Gastbeitrag: Zehlendorf und die Welt : Olympia 1936 und die Denkschrift der Bekennenden Kirche

Wo sind Spuren von Olympia 1936 in Zehlendorf zu finden? Gastautor Dirk Jordan hat sich auf die Suche gemacht nach Ereignissen, die im Schatten der Olympischen Spiele auch in Zehlendorf ihren Ausgangspunkt nahmen.

Dirk Jordan
Olympia 1936 in Berlin. Auch in Zehlendorf gibt es Spuren, etwa mit dem Schießplatz im Dreilindener Forst sogar eine olympische Wettkampfstätte - und der stellvertretende Präsident des Organisationskomitees wohnte in der Dubrowstraße in Schlachtensee, hat Dirk Jordan recheriert
Olympia 1936 in Berlin. Auch in Zehlendorf gibt es Spuren, etwa mit dem Schießplatz im Dreilindener Forst sogar eine olympische...Foto: Imago

Seit dem Ende von Olympia 2016 in Rio tritt auch die Erinnerung an die Olympiade vor 80 Jahren in Berlin wieder in den Hintergrund. Zeit noch einmal nach den Spuren in Zehlendorf zu fragen und auf Ereignisse hinzuweisen, die im Schatten der Olympischen Spiele auch in Zehlendorf ihren Ausgangspunkt nahmen.

Der Tagespiegel vom 01.08.2016 erinnerte daran, dass es mit dem Schießplatz im Dreilindener Forst sogar eine olympische Wettkampfstätte in Zehlendorf gab.

Bekannt ist auch, dass Hans Pfundtner, der stellvertretende Präsident des Organisationskomitees für die XI. Olympischen Spiele 1936, der als Staatssekretär im Reichsinnenministerium maßgeblich auch an der Erarbeitung der Nürnberger Rassegesetze beteiligt war, in der Dubrowstraße in Schlachtensee wohnte. Aber wie steht es mit OlympiateilnehmerInnen oder sogar SiegerInnen, wohnten welche auch in Zehlendorf? Ich weiß es nicht, vielleicht aber jemand aus der Leserschaft.

Der bekannte Journalist Wolf Schneider, der damals mit seinen Eltern in Wannsee lebte, hat seine Erinnerungen an die damalige Zeit und an Olympia 1936 im Tagesspiegel u.a. so beschrieben:

„1936: Olympia - „Fest der Völker“, von den Nazis furios inszeniert, Aufregungen ohne Zahl. Zweimal in der Woche musste meine Klasse im Olympiastadion mit tausend anderen Schülern üben, wie man auf dem Rasen die Olympischen Ringe darstellt und sie durch koordiniertes Schreiten in Drehung versetzt - ein unendliches Gerangel und Geschimpfe an ihren sechs Kreuzungspunkten. Und bei der Eröffnung war ich krank.

Der Journalist Wolf Schneider wohnte als Kind mit seinen Eltern 1936 in Wannsee und erinnert sich: "(...) Zweimal in der Woche musste meine Klasse im Olympiastadion mit tausend anderen Schülern üben, wie man auf dem Rasen die Olympischen Ringe darstellt (...)"
Der Journalist Wolf Schneider wohnte als Kind mit seinen Eltern 1936 in Wannsee und erinnert sich: "(...) Zweimal in der Woche...Foto: Imago

Mit Logiergästen stopften wir unsere Wohnung voll, Goebbels (nicht nur Reichspropagandaminister, sondern auch Gauleiter von Berlin) hatte dazu aufgerufen, eine Agentur besah und vermittelte, wir schliefen zu fünft im Wohnzimmer auf der Erde. Das Geld war willkommen: Ein typisches Mittagessen für die gesamte Familie durfte 50 Pfennig kosten („Bruchreis“ aus dem Billigladen, eine Dose Tomatenpüree, Palmin).“

Autor

Dirk Jordan war lange Jahre Volksbildungsstadtrat in Kreuzberg und lebt in Berlin-Schlachtensee. Weitere Texte, u.a. zur Serie "Stille Helden", finden Sie hier

Welche Erinnerung aus Zehlendorf an Olympia 1936 gibt es noch?

Im indirekten Zusammenhang mit diesem Großereignis steht aber ein anderer bemerkenswerter Vorgang, der seinen wesentlichen Ausgang in Zehlendorf nahm. Nach der Spaltung der Evangelischen Kirche in die Gruppe um die „Deutschen Christen“ und die Bekennende Kirche befand sich das Büro der vorläufigen Kirchenleitung in der Ihnestraße 51, im Haus von Maria Gerhard, bzw. vorher im Rudeloffweg 11, wo ihr juristischer Berater, Friedrich Weisler, auch sein Büro hatte.

Mitglieder der Kirchenleitung, Friedrich Weisler und einige andere führende Vertreter der Bekennenden Kirche, erarbeiteten im Frühjahr 1936 eine Denkschrift, die sie im Vorfeld der Olympischen Spiele am 4. Juni in der Reichskanzlei in der Wilhelmstraße übergaben. Darin beklagen sie die Gefahr der „Entchristlichung“ und sprechen dem „Positivem Christentum“ aus dem NSDAP-Programm das Recht ab, sich auf die christliche Glaubenslehre berufen zu können. Sie kritisieren, dass „der arische Mensch verherrlicht wird“ und die nationalsozialistische Weltanschauung „zum Judenhaß verpflichtet“. Zu den Rechtsdingen, „die nicht recht sind vor dem Herren“, zählen sie, dass es „immer noch Konzentrationslager gibt und dass die Maßnahmen der Geheimen Staatspolizei jeder richterlichen Nachprüfung entzogen sind.“

Hitler hat auf diese Denkschrift nie geantwortet. Die Denkschrift wurde aber von unbekannter Seite in der Baseler Zeitung veröffentlicht und so auch in Deutschland bekannt, was die Nazis massiv ärgerte, weil es ihre „schöne Olympiawelt“ störte. Friedrich Weisler, der bei den Nazis als „Volljude“ galt, wurde schließlich ins KZ Sachsenhausen verschleppt und dort von SS-Wachmannschaften erschlagen.

Der schöne Schein der Olympischen Spiele und die Wirklichkeit der KZs

Der Vorgang wirft ein Schlaglicht auf die Zeit vor 80 Jahren, in der es den schönen Schein der Olympischen Spiele und die Wirklichkeit der KZs, in der es Unterdrückung und Widerstand gab und in der Täter und Opfer und Menschen, die ihnen hilfreich waren, eng beieinander wohnten, gerade hier in Zehlendorf.

Für den Ortsteil Schlachtensee habe ich dies in einer kleinen Broschüre unter dem Titel: Bekenntnisgemeinde und Nazirefugium, Schlachtensee 1933 – 1945 beschrieben. Darin berichte ich sowohl von der Entstehung der Bekenntnisgemeinde in Schlachtensee als auch von der „Besitzergreifung“ vieler Schlachtenseer Villen und des Ortsteils durch die Nazis. Außerdem wird an dem Beispiel zweier Stillen Heldinnen gezeigt, wie es möglich war, auch in dieser Zeit Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft für die Opfer zu bewahren.

Die mit historischen Aufnahmen illustrierte Broschüre ist im örtlichen Buchhandel oder beim Autor selbst für 2 Euro erhältlich. Dirk Jordan arbeitet in der AG Spurensuche der Kirchengemeinde Schlachtensee, war früher Volksbildungsstadtrat in Kreuzberg und hat für den Tagesspiegel Steglitz-Zehlendorf unter anderem eine Serie über die "Stillen Helden" im Nationalsozialismus geschrieben.

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