Flüchtlinge und Arbeitsmarkt: Debatte in Steglitz-Zehlendorf : Wie fördern, wo fordern?

Beim ersten Wirtschaftsstammtisch des Vereins Berlin.Südwest wurde über Fragen der Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt diskutiert. Die wichtigste Erkenntnis: Es braucht Zeit.

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Integration in den Arbeitsmarkt braucht Zeit und Geduld.
Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt braucht Zeit und Geduld.Foto: dpa

„Es braucht Zeit.“ Wie ein Mantra wiederholte Constantin Terton von der IHK-Berlin diesen Satz am Montagabend bei dem ersten Wirtschaftsstammtisch des Jahres vom Verein Berlin.Südwest. Als sei „Zeit“ genau jene magische Formel, die sämtliche Probleme zu lösen vermag. Zur Diskussion stand das Thema: "Arbeitsmarkt und Flüchtlingsintegration im Berliner Südwesten – Chancen, Risiken und Initiativen". Was kann ich beispielsweise als Restaurantbesitzer tun, wenn ein Koch kein Schweinefleisch anfassen oder ein Kellner nicht mit Alkohol in Kontakt kommen will? Wie überwinde ich solche kulturelle Hürden? Das waren Fragen, die sich ein Gast in der gut besuchten Gesprächsrunde der Cocktail Bar des Best Western Hotels Steglitz International stellte.

„Wenn jemand kein Schweinefleisch anfassen kann, dann kommt für ihn der Job als Koch nicht in Frage“, antwortete Terton, der der Bereichsleiter Wirtschaftspolitik bei der IHK Berlin ist. Gewisse rote Linien dürften nicht überschritten werden. Man brauche nicht nur eine Aufnahmebereitschaft unsererseits, man brauche auch eine hundertprozentige Integrationsbereitschaft von den Flüchtlingen.

Beispiel: Der Kellner müsse ja keinen Alkohol trinken, aber zumindest akzeptieren, dass dieser in einem Restaurant hier bei uns ausgeschenkt werde. Ähnlich ambivalent sei es, wenn eine Frau die Vorgesetzte oder die Ausbilderin für den Beruf sei. „Darauf müssen wir die Flüchtlinge vorbereiten“, machte er klar; zum Beispiel mit Integrationskursen oder Integrationslotsen. Es sei wichtig, Asylsuchenden die Werte unserer Gemeinschaft zu vermitteln.   

Wie üblich waren zu dem traditionellen, inzwischen zum 110. Mal stattfindenden Wirtschaftsstammtisch überwiegend Unternehmer der Region gekommen. Darüber hinaus hatten sich aber auch Politiker hierher auf den Weg gemacht. So meldete sich unter anderem die Zehlendorfer Abgeordnete Ina Czyborra zu Wort, Spitzenkandidatin der SPD Steglitz-Zehlendorf bei der Berlin-Wahl. „Wir sind darauf fokussiert, die männlichen Flüchtlinge zu integrieren, dürfen aber nicht die Frauen vergessen“, gab sie zu Bedenken. Vor allem die geflüchteten Kinder hätten es leichter, wenn deren Mütter gut integriert seien. Eine andere Dame aus dem Publikum erinnerte an die minderjährigen Flüchtlinge. Sie selbst habe ein Pflegekind aufgenommen; einen 15-jährigen Syrer.

Diskussion in der Cocktail-Bar des Best Western Hotels Steglitz International. Von links: Constantin Terton, Bereichsleiter Wirtschaftspolitik der IHK Berlin, Thomas Herrmann, Vorsitzender des Vereins Berlin.Südwest und André Hanschke, Projektleiter "Arbeitgeber-Service Asyl" bei der Agentur für Arbeit Berlin Süd. Rechts sitzen weitere Gäste.
Diskussion in der Cocktail-Bar des Best Western Hotels Steglitz International. Von links: Constantin Terton, Bereichsleiter...Foto: Anett Kirchner

Ihre Erfahrung zeige, dass die jungen Menschen zunächst für ein Jahr in die Willkommensklassen geschickt und dann an die Regelschulen „abgegeben“ würden. Doch dort sei der Bildungsunterschied unglaublich groß, die einen seien quasi Analphabeten, die anderen lernten drei Sprachen. „Viele können nicht mithalten und die Lehrer sind überfordert“, sagte sie. Daher ihre Bedenken: Wenn die jungen Flüchtlinge auf den Arbeitsmarkt strömten, seien sie bereits ausgebrannt. Ihre Frage: Wie kann man sie fördern?

Manche müssen erst einmal einen Beruf lernen

Es soll künftig spezialisierte Berufsberater in dem Bereich geben, erklärte André Hanschke von der Agentur für Arbeit Berlin Süd, der als Gesprächsgast eingeladen worden war. „Unser Ziel ist es, die jungen Leute besser aus der Schule abzuholen“, sagte er. Geflüchtete Ausbildungsplatzsuchende müssten grundsätzlich die gleichen Voraussetzungen wie alle anderen bekommen. Doch auch hier sei wieder ein Faktor wesentlich und damit nahm er den roten Faden von Constantin Terton auf: Es brauche Zeit.

Große Hoffnung setzt André Hanschke hingegen in ein Pilotprojekt mit dem Namen „Arbeitgeber-Service Asyl“, das er leitet. Man müsse nicht nur potentielle Arbeitnehmer fit machen, sondern auch die Arbeitgeber. Bei dem Projekt begleite die Agentur für Arbeit Unternehmen, die Flüchtlinge in eine Berufsausbildung bringen möchten. „Wir stehen mit Rat und Tat zur Seite, bringen Geflüchtete und Betriebe zusammen, erklären die rechtlichen Rahmenbedingungen“, stellte er vor. Ein klassisches Instrument für den Einstieg sei eine Art Praktikum, bei dem zunächst Hilfstätigkeiten ausgeübt würden. So könne man sich kennenlernen, bevor man einen Ausbildungsvertrag miteinander schließe.

Zum 110. Mal fand der Wirtschaftsstammtisch statt, es ging um die Flüchtlinge und den Arbeitsmarkt.
Zum 110. Mal fand der Wirtschaftsstammtisch statt, es ging um die Flüchtlinge und den Arbeitsmarkt.Foto: dpa

Denn auf zwei Punkte, die die Flüchtlinge mitbrächten, müssten sich Unternehmen einstellen: die Sprachbarriere und der Fluchthintergrund. Überdies sehe er eine große Herausforderung darin, die jungen, geflüchteten Menschen zu überzeugen, drei Jahre die Schulbank zu drücken, also einen Beruf mit wenig Vergütung zu erlernen, anstatt gleich in einen Beruf einzusteigen und Geld zu verdienen.

Es stelle sich zudem die Frage, ergänzte noch Terton, ob die Erwartungen der Flüchtlinge mit den Erwartungen der Unternehmen kompatibel seien. „Am Anfang dachten wir, der syrische Arzt löst unser Landarztproblem, aber so ist es nicht“, sagte er. Denn diesen syrischen Arzt müsse man erst einmal finden. Nur etwa zehn Prozent der Asylberechtigten seien Akademiker. „Jetzt, da wir erste Erfahrungen haben, wissen wir das.“ Es ist also ein langer Weg. Es braucht Zeit.

Weitere Informationen für Unternehmen zum Thema „Beschäftigung von Asylsuchenden und Flüchtlingen“ hat die IHK Berlin hier zusammengefasst.

Die Autorin ist freie Journalistin, wohnt in Steglitz-Zehlendorf, und schreibt als lokale Reporterin regelmäßig für den Tagesspiegel-Zehlendorf. Folgen Sie Anett Kirchner auf Twitter und auch der Redaktion Zehlendorf .

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