Jugendkunstschule Steglitz-Zehlendorf : „Durch Querdenken kann Neues entstehen“

Steglitz-Zehlendorf hat als einziger Bezirk noch keine Jugendkunstschule. Zwar dauert die Sanierung länger als geplant, doch bald könnten am „Yougend Kunst Campus“ Modenschauen, Filmvorführungen und Ausstellungen stattfinden.

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Der "Yougend Kunst Campus" in Steglitz: Für 1,2 Millionen Euro wird das Hauptgebäude des Campus nun ab Oktober saniert
Der "Yougend Kunst Campus" in Steglitz: Für 1,2 Millionen Euro wird das Hauptgebäude des Campus nun ab Oktober saniertFoto: Anett Kirchner

Reinickendorf hat eine, Marzahn-Hellersdorf hat eine, auch Mitte hat eine. Genau genommen haben alle Bezirke in Berlin eine, nur Steglitz-Zehlendorf bislang nicht. Die Rede ist von einer Jugendkunstschule. „Wir sind zwar in der Tat nicht die Ersten. Dafür ist unser Ziel, die Beste zu werden“, sagt Christa Markl-Vieto (Grüne) selbstbewusst. Die Jugend-Bezirksstadträtin habe sich sehr für das Projekt engagiert, wie sie betont. Und eigentlich war es auch ihr Wunsch, die neue Jugendkunstschule in Steglitz-Zehlendorf in diesem Sommer feierlich zu eröffnen (wir berichteten). Doch etwas klemmt: das Hauptgebäude ist maroder als gedacht und muss ab Oktober aufwändig saniert werden. Die feierliche Einweihung soll daher erst im nächsten Jahr stattfinden.

Und so wirkt der Albert-Schweitzer-Campus in Steglitz an diesem Mittwochvormittag verwaist. Die Stühle in der Werkstatt, in der normalerweise Plastiken geformt werden, sind umgekehrt auf die Tische gestellt. Keine Kinder, keine Jugendlichen. Zwar sind jetzt Sommerferien, trotzdem wünschen sich die Verantwortlichen, dass der Campus Am Eichgarten bald ein lebendigerer Ort wird.

Ein Rundgang durch die künftige Jugendkunstschule
Gespräch im Innenhof des Campus mit (v.li.) Bildungs-Bezirksstadträtin Cerstin Richter-Kotowski (CDU), Jugend-Bezirksstadträtin Christa Markl-Vieto (Grüne), sowie die beiden Leiter der Jugendkunstschule Henning Harms und Bettina TscheslogWeitere Bilder anzeigen
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02.08.2016 15:46Gespräch im Innenhof des Campus mit (v.li.) Bildungs-Bezirksstadträtin Cerstin Richter-Kotowski (CDU), Jugend-Bezirksstadträtin...

Denn offiziell – also auf dem Papier - existiert die Einrichtung bereits. Im Mai dieses Jahres wurde die Kooperationsvereinbarung unterschrieben. Kooperationspartner sind die Bereiche Jugend und Schule des Bezirkes Steglitz-Zehlendorf und die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft. Der offizielle Name der Jugendkunstschule lautet „Yougend Kunst Campus“.

Und seit etwa einem Jahr wird das Projekt auch schon „on the road“, wie Markl-Vieto es nennt, in den Schulen und Vereinen des Bezirkes vorgestellt. Vereinzelte Kurse fanden bereits auf dem Campus in Steglitz statt; in der Modell- und Holzwerkstatt oder in der Plastik- und Keramikwerkstatt. Vom letzten Kurs stehen hier noch einige Gips-Figuren zum Trocknen im Regal. Schüler haben sie entworfen: Mäuse, Igel, Muscheln, Fantasiehäuser, Vasen. Hier können die Kinder ihrer Kreativität frönen. An Ideen mangelt es nicht.

Genau das zu fördern, darin sieht Cerstin Richter-Kotowski (CDU), Bezirksstadträtin unter anderem im Bereich Bildung, die Basis der Gesellschaft. „Wir können uns nicht allein auf die Technik und das logische Denken verlassen“, erklärt sie. Zuvor müsse der Geist bei den Kindern geöffnet werden. Das funktioniere nur, indem man ihnen Raum für Kreativität lasse. „Allein durch Querdenken kann Neues entstehen.“

Die Autorin

ist freie Journalistin, wohnt in Steglitz-Zehlendorf, und schreibt regelmäßig für den Tagesspiegel-Zehlendorf. Folgen Sie Anett Kirchner auf Twitter. Weitere Texte von Anett Kirchner finden Sie hier.

Der großzügige Garten des Campus lädt zum Beispiel zur Freilichtmalerei ein
Der großzügige Garten des Campus lädt zum Beispiel zur Freilichtmalerei einFoto: Anett Kirchner

Diesen psychologischen Ansatz in der Kunst greift auch Christa Markl-Vieto auf, indem sie erläutert, dass es falsch sei, wenn sich Kinder verschlössen, sich nicht äußerten. Im Kreativsein wie Malen, Theaterspielen oder Töpfern könnten die Schüler ihre eigenen Fähigkeiten und Sinne entdecken. „Darin sehe ich eine Chance, dass sie lernen, aus sich herauszugehen“, verdeutlicht die Jugend-Bezirksstadträtin.

