Kiezleben in Zehlendorfs Mitte : Ein Markt für Bauch und Seele

Seit einem Jahr betreibt der Lichterfelder Farshad Goja den neuen Markt am S-Bahnhof Zehlendorf. Die Idee dazu hatte er schon 2008, 2014 wurde der Markt ausgeschrieben, 2016 ging es los. Die Zehlendorfer haben den Markt angenommen, immer mehr Menschen kommen samstags zwischen 9 bis 16 Uhr auf den sogenannten kleinen Teltower Damm.

Auf dem sogenannten kleinen Teltower Damm herrscht Samstags reges Marktreiben.
Auf dem sogenannten kleinen Teltower Damm herrscht Samstags reges Marktreiben.Foto: Boris Buchholz

Herr Goja, der Markt besteht jetzt ein Jahr. Wie haben ihn die Zehlendorfer angenommen?

Fast alle sind von dem Markt begeistert - und ehrlich: Wir geben uns auch viel Mühe. Jede Woche kommen viele Besucher zu mir und sagen: „Machen Sie so weiter!“ Vor einiger Zeit kam eine 80-jährige Dame zu mir und umarmte mich. Sie erzählte, dass sie sich einen so wunderschönen Markt immer gewünscht hätte. Ein Traum sei in Erfüllung gegangen.

Wie zufrieden sind denn die Händler?

Der Markt läuft sehr gut, die Besucher werden immer mehr. Wir sind jeden Samstag zufriedener als den Samstag zuvor, es wird von Markttag zu Markttag besser – auch für die Händler, die sich am Anfang nicht sicher waren. Wir haben fast vierzig verschiedene Händler. Jetzt werde ich gefragt, ob wir uns vergrößern könnten, ob der Markt auch noch an einem zweiten Tag stattfinden könnte.

Es gab in dem ersten Jahr ja auch Ärger. Zum Beispiel beschwerten sich Anwohner, dass der Aufbau am Morgen sie belästige.

Es gibt Menschen, die Angst vor Veränderungen haben - und zwar nicht nur wegen des Marktes. Als diese Leute gehört haben, dass es einen neuen S-Bahn-Ausgang geben soll, waren sie dagegen. Neue Fahrradständer wollten sie auch nicht. Wegen des Lärms habe ich mit dem Amt gesprochen, das Umweltamt hat gemessen und kontrolliert. Das Ergebnis war, dass die S-Bahn viel lauter ist als die Geräusche beim Aufbau des Markts.

Wie war die Reaktion der Gewerbetreibenden am sogenannten kleinen Teltower Damm auf den Markt?

Viele der ansässigen Gewerbetreibenden waren am Anfang skeptisch. Jetzt sind sie sehr glücklich, denn die Straße ist samstags bis exakt 16 Uhr gut besucht, der Markt zieht die Menschen in diese Seitenstraße. Natürlich gehen Marktbesucher auch in die Geschäfte hinein.

Die Ladenbesitzer waren zuerst skeptisch, doch jetzt profitieren sie vom regen Treiben beim Markt.
Die Ladenbesitzer waren zuerst skeptisch, doch jetzt profitieren sie vom regen Treiben beim Markt.Foto: Boris Buchholz

Auf Ihrem Markt gibt es Cappuccino, Bänke und Live-Musik. Was macht heute einen Markt aus?

Wir haben ein simples Konzept: Unser Markt ist nicht nur für den Bauch, sondern auch für die Seele da. Das macht uns anders als andere Märkte. Jeden Samstag schmücken wir die Straße mit Wimpeln - ein Markt muss eine festliche Atmosphäre ausstrahlen. Die Menschen sollen sich freuen. Bei uns ist es nicht hektisch, man kommt auf unseren Markt, weil man wirklich stehen bleiben möchte. Auch die Vielfalt ist entscheidend: Außer bei Obst und Gemüse werden Sie kein Angebot zweimal sehen - und ich bin verdammt stolz darauf. Wir holen Kunsthandwerk und Kunst auf den Markt, bieten Live-Musik - wir wollen etwas für die Seele anbieten und es möglich machen, sich zu treffen. Dazu gehört, dass man bequem und warm sitzen kann. Im Winter werden wir beheizte Zelte aufstellen.

Wer geht auf dem Markt einkaufen?

Alle, Familien mit Kindern, Jugendliche, Alte. Fast jeden Samstag kommt eine Gruppe von 80-Jährigen: Sie setzen sich in das Zelt, bestellen einen Kaffee und reden über Zeiten als sie vierzig, fünfzig Jahre alt waren. Das ist wie ein Familientreffen geworden. Wir haben jetzt Marktbesucher, die aus Prenzlauer Berg zu uns kommen.

Worüber haben Sie sich in letzter Zeit so richtig gefreut?

Fast jeden Samstag kommen Franzosen auf den Markt und letztens sagte mir einer, dass sie sich wie zuhause fühlen würden, wie in Paris. Ich kenne keine Märkte in Paris, aber sie versicherten mir, dass es dort genauso schön und gemütlich ist.

Der Bezirk überlegt, den kleinen Teltower Damm nicht nur samstags, sondern generell für den Autoverkehr zu sperren.
Der Bezirk überlegt, den kleinen Teltower Damm nicht nur samstags, sondern generell für den Autoverkehr zu sperren.Foto: Boris Buchholz

Gibt es Pläne, den Markt zu vergrößern?

Ich würde den Markt gerne größer machen, aber wir haben den Platz nicht. Stattdessen versuchen wir, immer besser zu werden. Zum Beispiel haben wir seit kurzer Zeit einen weiteren Stand für französische Feinkost auf dem Markt. Wir können höchstens noch zwei oder drei Stände mehr unterbringen.

Wird der zweite Zugang zur S-Bahn und der Umbau des Postplatzes dem Markt gut tun?

Das hoffen wir stark. Wir müssen abwarten, wie die Gestaltung aussehen wird - und dann werden wir uns anpassen. Mit dem neuen Ausgang werden wir sehr viel mehr Besucher haben.

Zum Schluss: Der Markt hat Geburtstag, was wünschen Sie sich?

Ich würde sehr gerne im Juli ein deutsch-französisches Freundschaftsfest feiern - allerdings ohne Riesenrad, sondern mit Essen und Kunst. Außerdem wünsche ich mir, dass wir an den vier Adventssonntagen einen Kunstmarkt durchführen könnten, so etwas gibt es in Zehlendorf-Mitte nicht. Ich würde mich freuen, wenn mich der Bezirk dabei unterstützen würde.




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