Großbaustelle Botanischer Garten Berlin-Dahlem : Fußbodenheizung für eine Seerose

Großbaustelle Botanischer Garten: Die Sanierung des Victoriahauses dauert nun schon zwei Jahre an. Im September sollen sich die Pforten des Gewächshauses öffnen. Die Namensgeberin, Riesenseerose Victoria amazonica, soll sich dann hier wohl fühlen - unter anderem dank einer Fußbodenheizung. Der Tagesspiegel Zehlendorf hat sich schon mal umgesehen.

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Das Victoriahaus befindet sich direkt vor dem Großen Tropenhaus im Botanischen Garten in Dahlem
Das Victoriahaus befindet sich direkt vor dem Großen Tropenhaus im Botanischen Garten in DahlemFoto: Anett Kirchner

Jetzt ist es dicht. Das neue Wasserbecken im Victoriahaus im Botanischen Garten in Dahlem. 75.000 Liter Wasser passen hinein. Im Juni wird hier wieder der „Superstar“ der Anlage, die tropische Riesenseerose Victoria eingesetzt. Ob sie sich wohl fühlen, wachsen und blühen wird, hoffen, wissen die Experten aber noch nicht. Wasserbeschaffenheit, Sonne und Wärme – es sei schwierig, die Bedingungen in der Natur hundertprozentig nachzuahmen. Gleichwohl habe die exotische Pflanze hier bald gute Voraussetzungen, sich zu entwickeln. Denn seit etwa zwei Jahren wird das nach ihr benannte, etwa 110 Jahre alte Gebäude instand gesetzt. Technik, Wasserbecken, Verglasung und Dachkonstruktion sind bereits neu, die Arbeiten zu 90 Prozent abgeschlossen, sagt Karsten Schomaker, Betriebsleiter und Bereichsleiter Technik im Botanischen Garten.

Voraussichtlich im September werde das Victoriahaus dem Publikum frei gegeben. Ursprünglich war jedoch geplant, es bereits im Sommer zu öffnen. Vor einigen Wochen, als zum ersten Mal Wasser in das Becken gelassen wurde, gab es aber Probleme. „Es war nicht dicht“, erklärt Schomaker. Denn anders als in einem Schwimmbecken wird das Wasser hier mit einer Fußbodenheizung erwärmt – auf etwa 30 Grad, sonst wächst die Riesenseerose nicht. Fliesen und Dichtmasse in den Fugen dehnen sich dabei aus und müssen der Bewegung folgen. „Das funktionierte anfangs nicht, doch jetzt haben wir eine Lösung gefunden“, sagt er.

Die Sanierung des Viktoriahauses in Bildern
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17.04.2015 12:20Hier wird der Haupteingang zu...

Mit einer Wasseroberfläche von 125 Quadratmetern ist es eines der größten Becken für Riesenseerosen weltweit. Es wird mit Regenwasser gespeist. Der Botanische Garten hat eine eigene Regenwassersammelanlage mit drei Zisternen, in denen etwa 1000 Kubikmeter Wasser gespeichert werden können. Das denkmalgeschützte Victoriahaus ist bereits seit 2006 geschlossen. Wände waren durchfeuchtet, technische Anlagen veraltet oder defekt. Im Glasdach fehlten Scheiben. Hinzu kam, dass das Gebäude einer der größten „Energiefresser“ des Botanischen Gartens gewesen sein soll.

Die aktuelle Baumaßnahme ist deshalb hauptsächlich eine energetische Sanierung, mit dem Ziel, eine Reduktion der Kohlendioxid-Emissionen und Energieeinsparungen zu erreichen. Deshalb sei auch das komplette Nahwärmenetz instand gesetzt worden. „Wir haben rund drei Kilometer Heizungsrohre erneuert“, erklärt Schomaker. Im Zuge der gesamten Baumaßnahme seien auch statische Sicherungen an den zwei benachbarten Gewächshäusern vorgenommen worden. „Denn bei Windstärke Acht mussten wir die Häuser für die Besucher schließen“, sagt der Betriebsleiter.

