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Mietenexplosion am Teltower Damm : Zehlendorfer Kult-Geschäfte machen dicht

Antkowiak und Juwelier E. Weiss sind Zehlendorfer Geschäftsinstitutionen und mehr als 100 Jahre alt. Aber beide Familiengeschäfte können die steigenden Mieten nicht mehr bezahlen und müssen schließen. Der Zehlendorf Blog hat sie besucht.

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Die Marge ist klein geworden und die Mitarbeiter weniger, früher haben Monika und Christian Zucker noch mit sechs weiteren Mitarbeitern den Laden geschmissen, jetzt sind sie zu Dritt.
Die Marge ist klein geworden und die Mitarbeiter weniger, früher haben Monika und Christian Zucker noch mit sechs weiteren...Foto: Thilo Rückeis

Monika Zuckers Augen sind feucht, aber sie will Fassung bewahren. Ihr kleines Geschäft mit dem Traditionsnamen „Juwelier E. Weiss“, den ihr Ur-Großvater 1910 eröffnet hat, die Eltern übernahmen und dann eben Monika Zucker und ihr Mann Christian, wird es spätestens ab Dezember 2014 nicht mehr geben. Die Zuckers werden die nächste Mieterhöhung nicht mehr zahlen können - ebenso wenig wie das Geschäft direkt neben ihnen, das auch zu dem großen Haus am Teltower Damm 19 gehört. Auch der Schreibwarenladen „Antkowiak“, eine uralte Zehlendorfer Institution, macht dicht. Damit stirbt am Teltower Damm in Zehlendorf Mitte ein stolzes Stück Familiengeschichte im Einzelhandel. Beide Geschäfte sind bei den Kunden beliebt und haben Kultstatus.

Eine mehr als hundertjährige Tradition geht zu Ende. Bald ist letzter Ladenschluss beim Juwelier und beim Schreibwarenhändler.
Eine mehr als hundertjährige Tradition geht zu Ende. Bald ist letzter Ladenschluss beim Juwelier und beim Schreibwarenhändler.Foto: Thilo Rückeis

Der Vorsitzende des Heimatmuseums und ehemalige Stadtrat Klaus-Peter Laschinsky kann einiges über das Haus und den Laden Antkowiak sagen: "Das Grundstück gehörte seit 1809 der Familie Haupt, wurde von ihr um 1900 parzelliert und die Einzelflächen verkauft. Eine ging an den Schuhmachermeister Gericke, der im an dieser Stelle noch vorhandenen Bauernhaus seinen Laden eröffnete. Das Geschäft lief so gut, dass er 1910 den Bau des heute noch markanten Wohnhauses Teltower Damm 19 durch die Architektengemeinschaft Theodor Bastian & Fritz Kabelitz, die nach der Jahrhundertwende viele, heute unter Denkmalschutz stehende Bauten errichtete, bezahlen konnte. Seit dieser Zeit ist auch Antkowiaks Fachgeschäft für Büro- und Schreibwaren hier ansässig."

Beste Lage. Direkt an der Fußgängerampel und mitten am Teltower Damm. Insgesamt hat der Eigentümer fünf Geschäfte an der Straße vermietet.
Beste Lage. Direkt an der Fußgängerampel und mitten am Teltower Damm. Insgesamt hat der Eigentümer fünf Geschäfte an der Straße...Foto: Thilo Rückeis

Laschinsky erinnert sich auch an eine ganz persönliche Episode: "Antkowiak war eine Zehlendorfer Institution. Ich erinnere mich an eine Begebenheit aus dem Jahre 1963: Mein früherer Ausbildungsleiter im Rathaus Zehlendorf, Klaus Ziegler, legte den damaligen Dienstanwärtern eine Bauakte in Sütterlinschrift vor und bat, daraus vorzulesen; ein untauglicher Versuch, denn wer von den jungen Menschen kannte diese Schriftart. Also riet er allen, sich in der Mittagspause eine Vorlage mit diesen spitzen Zeichen zu besorgen. Wo? Natürlich hatte das gegenüber dem Rathaus gelegene Schreibwarengeschäft Antkowiak ein solches Blatt!"

Eltern bestellen hier für das jeweils neue Schuljahr

Jetzt, im Juni 2013, steht Marc Dreher an einem Donnerstagnachmittag hinter seinem kleinen Verkaufstresen und seufzt. Er hat das Schreibwarengeschäft vor zwölf Jahren von der Familie Antkowiak übernommen und versucht, die Tradition fortzusetzen, innerhalb von wenigen Minuten kommen laufend Leute herein, kaufen Zeitungen, Schreibwaren, Hefte oder spielen Lotto. Der Laden läuft schon, vor allem zahlreiche Eltern bestellen hier traditionell die Schulsachen für das jeweils kommende Schuljahr für ihre Kinder - aber es laufe "eben nicht so gut, um 100 Euro pro Quadratmeter Miete zu zahlen", sagt Dreher. Und man versteht jetzt sein Seufzen.
Peter-Ingolf Gericke ist gemeinsam mit seinem Bruder Jens-Michael Eigentümer des Hauses Nummer 19, das an der besten Stelle des Teltower Damms verortet ist, man könnte fast sagen, es stellt den Mittelpunkt dar, weil gleich gegenüber das Rathaus ist und die Kirchstraße beginnt.

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Monika und Christian Zucker in ihrem Laden am Teltower Damm.Weitere Bilder anzeigen
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14.06.2013 15:03Monika und Christian Zucker in ihrem Laden am Teltower Damm.

Peter-Ingolf Gericke sagt, er musste das Haus sanieren und den Denkmalschutz dabei berücksichtigen, das sei sehr teuer gewesen. Zu seinem Noch-Mieter Marc Dreher sagt er: "Wenn er bleiben will, dann kann er das, ich habe nichts gegen ihn, er zahlt immer pünktlich seine Miete." Gericke sagt natürlich nichts über die kommende Mieterhöhung, und er deutet auch nur an, dass er mit der Familie Weiss eine juristische Auseinandersetzung hatte, die beide Parteien bis zum Bundesgerichtshof führte. Er hatte den Zuckers die Wohnung über ihrem Laden wegen Eigenbedarfs gekündigt. Gericke erklärt, sein Bruder in München sei krank und werde bald nach Berlin kommen, weil sich hier die Familie um ihn kümmern könne. Deshalb brauche er diese Wohnung. Die Zuckers haben hier schon ewig gewohnt, hatten sogar die Hausmeisterstelle inne, und zuvor lebten die Eltern darin. Auch einer der beiden Kinder der Zuckers wurde in der Wohnung geboren.

Bis zu 120 Euro pro Quadratmeter Gewerbefläche

Allerdings ist auch das gesamte Haus und somit die Gerickes selbst Teil einer eigenen langen Familiengeschichte, wie Klaus-Peter Laschinsky bestätigen kann. Gerickes, Antkowiaks und die Familie Weiss kannten sich gut. Alle drei Familien gehören im Grunde zu diesem Haus - denn sie haben hier Geschichte geschrieben. Aber nur mit Geschichte und Tradition, sagt Gericke, könne man heutzutage nicht mehr wirtschaften. Tatsächlich gehört der Teltower Damm zu den kaufkräftigsten Straßen Berlins. Während man etwa am Tempelhofer Damm 20 bis 30 Euro Gewerbemiete pro Quadratmeter zahlt, liegt der Teltower Damm nach Expertenansicht bei 50 bis 75 Euro. Allerdings werden in der Straße mittlerweile längst schon zwischen 100 und 120 Euro genommen. Ein Insider sagt, 110 Euro seien schon "normal". Für kleine Familienbetriebe nicht zu schaffen.

Dreher sagt, er mache Gericke keinen Vorwurf. Er habe auch noch andere Standbeine. Für Familie Zucker, mit einer Tochter und einem Sohn, ist es schwieriger, "unsere Existenz hängt an diesem Laden", sie sagen: Gericke habe es darauf angelegt, sie rauszubekommen. Der Eigentümer weist das zurück. "Wenn ich hier alles ausräumen muss, dann werde ich erst begreifen, wie sehr ich wirklich an dem Geschäft hänge", sagt Zucker zum Abschied, und ihre Augen sind wieder feucht.

Der Autor ist Redakteur für besondere Aufgaben im Tagesspiegel. Der Text erscheint auf dem Zehlendorf Blog, dem Online-Magazin dieser Zeitung.

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