Mit 70 Jahren: Von Zehlendorf nach Schöneberg : Dorthin, wo das Leben tobt!

50 Jahre hat unsere Autorin in Zehlendorf gelebt. Mit 70 Jahren hat sie dann beschlossen, dass es Zeit für eine Veränderung ist. Und so zog sie nach Schöneberg, in die Stadt, von 110 auf 57 Quadratmeter. Hier schreibt sie, warum das eine gute Entscheidung war.

Ingrid Gerds
Unsere Bloggerin Ingrid Gerds und ihr geliebtes Fahrrad. Oft kommt sie noch von Schöneberg zu Besuch nach Zehlendorf.
Unsere Bloggerin Ingrid Gerds und ihr geliebtes Fahrrad. Oft kommt sie noch von Schöneberg zu Besuch nach Zehlendorf.Foto: privat

Fast 50 Jahre habe ich an verschiedenen Stellen in Schlachtensee gelebt. Meine beiden Kinder sind dort aufgewachsen, in die Schule gegangen, in die Berufsausbildungen. Und ein wesentlicher Teil meines Lebens hat sich dort abgespielt. Eines Tages waren die Zimmer der erwachsenen Kinder leer. Die Wohnung war groß, zu groß für mich. Also habe ich die leeren Zimmer vermietet an Menschen aus alle Welt, immer wieder andere. Ich fand es schön, auf diese Weise zusammen mit anderen zu leben.

Irgendwann war es genug. Ich sehnte mich nach einer kleinen Wohnung, aber nicht in Schlachtensee. Sondern mehr dort, wo das Leben "tobt". Ich war inzwischen 70 geworden, Zeit für Veränderung.

Ich zog nach Schöneberg, Altbau, Menschen im Haus und draußen. Am Fenster gehen morgens Eltern mit ihren Kindern vorbei, deutsche, türkische, arabische. Sie gehen in den Kindergarten oder in die Schule. Ich habe Kontakt mit Müttern, Vätern, Kindern. Im Hof kam ich ins Gespräch mit einer Mutter aus dem Nachbarhaus, zwei kleine Kinder. Sie und der Vater berufstätig. Die habe ich dann begleitet, ich hatte ja Zeit. In Familien mit kleinen Kindern ist immer wieder "Ausnahmezustand".

Vielleicht gehe ich noch einmal weiter

Aber ich bemerkte auch, wie schnell ich als Radfahrerin von meiner Wohnung in der Stadt war. Um 18 Uhr noch mal eben in 20 Minuten zu Ikea, das war schon toll. Und nebenan der Fahrradladen. Morgens das bedürftige Rad hinein geschoben, nachmittags wieder raus. Für die schnelle Bedienung gibt es auch mal einen Marmorkuchen, den der Fahrradhändler so gerne isst.

Ich habe es nicht einen Tag bereut, in einen anderen Bezirk gezogen zu sein. Aber ich bin natürlich auch gerne zu Besuch in Zehlendorf-Schlachtensee: treffe alte Freunde, habe meine Ärzte nicht gewechselt, sitze am schönen Brunnen am Mexikoplatz, trinke einen Cappuccino im Bahnhof.

Und ich bin froh, schon damals, mit 70 den Wechsel gemacht zu haben. Von 110 auf 57 Quadratmeter. Viele Sachen mussten weg, wurden verschenkt. Damals hatte ich immer einen Korb voll mit Kleinigkeiten (es sammelt sich ja so viel an!) vor das Haus gestellt. Morgens voll, abends leer!

Ich bin heute sieben Jahre älter und die körperlichen Kräfte schwinden. Jetzt habe ich nicht mehr so viele Sachen, wenn es vielleicht in ein noch einmal kleineres Domizil gehen sollte.

In meinem Haus leben außer mir nur jüngere, berufstätige Menschen. Ich fühle mich wohl als Rentnerin unter ihnen. Unter mir wohnt eine junge Familie. Sie haben den Schlüssel zu meiner Wohnung. Wenn sich die Geräusche verändern, schauen sie nach. Der kleine Emil und sein Bruder besuchen mich gerne, ich habe viel schönes Spielzeug. Den Eltern kann ich ab und zu zu einem freien Abend verhelfen.

An meinem 77. Geburtstag vor einigen Wochen haben mir alle Mitbewohner und meine Familie ein leuchtendes orangenes Fahrrad (aus dem Laden nebenan) geschenkt. Damit fahre ich auch in andere Bezirke und sehe mich um, wie andere Berliner leben. Vielleicht gehe ich noch einmal weiter. Zum Glück mit überschaubarem Gepäck!

Die Autorin, 77 Jahre, kommt aus Zehlendorf und lebt in Schöneberg. Der Text erscheint auf dem Zehlendorf Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegels.




Liebe Leserinnen, liebe Leser,

willkommen im Tagesspiegel Steglitz-Zehlendorf. Unsere lokale Plattform ist offen für Debatten, die die Bürger in Steglitz und Zehlendorf bewegen. Auch direkt aus dem Kiez heraus, aktuell, bürgernah und kritisch. Gerne laden wir auch Sie ein, das Portal gemeinsam mit uns weiterzuentwickeln und zu befüllen; auch die gesellschaftlichen Gruppen und Multiplikatoren sind aufgerufen, eigene Diskussionsbeiträge zu verfassen. Wenn Sie Lust haben, eigene Texte zu liefern, oder Anregungen zu kommunalpolitischen Themen haben, schreiben Sie uns gerne an: steglitz.zehlendorf@tagesspiegel.de

Ihr Team von Tagesspiegel Steglitz-Zehlendorf

7 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben