Flüchtlingsunterkünfte in Steglitz-Zehlendorf : "Betreiber müssen einen sechsstelligen Betrag vorfinanzieren"

Immer wieder hört der Tagesspiegel-Zehlendorf von Vorwürfen gegen Betreiber von Notunterkünften. Oft ist es schwer, die anonymen Angaben zu prüfen. Jetzt haben wir einen Betreiber gefragt, der offen über sich redet.

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Flüchtlinge in einer Notunterkunft in Berlin.
Flüchtlinge in einer Notunterkunft in Berlin.Foto: picture alliance / dpa

Kann ein Sicherheitsdienst auch eine Notunterkunft für Flüchtlinge betreiben? Ist das ehrenamtliche Engagement vieler Helfer eigentlich in jedem Fall auch begrüßenswert und hilfreich?

Das sind heikle Fragen, sie führen aber direkt in ein reales Dilemma, das sich gerade jenseits der großen Politik und der hitzigen Debatte über Obergrenzen an vielen Orten ergibt. Die Probleme, die sich ergeben haben, bestimmen den Alltag des täglichen Helfens. Die Protagonisten sind so intensiv mit ihrer Arbeit beschäftigt, dass kaum Zeit zur Reflexion bleibt. Richtig oder falsch - oft verschwimmen die Antworten, weil nicht alles auf einmal geleistet werden kann. Und weil es auch bei den Gutwilligen unterschiedliche Interessen gibt.

Immer wieder hört der Tagesspiegel-Zehlendorf von Vorwürfen gegen Betreiber oder von Vorwürfen, Sicherheitskräfte würden sich gegenüber Heimbewohnern nicht benehmen. Oft verbreiten sich diese Vorwürfe schnell, weil die Ehrenamtlichen in Steglitz-Zehlendorf gemeinsam mit den Kirchen ein gutes Netzwerk haben. Manchmal haben die Betreiber gar keine Kenntnis von den Vorwürfen oder sie können sie entkräften, trotzdem ist die Frage nach Gut und Böse selten klar zu beantworten - obwohl das viele gerne so hätten.

Dem Betreiber der Notunterkünfte auf dem Gelände der Schweizerhof-Grundschule beispielsweise wird von einigen wenigen ehrenamtlichen Helfern derzeit vorgeworfen, er habe kein ausreichend sozial geschultes Personal eingestellt, zudem würde die Security die Bewohner immer mal wieder drangsalieren, beispielsweise nachts, indem sie an Betten klopfe.

Wir wollen an dieser Stelle einmal schauen, wie der Betreiber zu seinem Auftrag kam, wer dahinter steckt und was er selbst sagt zu den - anonym - vorgetragenen Vorwürfen, die auch Tagesspiegel-Zehlendorf nicht verifizieren konnte.

Oliver Pauly hat kein Problem, sich der Öffentlichkeit zu stellen - das unterscheidet ihn schon einmal von dem einen oder anderen Betreiber. Meist will niemand mit der Presse reden. Pauly ist da entspannt, er habe nichts zu verbergen, sagt der Geschäftsführer der Betreiberfirma. Dabei war er in der lokalen Öffentlichkeit mit seinem Unternehmen am Anfang zunächst mal eine Art Buh-Mann. "Geht gar nicht", haben viele gesagt. Denn Pauly leitet eine große Sicherheitsfirma.

Nun sollte er nicht nur Security stellen, sondern einige Notunterkünfte selbst betreiben. Ein No-Go für viele engagierte Helfer, zumal es viele Vorwürfe gegen Sicherheitsleute gab - speziell nach den Vorkommnissen am Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso). Pauly sagt: "Für viele sind wir zunächst nur ein Sicherheitsdienst, wir mussten erst beweisen, dass wir auch eine Notunterkunft betreiben können. Dabei haben wir diese Dienstleistung in unserer Unternehmensgruppe auch schon die letzten Jahre erfolgreich übernommen."

Erst Nothelfer, dann Grundversorger

Eigentlich arbeitet die ASK unter anderem für die Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM), bewacht und sichert öffentliche Gebäude. Es ist wohl auch dieser Kontakt, der Pauly im Herbst 2015 einen Anruf vom Lageso einbringt. Ob er sehr kurzfristig Security stellen könnte, kurzfristig, das heißt innerhalb von sechs Stunden. Und ob er auch in der Lage wäre, die Grundversorgung zu gewährleisten?

Was das konkret bedeutet? Es müssen Flüchtlinge sehr schnell untergebracht werden, meist über Nacht, viele andere Betreiber sind bereits an ihrer Kapazitätsgrenze zu dieser Zeit, das Lageso muss immer wieder neue finden. Diese müssen dann binnen Stunden für Verpflegung sorgen, also einen Caterer ranschaffen, für die Reinigung und für die Müllentsorgung, dazu kommen die Verwaltungsaufgaben, die Brandschutzaufgaben, die Securityaufgaben. Pauly sagt: "Wenn sie das machen, als Firma, müssen sie in der Lage sein, einen höheren sechsstelligen Betrag vorzufinanzieren."

Alltag im Flüchtlingsheim
Milat aus dem Iran schleift mit anderen die Außenseite des Kunstasyl-Bauwagens. Er ist das Symbol des Projekts. Das Heim befindet sich im Hintergrund. Im Februar hat die deutsch-schweizerische Künstlerin Barbara Caveng in einem Heim für Asylsuchende in Spandau ein Kunstprojekt begonnen. Beim "Kunstasyl" entscheiden die Bewohner mit den Künstlern gemeinsam, was sie tun wollen, um das Heim zu einer Heimat zu machen - und sei es auf Zeit. Ein Teil der Fotos von Till Rimmele sind am 23. Juli 2015 auch in einem vierseitigen Dossier zum Thema im gedruckten Tagesspiegel erschienen, oder nachzulesen im E-Paper.Weitere Bilder anzeigen
1 von 22Foto: Till Rimmele
23.07.2015 00:02Milat aus dem Iran schleift mit anderen die Außenseite des Kunstasyl-Bauwagens. Er ist das Symbol des Projekts. Das Heim befindet...

Im Lageso hat es Pauly vor allem mit dem LKF, dem "Landesweiten Koordinierungsstab Flüchtlingsmanagement" und der "Berliner Unterbringungsleitstelle" (BUL) zu tun. Über die Mitarbeiter dort, sagt Pauly nur Gutes, sie seien gut organisiert, effektiv und freundlich. "Als Betreiber kann ich mich überhaupt nicht beklagen." Als er zusagt, nach Marzahn-Lichtenberg, auch in Steglitz-Zehlendorf die Notunterkunft an der Schweizerhof-Schule zu betreiben, belegt mit insgesamt rund 150 Personen, bekommt er die organisatorische Hilfe, die er braucht: zum Aufbau für die Betten zum Beispiel. Den großen Rest aber muss er alleine hinbekommen.

Pauly sagt, er verfüge über ein sehr gutes Netzwerk, er holt sich einen Caterer, einen Entsorger, und die Heimleitung besetzt er mit zwei Mitarbeitern aus der eigenen Firma, die sich freiwillig nach Zehlendorf versetzen lassen. Der eine ist Verwaltungsangestellter mit sozialem Hintergrund, die andere Juristin. Ausgewiesene Sozialexperten, also Psychologen oder Sozialarbeiter, sind zunächst nicht vor Ort.

"Sukzessive" - aber was heißt das nun genau

An dieser Stelle fangen die Probleme schon an, denn in den offiziellen Richtlinien, die man auch auf der Seite des Lageso findet, stehen zwar konkrete Angaben für Betreiber von Gemeinschaftsunterkünften, aber im Mustervertrag, der ebenfalls auf der Seite zu finden ist, steht auch ein entscheidender Satz, der speziell für Notunterkünfte gilt. Er macht im Prinzip alle Anforderungen wieder obsolet und lautet in Paragraf 2, Absatz 2: "Sofern die Qualitätsanforderungen aufgrund einer Notbelegung nicht erfüllt werden, verpflichtet sich der/die Betreiber/in, diese in Abstimmung mit Berlin sukzessive umzusetzen..."

"Sukzessive", allmählich, nach und nach also muss der Betreiber sich an das halten, was die Norm für Gemeinschaftsunterkünfte ist. Aber was heißt das genau, wer kontrolliert das, wie lange darf es dauern, wenn sich in den Notunterkünften auch traumatisierte Menschen befinden, wenn in einer Halle nur Männer sind und in der anderen Familien?

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Bezugsfertig. Am letzten Dezember-Wochenende 2014 sind die ersten Flüchtlinge ...Weitere Bilder anzeigen
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29.12.2014 14:36Bezugsfertig. Am letzten Dezember-Wochenende 2014 sind die ersten Flüchtlinge ...

Für Gemeinschaftsunterkünfte ist die Sache relativ klar. Hier wird vom Land Berlin gefordert: "Der Betreiber hat ausreichende soziale Betreuungs- und Beschäftigungsmaßnahmen der Bewohner/ -innen sicherzustellen. Diese werden nicht detailgenau vorgegeben, sondern sind vom Betreiber in einem Einrichtungskonzept unter Berücksichtigung des zu betreuenden Personenkreises darzustellen." Zudem: "Der Betreiber muss grundsätzlich mit fest angestelltem Personal arbeiten." Und dann steht beim Anforderungsprofil noch folgender Satz für Betreiber: "Sie müssen vor allem in der Lage sein sehr schnell über qualifiziertes Personal zu verfügen."

Für Notunterkünfte gilt das Gleiche, aber eben ohne konkreten Zeitrahmen.

Auch zur sehr wichtigen Position der Heimleitung sind die Anforderungen klar umschrieben und lauten: "Die Heimleitung ist zur selbstständigen Entscheidung in allen Angelegenheiten des Betreibers befugt. Sie leitet und führt sämtliche Mitarbeiter/innen des Betreibers und koordiniert ggf. vom Betreiber eingesetzte Dritte. Die Heimleitung überwacht eigenverantwortlich die Umsetzung des Betreuungskonzeptes. Anforderungsprofil: abgeschlossenes Hochschul- oder Fachhochschulstudium mit sozialwissenschaftlichem Schwerpunkt oder vergleichbare Befähigung auf Grund der beruflichen Erfahrungen; mehrjährige Leitungs- und Leitungserfahrung in einer Einrichtung..."

Man braucht viele Brandschutzläufer

Ein Sicherheitsdienst ist in vielerlei Hinsicht zunächst mal ein geeigneter Betreiber, weil er die Infrastrukturaufgaben gut hinbekommt: Hausverwaltung, Reinigung, Catering, Brandschutz, Security. Was ein solcher Betreiber aber in der Regel nicht gut kann, ist die kompetente, fachliche Betreuung der Bewohner.

In Paulys beiden Hallen in Zehlendorf arbeiten zwölf Security-Leute, "viel zu viel", findet eine Insiderin, die die Notunterkunft kennt, aber die hohe Zahl kommt vor allem dadurch zustande, dass das Landesamt Brandschutzläufer verlangt bei Objekten, die nicht den neuesten Brandschutzvorschriften entsprechen - das sind so gut wie alle Notunterkünfte Berlins...

In Zehlendorf ist Paulys Heimleiterin zudem relativ schnell krankheitsbedingt ausgefallen - und auch der Ersatzmann ist kein gelernter Sozialarbeiter. Müsste er auch nicht sein, wenn andere diese wichtigen Aufgaben übernehmen können, die Arbeit mit den Kindern, mit Traumatisierten etwa. Aber bis jetzt hat Pauly diese Kräfte nicht. Er selbst sagt im Gespräch: "Wir haben vielleicht einen Tick zu lange gezögert, ausreichend Personal fürs Soziale einzustellen. Das holen wir jetzt nach." Ausschreibungen für drei feste soziale Stellen seien auf den Weg gebracht worden.

Der studierte Betriebswirt hat aber auch eine eigene Betrachtung, die wiederum von den Ehrenamtlichen oft nicht geteilt wird, weil die Sichtweisen unterschiedlich sind. Pauly sagt, die Frage, wie lange solch eine Notunterkunft laufe, könne ihm niemand im Landesamt beantworten. Aber wenn er nicht weiß, wie der Zeitraum ungefähr aussehe, dann könne er auch nicht kalkulieren. Das sei ein großes Problem, man könne nicht immer in Vorleistung gehen. Wie solle er da Personal einstellen? Er sei schließlich verantwortlich für sein Unternehmen, das Engagement müsse sich finanziell darstellen lassen.

