Gedanken zum Gesundheitsstandort Deutschland : Zur Not Notaufnahme Zehlendorf

Daniel Bahr sagt, es gebe in Deutschland keine Zweiklassenmedizin. Unser Reporter hat dem Bundesgesundheitsminister für den Zehlendorf Blog zugehört und dann einen Mann getroffen, der eine eigene Geschichte erlebte. Eine Alltagsgeschichte.

Christian Petzold
Der Autor, Christian Petzold, ist Jahrgang 1965 und lebt mit seiner Familie in Zehlendorf.
Der Autor, Christian Petzold, ist Jahrgang 1965 und lebt mit seiner Familie in Zehlendorf.Foto: privat

Daniel Bahr ist Gesundheitsminister. Er ist ein guter Mensch. Kürzlich sprach er auf dem Hauptstadtkongress. Es ist das größte Treffen der Gesundheitsbranche und findet jährlich statt. Bahr kommt gleich zur Sache: Regionale Verantwortung im Gesundheitsbereich lautet das neue Zauberwort. Nein, heute wird kein Wahlkampf gemacht. Er sagt, dass es noch reichlich zu tun gibt in der jetzigen Legislaturperiode. Der Mann packt an.

Vincent Silbermann zögert. Nachdem er zwei Kisten Wasser abrupt angehoben hat, 16 Kinder haben großen Durst, schmerzt der linke Arm. Bei genauerer Betrachtung sieht der Arm zudem verändert aus. Die sonst recht kräftige Oberarmmuskulatur ist kaum noch erkennbar. Noch ist er im Dreipfuhlpark. Der sich lang ziehende Park verläuft parallel zur Clayallee. Vincent Silbermann kennt den Park gut durch diverse Laufeinheiten. Die Kinder kicken noch im Käfig. Es ist Mittwoch, alle Praxen geschlossen. Also doch ins Krankenhaus?

Herr Silbermann darf eintreten

Daniel Bahr spricht davon, dass er stolz darauf ist, dass es in Deutschland eine so gute pflegerische und medizinische Versorgung gebe. Hier werde nicht unterschieden zwischen arm und reich, jeder werde sogleich gut und rasch versorgt. Andere Länder könnten sich daran ein Beispiel nehmen. So zumindest ist er zu verstehen. Hinter mir erstes leichtes Stöhnen. Der Saal 2 im ICC ist sehr gut gefüllt.

Ja gut. Es ist früher Abend. Alle reden auf Vincent Silbermann ein und drängen ihn regelrecht in die Notaufnahme eines Steglitz-Zehlendorfer Krankenhauses. Dort herrscht stickige Luft. Hinter der sich automatisch öffnenden verglasten Eingangstür gilt es zunächst abzuwarten. Eintritt in die "Aufnahme" nur einzeln. Um ihn herum warten bereits andere, leicht verschwitzte Menschen. Dann endlich darf er eintreten. Also wenn man viel mehr lokal organisieren würde, gäbe es auch "passgenaue Lösungen" für eine optimale Versorgung, meint der Gesundheitsminister. Zentralistische Vorgaben von der Regierung aus Berlin helfen da wenig. Ach ja, auch spricht er sich für den Ausbau der Integrierten Versorgung aus. Alles aus einer Hand, alles Hand in Hand.

Bahr sagt, die Bundestagswahl spielt keine Rolle

Der Aufnahmestatus wird erhoben. Standardisiert. Was so die DRG's (Diagnosis Related Groups), also die diagnosebezogenen Fallgruppen vorgeben. Silbermann findet das völlig unsinnig. Schließlich tut lediglich der Arm weh. Der Blutdruck war immer in Ordnung. Ach so: Devise best care wird auch hier praktiziert. Im Hintergrund schreit jemand nach Mama. Silbermann wird ins Wartezimmer geschickt. Kann ziemlich dauern, hört er noch. Nach den abgegriffenen Illustrierten greift er dann doch nicht. Neben ihm faselt eine ältere Frau was von funktionierenden oder beschädigten Systemen. Der Wasserautomat blubbert. An der Wand hängt ein Fernseher, ein Nachrichtenkanal läuft ohne Ton. Schöne Unterhaltung.

Herr Bahr weiß genau worauf es ankommt. Dass in guten 90 Tagen Bundestagswahl ist, spielt so gar keine Rolle, sagt er. Es gibt doch wirklich Etliches zu tun. Zum Beispiel sollen sich viel mehr junge Menschen für den Pflegeberuf begeistern. Die in der Pflege Tätigen bräuchten auch viel mehr Anerkennung. Was die so leisten für die Gesellschaft.

Silbermann schließt kurz die Augen. Die Frau neben ihm spricht weiter vor sich hin. "In dieser Zitrone ist noch Saft" hört er sie sagen. So weiter sinnierend, erinnert er sich an den Kampfspruch der aktiven Alten, um ihren Anspruch auf Glück und Abenteuer auch im hohen Alter zu rechtfertigen. Er fühlt sich gerade ziemlich ausgepresst.

Drei Stunden warten, keine Informationen

 Draußen wird eine Krankenschwester auf dem Flur beschimpft, was dass hier für ein Sauladen sei, er wolle jetzt sofort zu seinem Vater. Aus der Ferne ertönen jetzt verstärkt die Rufe nach Mama, jedoch werden diese Rufe durch einen rüpelhaften Einwurf unterbrochen, dass Mama nicht helfen könne und sie sowieso nicht da sei. Dabei öffnet und schließt sich die eigentliche Tür zu den Behandlungsräumen immer wieder. Dort liegen Patienten auf dem Flur, ungeschützt und teilweise entblößt. Silbermann kann sie sehen, während er im Flur unruhig umherläuft. Er wartet seit über drei Stunden. Keine Information. Nichts. Der Fernseher läuft.

Es gibt keine Zweiklassenmedizin, keine Zweiklassenbetreuung. Jeder wird angemessen versorgt. Angemessen?! Was bedeutet das?

Silbermann wird gerufen. Er wird in ein Behandlungszimmer geführt. Es käme gleich jemand. Später kommt tatsächlich jemand. Ein junger Assistenzarzt untersucht kritisch den Arm, sogar mit Ultraschall. Er vermutet sodann, dass wohl rasch operiert werden müsste. Aber vorher "machen wir ein MRT". Ah ja, also wir machen ein MRT (Magnetresonanztomographie) denkt Silbermann. So in einer Woche ungefähr, hört er den Arzt sagen. Aber jetzt müsse er erst mal warten. Die Kollegin käme noch. Die will auch mal raufschauen.

Die Rufe nach Mama verhallen nicht

Die Tür zum Behandlungszimmer steht offen. Ein MRT in schon einer Woche. Ein Glücksfall. Andere warten da mindestens vier Wochen oder länger, denkt er. Silbermann kann vieles sehen und vieles hören. Im Flur liegen immer noch zwei weitere Patienten. Die Rufe nach Mama verhallen nicht. Es ist ein älterer Mann. Er wird wiederholt aufgefordert, seinen Mund zu halten. Mama könne nun auch nicht helfen. Außerdem sei sie nicht da. Verstorben sei sie. Also Ruhe bitte.

Die Kollegin kommt nicht mehr. Silbermann erfährt, dass sie anderes zu tun hätte und er jetzt gehen könnte.

"Wir sichern Versorgung auf hohem Niveau", sagt Daniel Bahr.

Silbermann geht. Silbermann geht nach Hause.

Der Autor ist Experte auf dem Gebiet Demenz, Pflege und Alternde Gesellschaft. Er lebt mit seiner Familie in Zehlendorf. Der Text erscheint auf dem Zehlendorf Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegels.

 




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