Interview zum Abschied von Birgitt Unteutsch aus dem BEA : "Man muss auch nerven können"

Zehn Jahre hat sich Birgitt Unteutsch im Bezirkselternausschuss engagiert, drei Jahre lang als Vorsitzende. Nun hat sie sich am Montag Abend verabschiedet. Für den Tagesspiegel Steglitz-Zehlendorf hat sie ein Resümee gezogen.

Maike Edda Raack
Birgitt Unteutsch bei ihrer Verabschiedung am Montag Abend nach zehn Jahren Engagement im Bezirkselternausschuss
Birgitt Unteutsch bei ihrer Verabschiedung am Montag Abend nach zehn Jahren Engagement im BezirkselternausschussFoto: privat

Frau Unteutsch, was hat Sie vor zehn Jahren veranlasst, sich im Bezirkselternausschuss zu engagieren?

Ich kannte den Bezirkselternausschuss (BEA) vorher gar nicht. Meine Kinder waren ja auf einer privaten Grundschule gewesen, und nach ihrem Wechsel auf eine staatliche Schule wurde ich für den BEA vorgeschlagen. Damals sollte an unserer Schule, der Nordgrundschule, eine Mensa für die Klassen 1-4 gebaut werden. Meine Arbeit im BEA fing damit an, dass wir nachfragten, warum die Mensa nicht auch für die höheren Klassen gebaut wird. Schon damals war es so, dass nicht genug Geld zur Verfügung stand. Und schon damals dachte ich: Es wird doch künftig eher mehr als weniger Geld gebraucht. Das ist nun zehn Jahre her.

Was hat sich seither inhaltlich im BEA verändert?

Das ist in den letzten zwei, drei Jahren ein richtig politisches Gremium geworden. Den Anstoß hat eine Podiumsdiskussion Anfang 2015 gegeben, zu der wir Politiker aus dem Abgeordnetenhaus (AGH) eingeladen hatten. Wir haben gemerkt, dass man auch über den Bezirk hinaus aktiv sein muss. Die bloße Aussage, dass keine Mittel da seien, hat uns nicht befriedigt. Wir wollten mit den Verantwortlichen sprechen, ob es wirklich so ist, oder ob man was machen kann. Und das hat uns großen Spaß gemacht.

Haben Sie denn das Gefühl, in den Jahren etwas bewirkt zu haben?

Wir haben die Missstände einer breiten Öffentlichkeit publik gemacht, etwa mit unserer Adventskalenderaktion. Darüber wurde ja auch überregional berichtet. Und irgendwann gab es ja dann auch Geld. Aber leider reichen die Mittel immer noch nicht aus. Und selbst die Gelder, die bewilligt sind, können nicht eingesetzt werden, weil das Personal für die Umsetzung fehlt. Das ist in anderen Bezirken nicht anders, aber wenn man sich untereinander vernetzt, zum Beispiel über den Landeselternausschuss, ist es leichter, Gelder zu bewegen.

Sie kommen ursprünglich aus dem Bankensektor, arbeiten heute als Office-Managerin. Wieviel Zeit haben Sie nebenbei in die ehrenamtliche Arbeit im BEA gesteckt?

Ich musste schon jeden Tag am Rechner sitzen und Emails beantworten. Als die politische Ebene dazu kam, war die Arbeit dann mit mehr Aufwand auch am Abend verbunden, ich ging dann auch auf Parteiveranstaltungen oder musste ab und zu ins AGH. Irgendwann kam dann schon auch ein Veto aus der Familie, dass mehr als zwei oder drei Abendtermine dann nicht sein müssen.

Ein Termin mit dem Regierenden Bürgermeister hat leider nicht mehr geklappt; aber ich habe noch eine Antwort auf meinen offenen Brief von ihm bekommen.

Birgitt Unteutsch (erste von links) bei einer Debatte im Rathaus Zehlendorf im Juni 2015 zum Thema marode Schulen (neben ihr im Bild der damalige Schülersprecher Juri Strauß, Tagesspiegel-Redakteurin Sylvia Vogt, Stadtrat für Immobilien und Verkehr Michael Karnetzki (SPD) und Manuela Schmidt, Die Linke, MdA (v.l.n.r.)
Birgitt Unteutsch (erste von links) bei einer Debatte im Rathaus Zehlendorf im Juni 2015 zum Thema marode Schulen (neben ihr im...Foto: Anett Kirchner

Was muss besser laufen in der Kommunikation zwischen Bezirk/Schulen/Eltern?

