Integrationsbeauftragte von Steglitz-Zehlendorf : Die Frau der behutsamen Schritte

Auch Steglitz-Zehlendorf muss, wie jeder Bezirk, Flüchtlinge unterbringen. Aber manche Anwohner haben Angst. Marina Roncoroni, die Integrationsbeauftragte, setzt dagegen auf zwei positive Tugenden: Geduld und Verständnis für alle Beteiligten.

Anett Kirchner
Marina Roncoroni ist die Integrationsbeauftragte von Steglitz-Zehlendorf und versucht, den Flüchtlingen, die in den Bezirk kommen, die Integration zu erleichtern.
Die Italienisch-Amerikanerin mit deutschem Pass hat selbst einen so genannten Migrationshintergrund: Marina Roncoroni ist die...Foto: Anett Kirchner

Sie fühlt sich am richtigen Platz. Marina Roncoroni kann als Integrationsbeauftragte in Steglitz-Zehlendorf etwas bewegen, sanft, ohne mit der Brechstange vorgehen zu müssen. Die Italienisch-Amerikanerin mit deutschem Pass hat selbst einen so genannten Migrationshintergrund. „Diese Bezeichnung ist jedoch eine neue Form der Etikettierung, die einem gleichberechtigten Miteinander im Weg stehen kann“, findet sie. Gleichwohl ermögliche ihr diese Internationalität einen interkulturellen Blick auf die Welt: „Dadurch habe ich das Gefühl, viele Leben zu leben.“

Ihre Hoffnung für eine funktionierende Gesellschaft lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Verständnis. Wenn alle Menschen in Steglitz-Zehlendorf gleichberechtigt am Leben mitwirken und teilnehmen können, ist ihr Job erfüllt. Bis dahin gilt es aber, mit Geduld und Beharrlichkeit noch so manchen Weg und Umweg zu gehen.

Aktuell steht Marina Roncoroni vor der Aufgabe, gemeinsam mit den sozialen Initiativen, Organisationen und Kirchengemeinden im Bezirk, etwa 200 Flüchtlinge willkommen zu heißen. Anfang August sind die ersten Bewohner in die Flüchtlingsunterkunft an der Goerzallee eingezogen. „Das ist für alle ein Lernprozess“, erklärt die Integrationsbeauftragte. Nicht alle Stimmen seien positiv. Es gebe auch skeptische und ängstliche Anwohner.

Damit sich die Flüchtlinge angenommen fühlen, soll es Hilfsangebote geben. Denkbar sind gemeinsame sportliche Aktivitäten und Spaziergänge, Kleiderspenden, Hilfe bei den Hausaufgaben, medizinische Beratung, Unterstützung bei Sprachproblemen und Behördengängen. Weil so etwas jedoch kein Selbstläufer ist, wurde zur Koordination ein Willkommensbündnis für die Flüchtlinge eingerichtet. Das Interesse der Menschen im Bezirk ist groß. Zur Gründung des Willkommensbündnisses kamen rund 300 Gäste ins Rathaus von Zehlendorf; weit mehr als erwartet. Und etwa die Hälfte der Anwesenden erklärte mit ihrer Unterschrift, dass sie die Flüchtlinge unterstützen möchte.

Sie setzte einen Beirat für Integration und Migration ein

Als Marina Roncoroni vor drei Jahren mit ihrer Arbeit als Integrationsbeauftragte startete, ahnte sie nicht, dass die Arbeit im Flüchtlingsbereich einmal einen Großteil ihrer Aufgaben ausmachen würde. Ursprünglich ging es in erster Linie darum, das Partizipations- und Integrationsgesetz von Berlin umzusetzen; sprich Vermittlerin zwischen den Migrantenorganisationen, Bürgern und der bezirklichen Verwaltung zu sein. In Steglitz-Zehlendorf haben derzeit etwa 20 Prozent der Menschen einen so genannten Migrationshintergrund. „Deshalb ist es wichtig, auch in der Verwaltung interkulturelle Türen zu öffnen“, erklärt sie.

Ein Schritt in diese Richtung: Der Integrationsausschuss der Bezirksverordnetenversammlung setzte einen Beirat für Integration und Migration ein. Der Beirat ist vor allem beratend tätig und besteht aus Vertretern von zehn Organisationen und fünf Einzelpersonen, die hier im Bezirk in der Integrationsarbeit aktiv sind. Ferner gibt es den bereits länger bestehenden Verein „Netzwerk Integration Südwest“ (NIS). Den prägt Marina Roncoroni entscheidend mit und versucht, neue Initiativen ins Boot zu holen.

"Ich gehe direkt auf die Menschen zu", sagt Marina Roncoroni.
"Ich gehe direkt auf die Menschen zu", sagt Marina Roncoroni.Foto: Anett Kirchner

   

„Ich gehe direkt auf die Menschen zu“, beschreibt sie. Berührungsängste hat sie nicht. Marina Roncoroni besucht sooft es geht Vereine, Runde Tische, Freizeiteinrichtungen, Kirchengemeinden oder soziale Brennpunkte. Sie sieht sich als Brückenbauerin für die Integration im Bezirk, möchte gern weitere Projekte und Initiativen anschieben. „Ob mir das gelingt, müssen andere beurteilen“, sagt sie.

Die Kraft für ihre Arbeit schöpft die 62-Jährige aus einem  Fundus an persönlichen, interkulturellen Erfahrungen. Sie wuchs in den Vereinigten Staaten und in Deutschland auf. Die Familie kam nach Berlin, weil ihr Vater Musiker war und als Kontrabassist und Cellist ein Engagement beim Deutschen Symphonie-Orchester hatte. Außerdem spricht sie mehrere Sprachen: Englisch, Italienisch und Deutsch.

Sie arbeitete für die legendäre Ausländerbeauftragte Barbara John

Nach dem Abitur studierte Marina Roncoroni zunächst Englisch auf Lehramt an der Pädagogischen Hochschule in Lankwitz und arbeitete einige Jahre als Lehrerin. Später war sie freiberufliche Übersetzerin und Dolmetscherin. 1990 kam sie beruflich zum ersten Mal mit dem Thema „Migration“ in Kontakt. Sie arbeitete als Referentin der damaligen, legendären, Ausländerbeauftragten Barbara John im Berliner Senat.

Zehn Jahre später führte sie ihr Weg nach Wien zu der EU-Kommission in der Europäischen Beobachtungsstelle für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (früherer Name). Strukturen und Grundlagen schaffen, um etwas nachhaltig zu etablieren – das hat sie als Mitarbeiterin in der Verwaltung schätzen gelernt. „Denn bei so einem sensiblen Thema sind kleine, behutsame Schritte nötig“, sagt sie.

Anett Kirchner ist freie Journalistin und bloggt seit Januar 2014 auch für den Zehlendorf Blog des Tagesspiegels
Anett Kirchner ist freie Journalistin und bloggt seit Januar 2014 auch für den Zehlendorf Blog des Tagesspiegels, außerdem...Foto: privat

Zwar versprüht Marina Roncoroni oft Witz und Charme, vieles findet sie jedoch nicht zum Lachen. In Gesprächen und E-Mails kann sie auch deutlich werden. „Ich mag nicht, wenn einem Menschen ein Etikett aufgedrückt wird."Die Entscheidung, das Zuhause und die Heimat aufzugeben, geschehe meist aus einer verzweifelten Lebenssituation. Man erinnere sich an die europäischen Flüchtlinge Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts; vor allem nach Amerika und Australien. In der Geschichte der Menschen habe es immer Migrationsbewegungen gegeben. „Dieses Phänomen wird bestehen bleiben“, verdeutlicht sie.

Die Autorin Anett Kirchner ist freie Journalistin, wohnt in Steglitz-Zehlendorf, und schreibt seit Januar 2014 als lokale Reporterin regelmäßig für den Zehlendorf-Blog des Tagesspiegels.




Liebe Leserinnen, liebe Leser,

willkommen im Tagesspiegel Steglitz-Zehlendorf. Unsere lokale Plattform ist offen für Debatten, die die Bürger in Steglitz und Zehlendorf bewegen. Auch direkt aus dem Kiez heraus, aktuell, bürgernah und kritisch. Gerne laden wir auch Sie ein, das Portal gemeinsam mit uns weiterzuentwickeln und zu befüllen; auch die gesellschaftlichen Gruppen und Multiplikatoren sind aufgerufen, eigene Diskussionsbeiträge zu verfassen. Wenn Sie Lust haben, eigene Texte zu liefern, oder Anregungen zu kommunalpolitischen Themen haben, schreiben Sie uns gerne an: steglitz.zehlendorf@tagesspiegel.de

Ihr Team von Tagesspiegel Steglitz-Zehlendorf

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben