Interviewreihe: Alltag mit Flüchtlingen in Zehlendorf : "Und was tust Du?"

Seit vier Wochen beherbergt Familie Kompatzki ein irakisches Flüchtlingspaar bei sich im Gästehäuschen in Dahlem. Zu Besuch bei Evelyn und Lothar Kompatzki und ihren Gästen.

Maike Edda Raack
Die beiden Flüchtlinge seien ihr Familienprojekt, sagt Evelyn Kompatzki, hier in der Mitte zwischen dem irakischen Pärchen, ganz links Lothar Kompatzki, ganz rechts Tochter Natascha Kompatzki
Die beiden Flüchtlinge seien ihr Familienprojekt, sagt Evelyn Kompatzki, hier in der Mitte zwischen dem irakischen Pärchen, ganz...Foto: Maike Edda Raack

"Ich empfand Unbehangen, wenn ich morgens die Zeitung las", sagt Lothar Kompatzki. "'Und was tust Du?', fragte ich mich. Seitdem wir unser irakisches Pärchen haben, fühle ich mich besser", sagt er. Die Kompatzkis helfen seit Jahrzehnten, wo sie können, haben neben vier eigenen ein Pflegekind und kümmerten sich schon vor mehr als 30 Jahren um eine palästinensische Familie. Dabei sind Lothar und Evelyn Kompatzki nicht mehr die Allerjüngsten. Lothar Kompatzki hat vor wenigen Tagen seinen 88. Geburtstag gefeiert. "Mein Mann musste selbst aus Ostpreußen fliehen. Er weiß, wie es ist, die Heimat zu verlassen und von vorne anfangen zu müssen", erklärt Evelyn Kompatzki. Die beiden sitzen zusammen mit Tochter Natascha und den beiden irakischen Flüchtlingen auf der Terrasse, ein Eichhörnchen balanciert auf dem Gartenzaun. Es gibt Kaffee und sie unterhalten sich auf Englisch, zwischendurch fallen auch schon ein paar Brocken auf Deutsch in die Unterhaltung. "Sie bekommen jeden zweiten Tag Deutschnachhilfe von mir und sie sind sehr fleißig. So macht mir das auch selbst richtig Spaß", sagt Evelyn Kompatzki. "Ich würde sagen, unsere Flüchtlinge sind im Moment unser Familienprojekt."

Sie seien sehr dankbar, sagt das irakische Paar, hier im Gartenhäuschen der Kompatzkis. Sie lernen nun fleißig deutsch, mit Unterstützung von Evelyn Kompatzki
Sie seien sehr dankbar, sagt das irakische Paar, hier im Gartenhäuschen der Kompatzkis. Sie lernen nun fleißig deutsch, mit...Foto: Maike Edda Raack

Das Paar, dessen Namen hier nicht genannt werden soll, kommt aus Bagdad und wohnt seit vier Wochen im Gartenhäuschen der Familie Kompatzki. Ein schmuckes Holzhäuschen - "aber das sind 18 Quadratmeter, da können die beiden sich nun nicht gerade viel bewegen", sagt Frau Kompatzki, "und so ist meine Tochter mit unserem weiblichen Gast ins Fitnessstudio gegangen, hat mit dem Manager gesprochen, und nun darf sie einen Monat umsonst trainieren. Jeden Tag geht sie nun dorthin, sie blüht förmlich auf. Im Irak musste sie sich ja auch verschleiern, nicht, weil ihr Mann das wollte, sondern weil das gesellschaftlich dort gang und gäbe ist. Beide sind sehr gebildet, er ist Hochschuldozent für Geschichte, sie ist Zahnärztin", erzählt Evelyn Kompatzki. "Und sie sind sehr bescheiden. Es ist ihnen unangenehm, dass sie Strom und Miete nicht zahlen können. Neulich brauchte sie ein Paar Turnschuhe, da ist meine Enkelin mit ihr shoppen gegangen zu Primark. Ich selbst habe ihr bei Aldi alles gezeigt. Und statt eines Großeinkaufs hat sie für 4,60€ Brötchen und das Allernötigste eingekauft."

An einem heißen Sommertag haben die Kompatzkis mit ihren beiden Irakern einen Ausflug an die Krumme Lanke gemacht. "Hinterher hat sie gesagt, dass sie so etwas noch nie erlebt habe, da durch die Bombenanschläge und den IS im Irak solche Ausflüge gar nicht möglich sind. Dass man sich überhaupt frei bewegen kann, ist für sie einmalig", sagt Evelyn Kompatzki. "Sie mussten fliehen, weil er sich in Bagdad für ein Heim für Flüchtlingskinder engagiert und die Zustände dort öffentlich gemacht hat. Das hätte er nicht gedurft, man darf dort den Staat nicht schlecht machen. Auf jeden Fall hätten sie auch deshalb Schwierigkeiten im Irak, weil sie ein gemischtes Paar sind: Er ist Schiit und sie Sunnitin."

Bevor sie nach Deutschland kamen, waren sie fast zwei Jahre in der Türkei, erzählt nun die Irakerin auf Englisch. In der Türkei hätten sie aber nicht arbeiten können und die ganze Zeit von ihrem Ersparten gelebt. Die Situation dort sei auch nicht viel besser gewesen als zuhause.

"My two angels" nennt die junge Irakerin die Kompatzkis

Sie seien sehr dankbar, dass sie hier wohnen dürften, sagen sie beide, als sie ihr Domizil zeigen: Ein gemütlicher Wohnraum mit Küchenzeile und Sitzecke, darüber der Schlafbereich. Stolz zeigen sie auch die Jacken und Hemden, die sie geschenkt bekommen haben. Die Kompatzkis seien sie ihre "Engel" - „my two angels“, sagt sie. Auch für sie sei die Anwesenheit der beiden auf jeden Fall eine Bereicherung, sagt Frau Kompatzki. "Wir lernen voneinander. Den beiden tut es gut, bei uns zu sein, nach allem, was sie hinter sich haben. Sie können im Grünen sein, hier ist es ruhig und sicher. Und für uns ist es eine Bereicherung, weil sie liebenswerte, zurückhaltende Menschen sind. Sie nehmen nur schwer etwas an. Sie können es ja nicht zurück geben, aber ich habe ihnen gesagt, sie können es später mal jemandem zurückgeben, der Hilfe braucht. Das hat ihnen gefallen."

Einmal die Woche koche sie für alle. Die beiden Iraker seien da sehr offen, auch Schweinefleisch hätten sie schon probiert, als sie nach Europa kamen.

Sofern sie das denn wollten, dürften die beiden bis auf Weiteres in ihrem Gartenhäuschen wohnen bleiben, betont Evelyn Kompatzki. "Wir warten jetzt auf ihren Termin am 23. September beim LaGeSo. Da wird sich herausstellen, was passiert. Vielleicht kommt ihnen ja zugute, dass sie durch uns schon soziale Kontakte hier in Berlin haben."

In die Familie Kompatzki sind die beiden Iraker jedenfalls anscheinend schon integriert: Für die Kompatzkis ist es selbstverständlich, dass das Pärchen dabei ist, wenn sie am Wochenende den Geburtstag von Lothar Kompatzki mit der ganzen Familie nochmal richtig nachfeiern. Bevor die Vorbereitungen für das Fest in die Endphase gehen, möchte der Jubilar nun mit seinem irakischen Gast aber erst einmal gemeinsam einen Schrank aufbauen.

Das Interview führte Maike Edda Raack. Die Autorin schreibt für den Tagesspiegel und für Tagesspiegel Zehlendorf, das digitale Stadtteil- und Debattenportal aus dem Berliner Südwesten, auf dem dieser Text erscheint. Folgen Sie Maike Edda Raack auch auf Twitter.




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