Pauly redet nicht schlecht über Ehrenamtliche

Pauly hat übrigens eine Beobachtung gemacht, die teilweise von der Evangelischen Kirche im Bezirk geteilt wird. Er drückt es so aus: "In der Flüchtlingsbetreuung übernehmen sich viele, ob Ehrenamtliche oder Festangestellte, einfach weil sie es gut meinen." Vor allem die Freiwilligen, einige jedenfalls, treten mit einem enormen Selbstbewusstsein und leidenschaftlichem Furor auf. In der Thielallee oder auch zu Beginn in der Onkel-Tom-Halle gab es auch deshalb Streit zwischen den Helfern.

Zur Frage, was richtig oder falsch ist, haben auch die freiwilligen Helfer oft eine klare Haltung: Viele glauben, sie wüssten es einfach besser. Aber das stimmt auch nicht immer. Pauly will nicht schlecht über die Ehrenamtlichen reden, er braucht sie schließlich noch, und er würde auch kein pauschales Urteil fällen, aber der eine oder andere sei eben schon sehr anstrengend.

Die Insel Lesbos. Eine Etappe einer oft weiten Reise, die Flüchtende auch nach Berlin führt.
Die Insel Lesbos. Eine Etappe einer oft weiten Reise, die Flüchtende auch nach Berlin führt.Foto: dpa

Dabei ist auch Pauly das passiert, was vielen passiert, die sich engagieren: Er ist samt seiner ganzen Familie "da reingezogen worden". Er selbst ist jeden Tag in der Unterkunft, am Anfang hat vor allem seine Frau, sie ist Ärztin, die medizinische Versorgung übernommen. Mit seinen Kindern diskutiert Pauly viel über die Situation, die Kinder haben sich die Notunterkünfte auch schon selbst angeschaut, der eine interessiert sich mehr, der andere eher weniger, aber sie kennen die Security und manche Bewohner.

Der private Pauly, der sich engagiert, und der Unternehmer Pauly, der eine Betreiberfirma managt und damit langfristig auf dem Markt halten will - sie sind nicht immer zu unterscheiden. Aber der Unternehmer Pauly muss anders kalkulieren als der private Pauly. Und wenn er das den Ehrenamtlichen sagt, dann verstehen die das nicht immer.

Die Ehrenamtlichen helfen sowieso

Wenn man sich mit Pauly unterhält, macht er nicht den Eindruck eines kalten Geschäftsmannes, er kann sich allerdings auch gut verkaufen. Auf jeden Fall weiß er, dass ein Betreiber, der mit Menschen zu tun hat, auch menschlich agieren muss. Diesen Anspruch im Alltag stets aufrechtzuerhalten, ist keine leichte Aufgabe in dieser schwierigen Zeit. Mancher Betreiber hat sein Geschäftsmodell auf einer kühl berechneten Strategie aufgebaut, sie lautet: Die Ehrenamtlichen helfen sowieso... Im Bezirksamt kennen sie solche Betreiber, aber niemand traut sich, sie öffentlich anzuprangern. Sie werden gebraucht!

Auch Pauly sind solche Ansätze nicht verborgen geblieben, manche haben ihm sogar geraten, "ein bisschen zu schummeln". Seine Antwort: "Es könnte sein, dass manche ihr Geschäftsmodell auf dem Wissen aufbauen, dass sowieso genug Ehrenamtliche kommen, aber das wäre unsozial, unfair und meines Erachtens kein professionelles Arbeiten."

Man könne zudem aus seiner Sicht "das Lageso nicht übervorteilen, irgendwann kommt eine Prüfung, dann schauen die in die Bücher. Und dann fallen Abweichungen auf und sie bekommen keine Aufträge mehr".

Vielleicht ist auch in Paulys Unterkünften das eine oder andere schief gelaufen, auch wenn der Betreiber davon nichts mitbekommen haben will, vielleicht sind diese Konflikte aber normal in einer Zeit, in der alle, die mit Flüchtlingen arbeiten, gern das Beste leisten wollen - aber nicht immer können.

Der Autor ist Redakteur für besondere Aufgaben im Tagesspiegel und hat das digitale Stadtteil- und Debattenportal Tagesspiegel-Zehlendorf konzipiert. Folgen Sie Armin Lehmann auch auf Twitter.

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