Kinder loslassen - wie geht denn das? : Mama, ich kann das!

Sind wir nicht alle Helikopter-Eltern? Natürlich nur aus Angst, unseren lieben Kleinen könnte etwas passieren. Hier schreibt unsere Bloggerin und Zehlendorfer Mutter über die nicht so einfache Übung, die Kinder loszulassen und ihnen Dinge zuzutrauen.

Nina Massek
Kinder wollen einfach mal abtauchen und nicht immer hören, "Kind, wir haben Angst um dich!"
Kinder wollen einfach mal abtauchen und nicht immer hören, "Kind, wir haben Angst um dich!"Foto: Kitty Kleist-Heinrich

"Ach menno, immer habt ihr Angst um mich. Warum eigentlich?”, sagt mein Sohn Sebastian. Das sagt er oft. Wenn ich möchte, dass er vor der Dämmerung ins Haus kommt oder er doch lieber noch nicht alleine in unserem Viertel unterwegs sein sollte. Selbständige Kinder erziehen, das ist gar nicht so einfach, wenn man eine moderne Helikopter-Mutter ist. Mein Sohn ist offen, neugierig und unternehmungslustig. Zum Glück! Warum fällt es uns manchmal so schwer, los zu lassen und zu vertrauen?

Wenn ich an meine Kindheit zurück denke, habe ich ab der zweiten Klasse meinen Schulweg per Rad alleine bewältigt. Und war sehr stolz darauf. Erst vor ein paar Jahren gestand mir meine Mutter, dass sie mir jeden Morgen “undercover” mit dem Auto hinterher gefahren ist. Nach über dreißig Jahren habe ich mich im Nachhinein wahrscheinlich gefühlt wie mein Sohn heute. “Menno, immer hattest du Angst um mich. Warum eigentlich?” Das konnte sie mir auch nicht beantworten. Kann man sich die Angst um die Kinder eigentlich auch abgewöhnen? Man muss!

Tja, aber schwer ist das Loslassen. Bei uns hat komischerweise die Sorge um Sebastians Rechenschwäche dazu geführt, mehr loszulassen. Sebastians neue Lerntherapeutin fragte bei der ersten Stunde ohne Umschweife: “Wie viel darf er alleine machen, wie selbständig ist er?”

“Nun ja, in unserer Siedlung darf er sich frei bewegen.” (“Und ich rufe nur ungefähr alle 20 Minuten nach ihm”, dachte ich, sagte ich aber nicht.)

“Lassen Sie ihn mehr alleine tun, denn das hat mit Rechnen zu tun. Brötchen holen, alleine zur Schule gehen, das ist alles Alltagskompetenz.”

Die eigenen Kinder loslassen? Nicht so einfach, wie es hier ausschaut.
Die eigenen Kinder loslassen? Nicht so einfach, wie es hier ausschaut.Foto: Tsp/privat

Komisch, wenn ich radfahre oder über die Straße gehe, denke ich selten an Mathematik. Ok, beim Brötchenholen sollte man das Wechselgeld nachzählen. Aber über die Straße gehen und Mathe üben? Trotzdem wollten wir es versuchen. Der Junge ist fast acht Jahre alt. Da ist es vielleicht Zeit, den Radius zu erweitern.

Vor einer Woche ging er nun Brötchenholen, das erste Mal alleine. Im strömenden Regen. Wir mussten ihm gar keinen extra donut versprechen, so gefreut hat er sich. Hin- und Rückweg sind ungefähr zwanzig Minuten.

Nach 15 Minuten schaute ich auf die Straße. Wo blieb er nur? Nach zwanzig Minuten wurde ich unruhig. Hatte ihn jemand angesprochen? Nach 22 Minuten war ich mir sicher: Er hatte sich im Vorstadtdschungel verlaufen, bestimmt!

Nach 25 Minuten war er wieder da. Stolz wie Oskar. Er trat mit den durchweichten Brötchen durch die Tür und war ein veränderter Junge. In 25 Minuten war sein Selbstbewusstsein ein Vielfaches gewachsen. Er hatte nicht nur die Einkaufsliste korrekt “abgearbeitet”, sondern auch einen gratis dognut von der Bäckersfrau bekommen, weil er so toll alleine Brötchen holt. Außerdem dem kranken Nachbarsmädchen gute Besserung gewünscht und noch einigen Nachbarn von seinem Abenteuer erzählt.

Ich frage mich, warum wir das nicht viel eher gemacht haben. Nicht nur, dass es meinem Sohn gut tut und es ihm Spaß macht. Wir sind dadurch auch entlastet. Kinder wollen etwas beitragen, nützlich sein. Warum lassen wir das so oft nicht zu? Immer diese irrationale Angst, menno!

Unsere Autorin bloggt auch als „Frau-Mutter“. Der Zehlendorf Blog kooperiert mit www.Frau-Mutter.com
Unsere Autorin bloggt auch als „Frau-Mutter“. Der Zehlendorf Blog kooperiert mit www.Frau-Mutter.comFoto: Anne Kreuz

Die Lerntherapeutin hat uns unmissverständlich klar gemacht: Die Eltern müssen zu Hause mitarbeiten, wenn das mit dem Rechnen besser werden soll. Und zwar nicht mit Rechenübungen, sondern den Jungen einfach Dinge machen lassen. Selbständigkeit zulassen. Vertrauen. Das ist gar nicht so einfach, was total absurd ist. Wenn ich meinen Sohn zu einem kompetenten Erwachsenen erziehen will, muss ich damit aufhören, alles zu übernehmen und die Dinge laufen lassen.

Unsere Autorin bloggt regelmäßig unter www.frau-mutter.com, sie wohnt in Zehlendorf. Der Text erscheint auf dem Zehlendorf Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegels.  




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