Flüchtlinge in Berlin : Warum helfen oft so schwierig ist

Mehr als 20.000 Flüchtlinge werden dieses Jahr nach Berlin kommen. Die Stadt ist überfordert. Wo der Staat versagt, wollen jetzt die Nachbarn helfen. Doch im Alltag, wie etwa in Berlin-Zehlendorf, zeigt sich: Das kann ganz schön frustrierend sein.

von
Thomas Fuchs wollte mit seiner Facebook-Seite der Aktion „Nein zum Heim“ in Köpenick etwas entgegensetzen. Er und seine Familie wurden dafür angefeindet und angegriffen.
Thomas Fuchs wollte mit seiner Facebook-Seite der Aktion „Nein zum Heim“ in Köpenick etwas entgegensetzen. Er und seine Familie...Foto: Sven Darmer/Davids

Acht Kinder hüpfen kreischend um den Tisch, an dem schweigend vier ältere Damen sitzen und ihre Kaffeetassen umklammern. Die erste schließt irgendwann die Augen. Die zweite murmelt: „Kinderbetreuung wollte ich eigentlich nicht machen.“ Die anderen beiden schweigen. „Schokolade!“ ruft da ein kleiner Junge, zwängt sich zwischen zwei Damen und greift in die Schale mit Keksen, die auf dem Tisch steht. Die anderen Kinder tun es ihm sofort nach. Als sie ihre Hände zurückziehen, ist die Schale leer.

Es ist ein trüber Mittwochnachmittag im Februar, die vier Damen haben in der Asylbewerberunterkunft in der Zehlendorfer Goerzallee zur „Teestube“ geladen. Flüchtlinge, die hier leben, wollen sie willkommen heißen. Eine von ihnen sagt: „Ich will zeigen, dass die Pegida in Deutschland nicht die Mehrheit ist.“ Eine andere erklärt: "Ich will den Menschen hier vermitteln, dass es für mich eine Bereicherung ist, dass sie zu uns kommen."

Mehr als 20 000 Menschen werden in diesem Jahr voraussichtlich in Berlin Asyl beantragen, im vergangenen Jahr waren es mehr als 10 000. Auch in nächster Zeit werden neue Asylbewerberheime öffnen. Doch niemand, so scheint es, will ein Heim in seiner Nachbarschaft. Fast immer protestieren Anwohner, wenn eines eröffnen soll. Deutschland redet viel über einer Willkommenskultur. Doch wie kann das funktionieren, Flüchtlinge willkommen heißen?

Eine der Damen ist Sabine Schröder-Schaupp, eine rundliche und resolute Rentnerin. Sie sagt, für sie sei es nur logisch, hier zu sitzen, immer schon habe sie sich gegen Fremdenfeindlichkeit positioniert. Nach den ausländerfeindlichen Pogromen in Rostock-Lichtenhagen wachte sie vor Asylbewerberheimen. Als Flüchtlinge vor eineinhalb Jahren in ein Heim in Hellersdorf zogen, vor dem zuvor die NPD aufmarschiert war, hielt sie ein Schild mit der Aufschrift „Refugees Welcome“ in die Luft.

"Mann braucht einen langen Atem"

„Mein ganzes Leben lang ist es mir gut gegangen“, sagt sie. „Ich will den Menschen, denen es nicht so gut geht, etwas von meinem Glück abgeben.“ Wie macht sie das? Ein wenig ratlos schaut sie die Kinder an, die immer noch um sie herumhopsen. „Man braucht einen langen Atem“, sagt sie schließlich.

Einige Monate lang haben sie und andere Freiwillige des Asylbewerberheims in der Goerzallee verhandelt, bis die Heimleitung endlich einen großen Gemeinschaftsraum für ihre „Teestube“ zur Verfügung gestellt hat. Viele Mitstreiter sind in der Wartezeit abgesprungen. Die vier Damen aber haben sich nicht abbringen lassen. Als endlich das erste Treffen stattfand, kamen keine Flüchtlinge, nur neun Freiwillige. Jetzt, zum dritten Treffen, sind nur die Kinder der Asylbewerber gekommen.

„Mit den Leuten hier kann nicht jeder“, sagt eine der anderen Damen im Gemeinschaftsraum, sie senkt ihre Stimme, „viele hier sind ja auch gar keine richtigen Flüchtlinge“.

Richtige Flüchtlinge sind für sie Menschen, die aus Kriegsgebieten geflohen sind. Die meisten derzeitigen Bewohner des Asylbewerberheims aber stammen aus den Balkanstaaten. Es sind arme Familien mit vielen Kindern, die vor dem harten Winter in Bosnien oder Albanien geflohen sind. Ihre Chancen auf ein Bleiberecht in Deutschland sind gering. Bis zum Frühjahr, wenn es wieder wärmer wird, werden sie normalerweise in Deutschland geduldet.

Widerstand gegen Asylunterkünfte gibt es auch hier im wohlhabenden Süden Berlins. Bezirksverordnete berichten, dass sie vor einem Jahr Briefe bekamen, in denen Anwohner gegen das Heim in der Goerzallee protestierten. Es soll auch Unterschriftenlisten gegen zwei weitere Heime gegeben haben, öffentlich gemacht wurden die allerdings nie. Es wird gemunkelt, dass mancher Anwohner seine Beziehungen zu CDU-Politikern spielen ließ, um das Containerdorf am Lichterfelder Osteweg zu verhindern. Sicher ist jedenfalls: Die Brache dort gilt plötzlich doch nicht mehr als geeigneter Standort für ein Asylbewerberheim. Liege einfach viel zu dicht am Heim in der Goerzallee, erklärt Bürgermeister Norbert Kopp. In anderen Bezirken ist das kein Argument. In Köpenick zum Beispiel hat im Dezember ein Containerdorf eröffnet, keine 500 Meter Luftlinie von einer anderen Gemeinschaftsunterkunft entfernt.




Liebe Leserinnen, liebe Leser,

willkommen im Tagesspiegel Steglitz-Zehlendorf. Unsere lokale Plattform ist offen für Debatten, die die Bürger in Steglitz und Zehlendorf bewegen. Auch direkt aus dem Kiez heraus, aktuell, bürgernah und kritisch. Gerne laden wir auch Sie ein, das Portal gemeinsam mit uns weiterzuentwickeln und zu befüllen; auch die gesellschaftlichen Gruppen und Multiplikatoren sind aufgerufen, eigene Diskussionsbeiträge zu verfassen. Wenn Sie Lust haben, eigene Texte zu liefern, oder Anregungen zu kommunalpolitischen Themen haben, schreiben Sie uns gerne an: steglitz.zehlendorf@tagesspiegel.de

Ihr Team von Tagesspiegel Steglitz-Zehlendorf

32 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben