Ostfriesland. Krug ist verheiratet, hat vier Kinder und lebt seit 2003 in Berlin. Er war acht Jahre lang Pfarrer in der St. Mariengemeinde am Alexanderplatz und ist seit März 2012 Superintendent im Kirchenkreis Teltow-Zehlendorf.

Der Text erscheint auf dem Tagesspiegel Zehlendorf, dem Online-Portal der Zeitung aus dem Südwesten Berlins.




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