Kunstort Berlin-Zehlendorf : Schöpfergeist statt Abrissbirne

Das Studentendorf Schlachtensee sollte abgerissen werden, nun arbeiten hier Künstler – und beweisen, dass der Südwesten kreativ ist.

Nora Tschepe-Wiesinger
Vor dem Abriss bewahrt. Das Studentendorf Schlachtensee, hier in einer aufnahme aus dem Jahr 2006.
Vor dem Abriss bewahrt. Das Studentendorf Schlachtensee, hier in einer aufnahme aus dem Jahr 2006.Foto: Thilo Rückeis

Auf Marina Schulzes Schreibtisch sitzt eine Kröte. Die Kröte ist so groß wie eine Honigmelone und weiß wie Schnee; vor allem jedoch ist sie nicht echt, sondern aus Stein. Wann immer Schulze zu viele Gedanken durch den Kopf gehen, die sie von ihrer Arbeit als Malerin, Zeichnerin, Grafikerin und Modellbauerin abhalten, meißelt sie an der Kröte herum. „Danach kann ich viel konzentrierter weiterarbeiten“, sagt sie lachend und zeigt hinter sich auf eines ihrer anderen Kunstwerke: eine marionettenähnliche Skulptur mit langer Nase und langen Fingernägeln. Ein Stockwerk höher gibt es keine Skulpturen und Kröten mehr, sondern Gläser voller bunter Farbe, bemalte Zeitungen und nasse Pinsel. Es riecht nach Glanzlack und Druckerschwärze, an den Wänden lehnen fertige und unfertige Bilder. Marie Stern malt vor allem Landschaftsbilder und Gesichter. Dass die Frauen dennoch zusammenarbeiten, haben sie Studenten zu verdanken.

Insgesamt 16 Maler, Bildhauer, Fotografen, Installateure und Architekten haben sich im großen grauweißen Haus mit der Nummer 19 zusammengetan. Nicht etwa in Kreuzkölln oder einem anderen kreativen Boom-Viertel Berlins, sondern in Zehlendorf nur zehn Gehminuten vom Schlachtensee entfernt. Trotz seiner unscheinbaren Fassade ist das Haus einzigartig, denn es gehört zu den 27 Wohnhäusern des Studentendorfs Schlachtensee in der Wasgenstraße 75, dessen Abriss der Senat im Jahr 2000 eigentlich bereits beschlossen hatte – aus Kostengründen. Die mehr als 900 Studenten, die zu dem Zeitpunkt im Dorf wohnten, protestierten und entwickelten zusammen mit einem Freundeskreis aus Architekten, Projektplanern und Politikern ein Nutzungs- und Finanzierungskonzept. Seit 2003 gehört es zur eigens gegründeten Genossenschaft des Studentendorfs.

Zwei Jahre später beginnt die Geschichte des Künstlerhauses 19. „Es sah richtig wild aus, als wir eingezogen sind“, erinnert sich Heidrun Kunert, Malerin, Architektin und Gründungsmitglied. „Die Wände waren mit Graffiti besprüht, überall lagen Flugblätter und Transparente.“ Dennoch erkannten sie und sieben weitere Künstlerfreunde sofort die perfekten Bedingungen mit den hellen lichtdurchfluteten Räumen und hohen Fenstern. Sie renovierten, putzten, strichen, rissen Wände heraus und machten aus den kleinen Studentenwohnräumen 20 Quadratmeter große Ateliers. In den folgenden Jahren schlossen sich immer mehr Künstler dem Haus Nummer 19 an – wie Marina Schulze und Marie Stern.

Regelmäßig stellen die Vereinsmitglieder nun ihre Werke im Haus aus, es gibt Workshops für andere Kunstinteressierte. Ziel des Vereins war es bei der Gründung, eine neue Kunstadresse in Zehlendorf zu etablieren. Ist das gelungen? Marina Schulze lässt sich mit der Antwort Zeit. „Zehlendorf ist für mich als Künstlerin immer noch ein langweiliger Ort“, sagt sie dann. Fast schon meditativ wirkt die Stille und Abgelegenheit des Studentendorfes. Zum Arbeiten ideal, fürs kreative Umfeld nicht immer. Marina Schulze wünscht sich manchmal, dass die Zehlendorfer einen etwas weniger konservativen Zugang zur Kunst hätten. Besonders ärgert es sie, wenn jemand fragt, „ob ich nicht ein Bild habe, das gut zur Couch im Wohnzimmer passt.“

Doch die Mitglieder - die meisten wohnen selbst in Zehlendorf - geben nicht auf: Sie wollen mit ihrer Arbeit den Bezirk kulturell aufwerten. Davon können sich Interessierte an diesem Wochenende überzeugen, denn das „Künstlerhaus 19“ nimmt mit der Ausstellung „Farbe in der Kunst – Sprache des Lichts“ am Tag des offenen Denkmals teil. Acht Künstler zeigen ihre Werke, außerdem gibt es eine Führung zur Architektur und Geschichte des Hauses und eine Liveband – aus Tempelkreuzkölln, wie es in der Einladung heißt.

Die Ausstellung „Farbe in der Kunst – Sprache des Lichts“ im Künstlerhaus 19, Wasgenstraße 75, Nikolassee ist anlässlich des Tags des offenen Denkmals am Sonnabend von 16 bis 20 Uhr und am Sonntag von 13 bis 18 Uhr geöffnet. Weitere Infos unter: www.kuenstlerhaus19.de.




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