Geplante Flüchtlingsbauten in Lankwitz : Richter-Kotowski: „Uns wären auch 100 Bäume zu viel.“

Mindestens 100 alte Bäume möchte der Senat für den Bau von Modularen Flüchtlingsunterkünften in Lankwitz fällen lassen. Mittlerweile wehren sich zwei Bürgerinitiativen gegen diese Planung: Die MUF könne man dort auch anderweitig bauen, sagt auch der Bezirk.

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Diese Bäume auf dem Grundstück des Hauses Leonore könnten für die Errichtung der MUFs gefällt werden
Diese Bäume auf dem Grundstück des Hauses Leonore könnten für die Errichtung der MUFs gefällt werdenFoto: privat

„Ja zu Flüchtlingsunterkünften, aber: Hände vom weg vom Park!“ Dies schreibt die Bürgerinitiative „Zum Erhalt des Parkes am ‚Haus Leonore‘“ auf ihrer Homepage. Wie der Tagesspiegel Steglitz-Zehlendorf berichtet hatte, plant die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt einen Teil des Grundstücks, auf dem auch das Vivantes-Pflegeheim „Haus Leonore“ mit 220 Bewohnern steht, zu kaufen und auf dem Gelände modulare Flüchtlingsunterkünfte (MUF) für 450 Menschen zu errichten. Die Flüchtlingsunterkunft wollen sie haben, schreiben die Anwohner von der Bürgerinitiative weiter, „aber nicht ausgerechnet mitten auf dem 100-jährigen Park, dem letzten Refugium der alten Leute!“ Der Park war vor mehr als hundert Jahren vom Mediziner James Fraenkel angelegt worden, mehrere hundert alte, geschützte Bäume stehen dort. Noch immer ist der Kauf des Grundstücks durch den Senat nicht besiegelt. Auf dem für die MUFs vorgesehenen östlichen Grundstücksteil sind aber bereits Pflöcke als Markierung angebracht. Auf dem westlichen Grundstücksteil dagegen stehen mehrere augenscheinlich abrissreife Baracken, die aber laut Vivantes wichtige Infrastruktur wie eine Trafostation enthalten und daher erhalten bleiben sollen.

Mittlerweile gibt es zwei Anwohnerinitiativen, die sich für eine anderweitige Planung der MUFs auf dem Gelände einsetzen. Peter Ittenbach, Anwohner und Mitglied der Bürgerinitiative „Zukunft Leonorenstraße“, sagt: „Die Parteien im Bezirk müssen nach den Wahlen auch halten, was sie vorher versprochen haben. Darauf vertrauen wir. Alles andere wäre ja wie in einem schlechten Film."

Vor den Wahlen hatte der ehemalige Bezirksbürgermeister Norbert Kopp, CDU, zugesichert, die bisherige Planung, also die Bäume zu fällen statt die Ruinen abzureißen, so nicht mitzutragen.

Richter-Kotowski, CDU: „Es ist unverantwortlich, alte Bäume zu opfern, wenn es nicht notwendig ist“

Auch seine Nachfolgerin, Bezirksbürgermeisterin Cerstin Richter-Kotowski, CDU, sagt: „Wir haben so nie gerechnet. Es ist unverantwortlich, alte Bäume zu opfern, wenn es nicht notwendig ist.“ Die schwarzgrüne Zählgemeinschaft des Bezirks hatte schon im Frühjahr 2016 zugestimmt, dass auf dem Gelände eine Flüchtlingsunterkunft entstehen solle. Man habe dann lange nichts gehört, so Richter-Kotowski, und auf einer SPD-Veranstaltung im Juli sei dann der Bebauungsplan aufgetaucht, der die Fällung von etwa 230 Bäumen vorsieht. Der Bezirk stehe zur Aussage, dass auf diesem Grundstück MUFs errichtet werden könnten, allerdings spreche man sich ausdrücklich für den Erhalt des Baumbestandes aus. „Uns wären auch 100 Bäume zu viel“, so Richter-Kotowski. „Es geht mir auch um die Akzeptanz in der Bevölkerung für solche Unterkünfte: Und die wird auf diese Weise gefährdet, während sie anderweitig gut zu lösen wäre.“ Es sei ohne weiteres möglich, um das Trafohäuschen und die abrissreifen Baracken herumzubauen, oder diese anzureißen.

 

Enthalten laut Vivantes eine Trafo-Station und ein Notstromaggregat: Anwohner und Bezirk sprechen von "Baracken"
Enthalten laut Vivantes eine Trafo-Station und ein Notstromaggregat: Anwohner und Bezirk sprechen von "Baracken"Foto: privat

Michael Pallgen von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung sagt: „Es ist nicht schön, hundert Jahre alte Bäume zu fällen. Aber es gibt keine Alternative, wenn man die Turnhallen leer ziehen möchte." Betroffen seien nicht 230, sondern 100 bis 120 Bäume; dies seien die aktuellen Zahlen, denn die Planungsunterlagen erstelle ja der Senat. Im Moment würden noch Verkehrswertgutachten erstellt, bis Ende des Jahres solle das Grundstück dann angekauft und dann auch zügig mit der Bebauung begonnen werden. Die entsprechenden Anträge seien gestellt und Genehmigungen eingereicht. „Wir wollen so behutsam wie möglich eingreifen", erklärt Pallgen. So sollen Teile der Anlage begrünt und an anderer Stelle im Bezirk neue Bäume gepflanzt werden. „Vivantes möchte das Teilgrundstück ja sowieso verkaufen. Der Krankenhausbetreiber hätte auch ein gutes Recht, an einen Privatinvestor zu verkaufen", so Pallgen. Mit den Infrastrukturgebäuden plane Vivantes wohl eine Entwicklung für Erweiterungsgebäude für den Pflegebereich des Seniorenheims.

Ruinen, die erhalten bleiben würden
Ruinen, die erhalten bleiben würdenFoto: privat

„Mir ist dazu zum jetzigen Zeitpunkt nichts bekannt“, sagt Kristina Tschenett, Sprecherin von Vivantes. „Vivantes hat noch keine konkrete Planung für andere Grundstücksteile. Das muss in der Zukunft aber nicht so bleiben. Im Gespräch ist im Moment der Verkauf des östlichen Teils des Geländes, auch wenn es bislang noch keinen Kaufvertrag und noch keine Summe gibt." In den von den Anwohnern als Ruinen bezeichneten Häuschen befinde sich „unverzichtbare Infrastruktur“, ein Abriss käme daher nicht in Frage. Der Senat habe bereits Vermessungen vornehmen lassen. Diese sähen vor, eine Baumreihe in Richtung der Anwohner und auch die Spazierwege der Senioren zu belassen. Damit bleibe die Hälfte des Baumbestandes, etwa 200 Bäume, erhalten.

Michael Karntzeki, SPD: "MUF sollen dort entstehen. Wir hoffen auf eine tragfähige Lösung.“

Der Fällantrag für einen Teil der Bäume liege dem Umwelt- und Naturschutzamt mittlerweile vor, sagt Stadtrat Michael Karnetzki, SPD, derzeit verantwortlich für das Ressort Integration. In der letzten Bezirksamtssitzung sei der Park Leonore auch Thema gewesen, es fänden derzeit aber noch Prüfungen statt. „Das Bezirksamt hat ein Interesse daran, möglichst schnell eine menschenwürdige Unterbringung für die Geflüchteten zu schaffen. Klar ist, es sollen MUFs dort entstehen. Dagegen hat die Bürgerinitiative ja auch nichts. Wir hoffen daher auf eine tragfähige Lösung.“

Ein Anwohner fasst die Situation zusammen: "Hier liegen eine gute und eine schlechte Lösung nur wenige Meter nebeneinander. Kann der Park erhalten werden, dann stößt das Vorhaben vermutlich auf breite Akzeptanz. Kein Verständnis haben die Leute aber, wenn es der Politik nur darum geht, den letzten Cent aus dem Grundstück herauszuholen - ohne Rücksicht auf Seniorenheimbewohner, Bäume und Nachbarschaft."

Heimbewohner sehen sich nach neuer Bleibe um

Und die Seniorenheimbewohner? Hannelore Kühn-Kleeberg ist im Oktober als Vorsitzende des Heimbeirats zurückgetreten, weil sie „den Sinn der eigentlichen Aufgabe, Beirat und Sprecher für die Senioren zu sein, nicht mehr gesehen“ habe. Die Vivantes-Heimleitung habe den Heimbeirat in die Planungen weder einbezogen noch informiert. Während Vivantes noch immer auf der Homepage des Hauses Leonore mit einem „Spaziergang im hauseigenem Park“ wirbt, weiß Kühn-Kleeberg von einigen Heimbewohnern, die sich mittlerweile nach einem anderen Heimplatz umsehen.

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