Dass der Campus erst im nächsten Jahr richtig eingeweiht werde, empfinde sie als nicht so tragisch. Das Projekt sei ein „work in progress“, ohne konkrete Vorgaben. „Wir haben die Planungen für die Gebäude noch einmal überdacht und an die Nutzungen angepasst“, erklärt sie. Immerhin könne man den Garten und die Räumlichkeiten im hinteren Teil der Anlage mit zwei Werkstätten, einer Turnhalle und einem Theatersaal bereits nutzen. Insgesamt besteht der Campus aus sechs, unterschiedlich großen Gebäudeteilen mit einer Gesamtfläche von etwa 900 Quadratmetern. Hinzu kommen rund 2000 Quadratmeter an Außenanlagen.

Das markanteste Haus mit dem Haupteingang wird nun von Oktober bis Mai 2017 saniert; umfassender als gedacht. „Weil wir festgestellt haben, dass zudem das Dach repariert werden muss“, sagt Markl-Vieto. Denn nur dann könne man auch die obere Etage voll nutzen. Hier sei angedacht, ein Textil-Atelier, eine Druckwerkstatt und ein Fotostudio einzurichten. Ging sie bei den Kosten im letzten Jahr noch von etwa 600.000 Euro aus, spricht sie aktuell von circa 1,2 Millionen Euro. Etwa 900.000 Euro würden mit Geldern aus dem Sondervermögen Infrastruktur der Wachsenden Stadt (SIWA) bezahlt. Den Rest trage der Bezirk.

Erste kleine Kunstwerke der Schüler trocknen im Regal
Erste kleine Kunstwerke der Schüler trocknen im RegalFoto: Anett Kirchner

„Hier geht es im Wesentlichen nicht um eine Kostenerhöhung“, betont Michael Karnetzki (SPD), der als Bezirksstadtrat für die Sanierung des Gebäudes zuständig ist, „sondern um eine zu geringe Ansatzbildung bei der SIWA-Anmeldung im letzten Jahr.“ Eine bereits seit 2014 existierende Vorplanungsunterlage sei von Gesamtkosten in Höhe von einer Million Euro für das Gebäude ausgegangen. Der Architekt habe jedoch seinerzeit die Kosten in mehrere „Baupakete“ aufgeteilt. Bei der Anmeldung zu SIWA sei das Jugendamt dann zunächst davon ausgegangen, einzelne Baupakete, insbesondere die Dachsanierung, wegzulassen. „Das hat sich als Irrtum erwiesen“, so Karnetzki.

Beim Rundgang über den Campus gerät Markl-Vieto ins Schwärmen. Sie finde den Standort ideal aufgeteilt und wunderschön. Beinahe überall habe man einen Blick ins Grüne, dann der großzügige Innenhof mit der Linde, der Garten könne beispielsweise für Freilichtmalerei genutzt werden und jedes Gebäude habe einen separaten Eingang, so dass sich die Projektgruppen nicht gegenseitig störten.

Geplant sind Modenschauen, Filmvorführungen, Ausstellungen

Der Campus „Haus der Jugend - Albert Schweitzer“ wurde 1958 als Jugendfreizeiteinrichtung (JFE) des Bezirkes eröffnet. Die JFE soll bestehen bleiben; allerdings in etwas kleinerer Form. Sie werde in die neue Jugendkunstschule integriert. Beispielsweise sei ein Jugendcafé geplant. „Die beiden Einrichtungen unter einem Dach, das ist berlinweit einzigartig“, sagt Henning Harms. Er und Bettina Tscheslog, beide erfahrene Kunstpädagogen, teilen sich künftig die Leitungsstelle der Jugendkunstschule. Tscheslog ist für den Grundschulbereich zuständig, Harms für die Oberschulen.

Ihre Erfahrung zeigt, dass „die Schulen oft technisch und handwerklich nicht gut ausgestattet sind.“ Hier am Campus gebe es Werkstätten, Ateliers, Studios, einen Saal mit einer Bühne. Die Möglichkeiten, an diesem Ort künstlerische und handwerkliche Inhalte zu vermitteln, seien sehr gut. Zudem könnten Projekte zusammengeführt werden. Etwa bei einer Theateraufführung, wenn die Bühne in der Holzwerkstatt gebaut und Kostüme im Textil-Atelier geschneidert würden.   

Und das Wichtigste: „Es soll ein Talentschuppen sein.“ Vor allem für die Kinder, deren Eltern sich wenig mit Kunst beschäftigen, kein Interesse an Kreativem haben. Die Projekte werden zum großen Teil von Künstlern aus dem Berliner Südwesten begleitet; aber auch von Gastkünstlern aus dem Ausland. Und so träumen alle Beteiligten von einer bunten, kreativen Landschaft am „Yougend Kunst Campus“ - mit Modenschauen, Filmvorführungen und Ausstellungen. Wenn es gut läuft, treffen sich alle im nächsten Sommer an diesem Ort wieder, der dann lebendiger ist als heute.

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