Eindrücke aus Istanbul : Mehr Schleier und Tücher

Unsere türkischstämmige Autorin schildert ihre Ferienerlebnisse in Istanbul, die sich stark verändert haben durch den Konflikt zwischen der Regierung und der Protestbewegung. Statt Gemütlichkeit verspürte sie Tränengas in den Augen, das vom Taksimplatz her wehte. Und die Kneipen im Viertel rund um den Galataturm sollen keine Tische mehr herausstellen.

Meltem Ohle
Eskalation in der Einkaufsmeile. Wie hier auf einem Foto vom 8. Juli aus der Istiklal-Straße geht die Istanbuler Polizei gegen Proteste vor. Foto: dpa
Eskalation in der Einkaufsmeile. Wie hier auf einem Foto vom 8. Juli aus der Istiklal-Straße geht die Istanbuler Polizei gegen...Foto: dpa

Ich verbringe meinen Sommerurlaub wie fast jedes Jahr in der Türkei. Doch bevor es an den Strand geht, bin ich mit meiner Familie noch ein paar Tage in Istanbul. Die Stadt hat sich verändert, das merkt man sofort, wenn man auf der europäischen Seite unterwegs ist. Was stark auffällt, sind die vielen Frauen mit Ganzkörperverschleierung oder Kopftüchern. Es sind deutlich mehr als in den Jahren davor.

In den Stadtteilen Beyoğlu und Sultanahmet (hier sind die Haupttouristenattraktionen wie die Hagia Sophia, die Blaue Moschee, der Galataturm und der Sultanspalast Topkapi) ist Erdogans konservative Partei, die AKP, an der Macht.

Meltem Ohle, 16, ist Schülerin am musikbetonten Droste-Hülshoff-Gymnasium in Zehlendorf. Foto: privat
Meltem Ohle, 16, ist Schülerin am musikbetonten Droste-Hülshoff-Gymnasium in Zehlendorf.Foto: privat

Sie hat durchgesetzt, dass die Restaurants in den Stadtteilen, in denen sie regiert, keine Tische mehr auf den Gehweg stellen dürfen. Damit will man den Menschen die Möglichkeit nehmen, sich ihren Lastern hinzugeben. Beyoğlu, das Istanbuler Ausgehviertel, hat dadurch sehr an Flair verloren.

Auf der asiatischen Seite, in Kadiköy, ist die Stimmung ganz anders: viel mehr Studenten, auf den Straßen stehen Tische und ich fühle mich so, wie man sich früher immer in Istanbul gefühlt hat, frei und unbeschwert. Ich komme mir nicht mehr so komisch vor, da ich hier nicht die einzige in kurzen Hosen bin. Es ist sehr viel liberaler als auf der europäischen Seite, was daran liegen könnte, dass dieser Stadtteil von der CHP, den Sozialdemokraten, regiert wird.

Am Sonnabend, dem 6. Juli, sollte wieder eine Demo stattfinden, wie wir von einem Freund erfuhren. Am Mittag dieses Tages gehen wir direkt am Taksimplatz essen. Obwohl die Demo eigentlich erst um 19 Uhr starten soll, stehen schon mehrere Mannschaftswagen der Polizei dort und  die Polizisten und Polizistinnen tummeln sich zwischen den Leuten. Die Wasserwerfer werden schon in Position gebracht. Später, abends im Apartment, sitzen wir alle vor dem Fernseher und sehen erschreckende Bilder, an die man sich aber leider im Zusammenhang mit der Protestbewegung in der Türkei gewöhnt haben kann. Leute werden  mit Wasserwerfern „weggefegt“ und Gas wird herumgesprüht. Die Polizei hat dadurch, dass sie am Mittag den Taksim schon „besetzt“ hat, den Demonstranten kaum eine Chance gegeben, auf den Platz zu kommen.

Kurz darauf verlassen wir das Haus, um etwas essen zu gehen. Wir wohnen direkt am Galataturm, ein paar Minuten entfernt von der Istiklal-Straße. Man spürt sofort das Gas in den Augen, die leicht anfangen zu brennen. Viele Türken mit Gasmasken kommen aus der Richtung des Taksimplatzes gelaufen, einige rennen panisch. Man hört viel Lärm von der Istiklal-Straße.

Es ist sehr schade, wie dieser Teil der Stadt sich entwickelt hat. Früher war es sehr angenehm in Beyoğlu, ich bin gerne dort herumgelaufen. Doch jetzt, wenn man als Ausländer mit kurzen Hosen manchmal schon missbilligend und verachtend angeschaut wird, fahre ich lieber nach Kadiköy, um dort an einem Tisch auf der Straße zu sitzen und dem geschäftigen bunten Treiben zuzugucken.

Die Autorin ist Schülerin am Droste-Hülshoff-Gymnasium. Der Text erscheint auf dem Zehlendorf Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegels.




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