Haben Geisteswissenschaften noch Zukunft? : Studiert wie Obama!

FU-Präsident Peter-André Alt hat sich kürzlich im Zehlendorf Blog besorgt über den Niedergang der Geisteswissenschaften in den USA gezeigt. Unser Autor, Rektor des European College of Liberal Arts (ECLA) in Pankow, plädiert hier für mehr Breite und weniger Spezialistentum.

Thomas Rommel
Unser Autor Thomas Rommel ist Literaturwissenschaftler und Rektor des privaten European College of Liberal Arts in Pankow. Er lebt in Lichterfelde-West.
Unser Autor Thomas Rommel ist Literaturwissenschaftler und Rektor des privaten European College of Liberal Arts in Pankow. Er lebt...Foto: privat

Soll man Geisteswissenschaften studieren? Nicht nur in Berlin ist es für Absolventen der Fächer Germanistik, Kunstgeschichte, Philosophie oder Kulturwissenschaften schwer, nach dem Studium eine Stelle zu finden, heißt es. Die Universitäten sind besorgt, und es stellt sich die Frage, ob geisteswissenschaftliche Fächer überhaupt noch Zukunft haben.

Man soll – aber breit und übergreifend!

In Deutschland ist es üblich, sich bereits zu Studienbeginn auf ein oder zwei bestimmte Fächer festzulegen. Die Spezialisierung beginnt sehr früh, und der vergleichende Blick auf andere Disziplinen wird dadurch oftmals unmöglich.

In England und Amerika ist das nicht immer so, denn dort gibt es neben dem regulären Studium ein Bachelor Studium in den "Liberal Arts", das breit und übergreifend angelegt ist. Man hinterfragt Werte, Gesellschaft und Kultur, oft in kleinen Gruppen nach intensiver Lektüre, bei engem Austausch mit den Dozenten.

"Liberal Arts" beschreibt damit eine Herangehensweise, die alle geisteswissenschaftlichen Fächer umfasst. Beispielsweise wird nicht ein Semester lang höfische Liebeslyrik zergliedert, sondern man betrachtet neben der Literatur die sozialen Bedingungen, unter denen solche Gedichte geschrieben wurden. Dazu gehören auch psychologische Fragestellungen, die Philosophie wird einbezogen, natürlich gehört eine Untersuchung der sozialen Strukturen ebenso dazu wie die Analyse der Wirtschaft, die Liebeslyrik als Teil des Heiratsmarktes und der Altersversorgung notwendig machte.

Die Kunstgeschichte zeigt in diesem Zusammenhang, welche stereotypen Darstellungen von Schönheit galten. Und eine historische Betrachtungsweise von Liebeslyrik erforscht die Weiterentwicklung bis in die Gegenwart. Interdisziplinär ausgebildete Geisteswissenschaftler sehen also sofort, welche im Grunde mittelalterlichen Methoden die Werbung heute einsetzt oder wie Familie, Gesellschaft und Kultur verbunden sind.

Nicht nur historisieren, auch in die Zukunft schauen und sich fit machen für den Wettbewerb - das hat Peter-André Alt mit seiner Universität vor.
Nicht nur historisieren, auch in die Zukunft schauen und sich fit machen für den Wettbewerb - das hat Peter-André Alt mit seiner...Foto: Thilo Rückeis

Da alle Disziplinen in einem solchen Studium eine gleich wichtige Rolle spielen, führt ein breit und umfassend angelegtes Liberal Arts Studium zu einem umfassenden Verständnis gesellschaftlicher Normen und Werte. In England und den USA ist es üblich, dass die Spezialisierung auf ein bestimmtes Fach erst nach dieser Art eines grundständigen Studiums einsetzt. Selbst Medizin oder Jura werden danach studiert - Präsident Obama ist nur ein Beispiel für erfolgreiche Absolventen eines übergreifenden Studiums.

Liberal Arts gibt es auch in Berlin. Auf Englisch und in kleinen Gruppen, mit interdisziplinär lehrenden jungen Professorinnen und Professoren, wird ein solches Studium bei "ECLA of Bard" angeboten, einem College nach anglo-amerikanischem Zuschnitt. Hier kann man auf Universitätsniveau mit Studenten aus aller Welt interdisziplinär studieren, um sich dann später zu spezialisieren.

Aber entscheidend ist, dass bereits mit dem Bachelor eine breite geisteswissenschaftliche Basis gelegt ist, die die Absolventen sehr gut auf die unterschiedlichsten Anforderungen in Studium oder Beruf vorbereitet.

Soll man also Geisteswissenschaften studieren? Man soll, aber am besten übergreifend!

Der Autor, Professor Dr. phil. Thomas Rommel, ist Rektor von ECLA of Bard. A Liberal Arts University in Berlin. Von Haus aus Literaturwissenschaftler, lehrte er vor seiner Berufung nach Berlin an der Jacobs University Bremen, an der Universität Tübingen und an der Columbia University in New York. Seine Forschungsgebiete sind die Lyrik der Romantik sowie die Moralphilosophie des 18. Jahrhunderts. Darüber hinaus setzt er sich mit Erzähltheorie und dem Plagiat auseinander. Sein besonderes Interesse gilt der Frage, welche Rolle die Literatur in der heutigen Kultur spielt, und welche Wechselwirkungen es zwischen fiktionalem Text und der Wirklichkeit gibt. Er lebt in Lichterfelde-West. Der Text erscheint auf dem Zehlendorf Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegels.




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