Flüchtlinge in der Onkel-Tom-Halle in Zehlendorf : "Es gibt nichts mehr zu essen"

Eine erfahrene, ehrenamtliche Helferin traf am Donnerstagabend in der Notunterkunft Onkel-Tom-Sporthalle ein, was sie sah, schockierte sie und bestätigt die Eindrücke der Tagesspiegel-Redaktion: 150 Flüchtlinge, keine professionelle Hilfe vor Ort.

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Onkel-Tom-Sporthalle in der gleichnamigen Straße in Berlin-Zehlendorf. Normalerweise spielen im Winter hier die Fußballmannschaften von Hertha 03, jetzt sind 200 Betten in der Halle aufgebaut worden, dicht an dicht, nur der Betreiber ließ sich am ersten Tag nicht blicken.
Onkel-Tom-Sporthalle in der gleichnamigen Straße in Berlin-Zehlendorf. Normalerweise spielen im Winter hier die...Foto: ale

Gabriele Bayertz traute ihren Augen nicht. Als die Zehlendorferin am späten Donnerstagabend in die Onkel-Tom-Halle in der gleichnamigen Zehlendorfer Straße kam, um warme Kleidung, Schuhe und andere Dinge für die Flüchtlinge abzugeben, war sie schockiert: "Es war niemand da, es gab keinen Betreiber, der sich gekümmert hat, es gab nur drei völlig überforderte junge Männer, die gleichzeitig Dolmetscher, Sicherheitsdienst und Betreuer in einem waren." Dann hörte sie, wie einer der jungen Wachschützer zu einem kleinen Kind sagte: "Es gibt nichts mehr zu essen."

Sie stiegen wieder ins Auto und fuhren zum Supermarkt

Bayertz ist seit einiger Zeit engagiert in der ehrenamtlichen Betreuung von Flüchtlingen. Die professionelle Tanzpädagogin und Choreografin kennt sich ein wenig aus mit anderen Flüchtlingsunterkünften, beispielsweise in Stahnsdorf oder Teltow, und deshalb wusste sie ziemlich schnell: "Hier fehlt es so ziemlich an allem." Gemeinsam mit einer Freundin und einem anderen, freiwillig helfenden Pärchen stieg Bayertz wieder ins Auto und fuhr zum nächsten Supermarkt, um einzukaufen.

Der Tagesspiegel war an diesem Donnerstag bereits sehr früh in der Halle, gegen 8 Uhr morgens, danach nochmals gegen 12 und 17 Uhr. Auch der Bezirksbürgermeister Norbert Kopp war gegen Mittag dort. Immer das gleiche Bild: Drei junge, überforderte Männer, die selbst von sich sagten, dass sie bei einem Sicherheitsdienst angestellt seien und keine Auskünfte geben dürfen. Ein weiterer junger Mann, der wenig Deutsch sprach, gab sich am Donnerstagmorgen als "Sozialarbeiter" aus, er sei angestellt beim Betreiber und zwar seit Mittwochabend.

Betreiber ist die "Sanctum Homes GmbH". Sie existiert seit Februar 2015. Neben der Onkel-Tom-Halle betreibt die Organisation, deren Geschäftsführer vorher noch nie etwas mit Flüchtlingen zu tun hatte, zwei weitere Notunterkünfte in Zehlendorf und eine in Pankow. Der Geschäftsführer von Sanctum Homes ist Rechtsanwalt mit einer eigenen Kanzlei, gleichzeitig wird er bei fünf weiteren GmbHs als Geschäftsführer geführt. Einer Hausverwaltung, einem Hotel- und Gaststättenbetrieb, einer Immobilienfirma sowie einer Firma, die die Verwaltung und die Verwertung von Beteiligungen beziehungsweise Unternehmen zum Ziel hat.

Tagesspiegel-Zehlendorf hat versucht, dem Geschäftsführer Fragen zu stellen. Er hat sie bisher nicht beantwortet, sie lauten:

- In welcher Verbindung steht Sanctum Homes zur Elite-Hausverwaltung, deren Geschäftsführer Sie sind?

- Wie vereinbaren Sie dieses Engagement mit Ihrer Tätigkeit als Anwalt?

- Ist es richtig, dass z.B. die Thielallee ein Gebäude ist, das Sie auch mit der elite-Hausverwaltung betreuen?

- Welche Kompetenzen besitzt die Sanctum Homes, um Flüchtlingsheime zu betreiben?

- Wie viel Personal haben Sie für die Flüchtlingsheime Thielallee und Onkel-Tom-Halle eingestellt?

- Woher kommt das Personal, welche Qualifikationen hat es?

- Wie sind Sie dazu gekommen, als Betreiber von Flüchtlingsheimen zu fungieren?

Ein hoher Beamter aus dem Bezirksamt sagt über den Geschäftsführer: "Der ist ganz bestimmt kein Sozialarbeiter." Eine Ehrenamtliche, die in einer der Notunterkünfte gearbeitet hat, sagt, offensichtlich setze der Betreiber darauf, dass schon genug ehrenamtliche Helfer kommen werden.

Eingang zur Onkel-Tom-Sporthalle in Berlin-Zehlendorf in der gleichnamigen Straße gelegen. Aktuelle Fotos aus der Notunterkunft hat der Wachschutz verhindert.
Eingang zur Onkel-Tom-Sporthalle in Berlin-Zehlendorf in der gleichnamigen Straße gelegen. Aktuelle Fotos aus der Notunterkunft...Foto: ale

Auch Gabriele Bayertz hat diesen Eindruck und findet: "Es funktioniert ja schon, es lässt sich niemand blicken, und wir Ehrenamtlichen fangen an, uns zu kümmern und zu organisieren."

Noch am Donnerstagabend brachten die Ehrenamtlichen nach ihrem Einkauf bei Kaisers Obst, Brot, Gemüse und Süßes für die Kinder vorbei. Außerdem wurden nochmals Schuhe und andere warme Sachen organisiert, vor allem viele Kuscheltiere für die Kinder und kleine Spiele wie etwa Jojos. Die Flüchtlinge selbst baten um Tücher und Decken, denn in der Halle, in der, dicht an dicht, 200 Betten stehen, gibt es nirgendwo Privatsphäre: Viele junge Männer leben zusammen mit Familien und Kindern.

Der Männer vom Sicherheitsdienst, die selbst am Rande ihrer Kräfte waren, versprachen am Abend: "Morgen wird alles besser." Gabriele Bayertz fehlt der Glaube, deshalb ist sie am Freitag nochmals hingefahren. Die Fortsetzung dieser Geschichte folgt.

Der Autor ist Redakteur für besondere Aufgaben im Tagesspiegel und hat den Tagesspiegel-Zehlendorf, das digitale Stadtteilportal aufgebaut. Der Redaktion Zehlendorf können Sie auf Twitter folgen. Armin Lehmann finden Sie auch auf Twitter.

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