Interview mit der Frauenbeauftragten von Steglitz-Zehlendorf : "Mehr geht immer!"

21 der neu gewählten 55 Bezirksvertreter sind weiblich, außerdem eine Frau als Bezirksbürgermeisterin - "nicht schlecht“, findet die Frauen- und Gleichberechtigungsbeauftragte des Bezirks. Trotzdem bleibt viel zu tun.

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Seit 14 Jahren Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte in Steglitz-Zehlendorf: Hildegard Josten Foto: Raack
Seit 14 Jahren Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte in Steglitz-Zehlendorf: Hildegard JostenFoto: Raack

„Sie sind auf Wohnungssuche? Hm, bei der derzeitigen Lage auf dem Wohnungsmarkt, kann ich in der Hinsicht leider nicht weiterhelfen“, sagt Hildegard Josten ins Telefon. Die Frauenbeauftragte von Steglitz-Zehlendorf macht einen Termin mit der Anruferin aus, parallel poppen ständig Emails auf ihrem Rechner auf; sie stellt erst einmal das Telefon kurz leise. 

„Wenn mich eine Frau anruft und um eine Beratung bittet, frage ich immer gleich nach, worum es geht“, erklärt sie. In 14 Jahren als Frauenbeauftragte im Bezirk hat Josten anscheinend ein feines Gespür für die Botschaften zwischen den Zeilen entwickelt: „Bei der Dame eben hatte ich das Gefühl: Da muss ich genauer zuhören und nachfragen. Da steht wohl ein größeres Problem im Hintergrund.“ Oft könne sie dann schnell und unbürokratisch weiterhelfen und die Damen müssen gar nicht erst zum Beratungsgespräch vorbeikommen. „Falls wir uns doch treffen, habe ich für alle Fälle auch Taschentücher da“, sagt Hildegard Josten und öffnet zum Beweis die obere Schreibtischschublade: Oben auf liegt ein Päckchen Papiertaschentücher. Häufig geht es emotional zu in dem kleinen Büro.

Auf das umfangreiche Programmheft mit Informations-, Weiterbildungs- und Freizeitveranstaltungen im Bezirk "von Frauen für Frauen" ist Hildegard Josten besonders stolz Foto: Raack
Auf das umfangreiche Programmheft mit Informations-, Weiterbildungs- und Freizeitveranstaltungen im Bezirk "von Frauen für Frauen"...Foto: Raack

Das Landesgleichstellungsgesetz verpflichtet jeden Bezirk, die Stelle einer  Frauen- oder Gleichstellungsbeauftragten einzurichten, mit dem Ziel, „den im Grundgesetz verankerten Verfassungsauftrag zur Gleichstellung vor Ort mit Leben zu füllen und passende Angebote auf den Weg zu bringen“.

Wo stehen wir denn da in Steglitz-Zehlendorf? „Auf manchen Gebieten befinden wir uns auf einem guten Weg, aber es bleibt viel zu tun“, sagt Josten. „Nach wie vor ist es so, dass Frauen bei gleicher Ausbildung immer noch weniger verdienen. Und es sind nach wie vor Frauen, die Pflegearbeit für Alte und Kinder leisten und aus diesem Grund ihre existenzsichernde Erwerbstätigkeit erst einmal hinten anstellen. Dabei haben doch gerade in Sachen Bildung Frauen die Nase vorn. Aber das schlägt nicht durch, immer noch passiert vieles zum ersten Mal. Ich erhoffe mir ja zum Beispiel endlich eine Bundespräsidentin; das wäre ein weiterer Meilenstein für die Frauen - und für die Männer.“

Der Frauenanteil in der neu gewählten BVV liege bei insgesamt 55 Bezirksvertretern übrigens bei 21 Damen, „das ist also nicht schlecht.“ Außerdem hat mit Cerstin Richter-Kotowski, CDU, erstmals in der Bezirksgeschichte eine Frau das Bezirksbürgermeisteramt übernommen.

"Hätte es Sie und Ihre Angebote doch schon zu meiner Zeit gegeben!"

Aber - und offenbar kann sich die Gleichstellungsbeauftragte auch noch nach 14 Jahren im Amt über manches Thema aufregen - „immer noch verdienen Frauen 22 Prozent weniger für die gleiche Arbeit, bereinigt sind es immer noch acht Prozent. Das liegt zum Beispiel daran, dass die traditionellen Familienstrukturen sich in Deutschland nur sehr langsam ändern: Häufig ernähren Männer die Familie und die Frauen verdienen hinzu.“ Vielleicht muss das so sein, wenn man etwas bewirken will: Dass man sich auch nach vielen Jahren Routine im Job noch ereifern kann.

Wieviel sich in den letzten Jahren bereits getan hat, merkt die Diplom-Pädagogin häufig im Gespräch mit älteren Frauen. „Ältere Damen sagen nicht selten traurig: ‚Hätte es Sie und Ihre Angebote doch schon zu meiner Zeit gegeben!‘“ Das bestärkt und motiviert Hildegard Josten. Auch wenn die Angebote zugegebenermaßen eher zögerlich angenommen werden, „weil es so schwierig ist, sich aus den Strukturen zu lösen. Und das betrifft alle Schichten, nicht nur, aber auch Familien mit Migrationshintergrund.“

Jede vierte Frau ist im Laufe ihres Lebens in Deutschland von häuslicher Gewalt betroffen

Auch beim Thema häusliche Gewalt stünde man noch nicht da, „wo wir hinwollen. Jede vierte Frau ist im Laufe ihres Lebens in Deutschland von häuslicher Gewalt betroffen.“ Josten knistert mit einer Brötchentüte, mit dem Aufdruck „Gewalt kommt nicht in die Tüte“, eine Kampagne, die eine lokale Bäckereikette zum Internationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen am 25. November gesponsert hat.

Natürlich arbeitet sie auch mit Männern: „Wenn sich etwas bewegen soll, muss man schließlich alle mitnehmen.“ Das sei anstrengend, „die Erfolge sind oft nur minimal.“

Doch dafür, und gerade auch für – zunächst - kaum messbare Erfolge, regt die 58-Jährige unermüdlich Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen von Frauen im Bezirk an und arbeitet dabei eng mit den gesellschaftlich relevanten Gruppen zusammen; sie kümmert sich um die Öffentlichkeitsarbeit und organisiert den Frauentreffpunkt in der Ratswaage in Lankwitz. Da gehe es locker und intim zugleich zu, „da singen die Frauen, spielen Doppelkopf oder sie informieren sich zu Themen wie Rente, Unterhalts- und Sorgerecht und weiteren Themen.“ Außerdem gibt es einmal im Jahr am 08. März, dem Internationalen Frauentag, eine Fraueninfobörse im Bürgersaal: „Es gibt so viele hochqualifizierte Frauen, die nach Pflege- oder Erziehungsarbeit wieder in den Beruf einsteigen wollen oder sich umorientieren wollen. Oft sind sie mehrsprachig und topqualifiziert - und finden keinen Job!“

„Eine richtig gute Quote"

Dabei ist es natürlich auch für Frauen wichtig, einen existenzsichernden Job zu haben und genug Geld zu verdienen, auch um später im Alter nicht in Armut leben zu müssen. Denn auch junge Frauen glitten oft sehenden Auges in Probleme mit der Konsequenz Altersarmut. Seit 2011 gibt es nun das Berufs- und Beratungszentrum Steglitz-Zehlendorf. „Mittlerweile wurden dort mehr als 400 Frauen vermittelt, rund 30 Prozent in den ersten Arbeitsmarkt, zehn Prozent in die Selbständigkeit. Das ist eine richtig gute Quote“, sagt Josten stolz. „Ich werde dran bleiben. Mehr geht immer!“

Am 25. November findet der Internationale Gedenktag gegen Gewalt an Frauen statt.

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