Insgesamt kostet die denkmalgerechte Sanierung rund zehn Millionen Euro; 3,7 Millionen werden aus Fördermitteln des Berliner Umweltentlastungsprogramms bezahlt. Das restliche Geld kommt vom Senat, der für die bauliche Unterhaltung des Gartens zuständig ist. Zuvor wurde bereits das Große Tropenhaus mit knapp 18 Millionen Euro saniert. Alles in allem bleibt der Botanische Garten jedoch weiterhin eine „Großbaustelle“. Auch die anderen Gewächshäuser sind in die Jahre gekommen und bedürfen dringend einer Überholung, wie Schomaker bestätigt. „Weil seit 20 Jahren nichts mehr gemacht wurde“, erläutert er und schätzt den aktuellen Sanierungsrückstau auf rund 80 Millionen Euro.

Am schlimmsten stehe es um das Mittelmeerhaus, eines der bedeutendsten Schaugewächshäuser im Botanischen Garten, errichtet im Stil eines dreischiffigen Kirchenbaus. Hier sei die Bausubstanz in „allerhöchster Not“. Die Schäden am Tragwerk und an der Gebäudehülle seien enorm. Man bräuchte 15 Millionen Euro, sagt er und hofft, dass das Bauprojekt schnell in die Investitionsplanung des Senates aufgenommen wird. Derzeit stehe es auf der Tagesordnung im Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses.

Indessen auf der Tagesordnung der aktuellen Baustelle im Victoriahaus stehen vor allem Arbeiten in der unteren Etage des etwa 250 Quadratmeter großen Klinkerbaus. Hier wird der Haupteingang zu den Schaugewächshäusern neu und barrierefrei gestaltet, ebenso die Toiletten, die Dachterrasse und der Gastronomiebereich. Neuer Betreiber des Bistros wird die Firma „Apple Food“, die auch schon das Landhaus am Eingang Unter den Eichen im Botanischen Garten führt. „Ein Küchengarten mit selbst gezogenen Kräutern und eine Kochschule sind hier geplant“, verrät Karsten Schomaker.

Und im Eingangsgebäude können die Besucher künftig auch wieder die Unterwasserpflanzenwelt des Botanischen Gartens anschauen. Links und rechts in den Nischen hinter den Rundbögen werden insgesamt 50 Aquarien installiert, aber nur 21 davon sind zu sehen. „Zum ersten Mal haben wir auch zwei Meerwasseraquarien“, erklärt er weiter.

Der aufregendste Moment steht noch bevor

Was jedoch für alle sicher der aufregendste Moment sein wird, ist der Transport der Victoria in ihr neues Zuhause. Denn hinter verschlossener Tür ist die Riesenseerose bereits gekeimt und wird jetzt gehegt und gepflegt. „Wie groß sie im Juni ist, wissen wir nicht“, sagt Schomaker.

Fest steht jedoch, dass die Blätter der tropischen Pflanze einen Durchmesser bis zu eineinhalb Metern haben können. So groß werde sie allerdings bis dahin nicht sein. Er rechnet mit etwa drei bis vier Blättern und einem Durchmesser von maximal 80 Zentimeter. Die Wurzeln der Pflanze werden in einem Korb transportiert. Eine Treppe muss überwunden werden. „Wahrscheinlich sollten mehrere, am besten kleine Personen, vielleicht Kinder, die Blätter tragen“, überlegt der Betriebsleiter. „Das wird sehr spannend!“

Die Autorin Anett Kirchner ist freie Journalistin, wohnt in Steglitz-Zehlendorf, und schreibt als lokale Reporterin regelmäßig für den Zehlendorf Blog des Tagesspiegels. Folgen Sie Anett Kirchner auch auf Twitter.

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