Die einzelnen Schritte müssten besser publik gemacht werden. Der Schulstadtrat oder der Hochbaustadtrat müssten auch mal was von sich aus publizieren, ohne dass wir ständig nachhaken, damit jeder aus der Elternschaft nachvollziehen kann, wann was im Bezirk gemacht wird, wann seine Schule dran ist. In Hamburg wurde das mal eingeführt. Aber hier wird gemauert. Man bekommt nur eine Antwort, wenn man penetrant nachfragt. 

Was ist der größte Missstand im Bezug auf die Schulen im Bezirk?

Es gibt immer noch einen hohen Sanierungsstau, dafür haben wir von Anfang an gekämpft. Dieses Thema hat uns immer begleitet, auch wenn neue Themen dazu kamen. Nach dem Gebäudescan können wir nun sehen, wie hoch der Sanierungsstau tatsächlich ist, auch die Taskforce hat begonnen. Aber das hat alles so lange gedauert. Mir wäre es lieber gewesen, wenn das eher begonnen hätte. Es wird ja täglich teurer, bei der Fichtenberg-Oberschule liegen die Kosten nun bei 21 Millionen Euro.

Ihr jüngstes Kind wechselt nun auf ein Oberstufenzentrum, Sie arbeiten nun auch wieder mehr in Ihrem Beruf. Wie lautet Ihr Resümee nach zehn Jahren im BEA?

Es hat immer Spaß gemacht, vor allem im Vorstand mit den Vorstandskollegen. Ich habe nicht nur Arbeit in den BEA gesteckt, sondern auch nette Freundschaften dabei geschlossen. Ich gehe also mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Auch der Countdown vor der Wahl war zwar sehr aufwändig und fiel ja am Ende der Sommerferien in eine schwierige und turbulente Phase, er lief aber sehr gut. Wir bekamen auch viel Feedback aus der Politik, nach dem Motto, "schön, dass Sie wieder da sind" - die Aktion wurde also schon positiv zur Kenntnis genommen und unsere Forderungen zur Digitalisierung und den staatlichen Europaschulen wurden ja auch in den Forderungskatalog des Landeselternausschusses eingebracht.

 Wie lautet Ihre Prognose für die Sanierung der Schulen in den nächsten Jahren?

Ich denke, wir sind auf einem guten Weg: Das Land muss nun entscheiden, ob die Bezirke weiter für die Schulen zuständig sind, oder ob eine Landesgesellschaft die Verantwortung übernimmt; wenn die Bezirke weiter zuständig sind, sollten sie Unterstützung bekommen. Also Personal zur Verfügung gestellt bekommen, und die Aufgaben sollten sinnvoller aufgeteilt werden, nicht nur Gelder zur Verfügung stehen. Und die Gelder dürfen nicht verfallen - manchmal ist es ja schwierig, alles auszugeben, aber jetzt bleibt nach der Wahl vieles liegen, weil keine Entscheidungsträger da sind. Aber das betrifft nicht nur unseren Bezirk. Es dauert einfach alles; dabei könnte man den Herbst ja zum Beispiel nutzen, um Rechnungen zu stellen. Sonst liegt alles so lange brach.

Was geben Sie Ihren Nachfolgerinnen im BEA-Vorstand, Ulrike Kipf und Sabina Spindeldreier, mit auf den Weg?

Beide sind ja nun schon im zweiten Jahr Teil des Vorstands und sehr gut eingearbeitet. Und sie wissen, dass man hartnäckig sein muss: Selbst wenn gesagt wird, "das kriegen Sie", muss man immer wieder nachfragen. Man muss beim BEA auch ein bisschen nerven können und darf sich nicht scheuen vor Öffentlichkeitsarbeit. 

Wenn Sie sich noch etwas für die Schulen im Bezirk wünschen dürften, was wäre das?

Schön wäre es, wenn mal eine Schule neu gebaut werden würde! Seit längerem brauchen wir im Bezirk eine komplette neue Schule. Das weiß der Bezirk auch. In den nächsten zehn Jahren wird es 86.000 Schüler zusätzlich in Berlin geben. Da wäre zumindest ein neuer Bau in unserem Bezirk wichtig. Vor allem wenn man bedenkt, dass acht Jahre benötigt werden, bis solch ein Neubau fertig ist. Das Bezirksamt meint aber immer noch, dass die Schüler alle an den bestehenden Schulen untergebracht werden können. Dabei gibt es doch auch große Neubaugebiete, die eigentlich auch jeweils eine Schule bräuchten. Man muss an die Zukunft denken und jetzt planen!

Die Fragen stellte Maike Raack.

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