Nach der Wahl: Warten auf die große Pflegereform : Warum Herr Neumann Magerkost wählen musste

Die Politik hat viel versprochen, aber viele Jahre schon warten wir auf umfassende Veränderungen in Sachen Pflege - sagt unser Autor. Hier hat er seine Beobachtungen für den Zehlendorf Blog aufgeschrieben, die er nicht nur am Wahlabend machte.

Christian Petzold
Der Autor, Christian Petzold, ist Jahrgang 1965 und lebt mit seiner Familie in Zehlendorf.
Der Autor, Christian Petzold, ist Jahrgang 1965 und lebt mit seiner Familie in Zehlendorf.Foto: privat

Der Mann, den ich kenne, ist 79 Jahre alt. Nennen wir ihn Herrn Neumann, denn sein richtiger Name tut hier nichts zur Sache. Aber es geht um eine wichtige Sache, und deshalb habe ich diese kleine Beobachtung und mein Gespräch mit dem alten Herrn aufgeschrieben.

Versprochen, nicht gehalten: Die CDU steht noch im Wort

Alles ist so schön hier in Berlin-Zehlendorf, denkt Herr Neumann letzten Sonntag wieder, als er in die Seniorenresidenz kommt. Dieses Mal kommt er als guter Demokrat seiner, wie er es nennt, Wahlpflicht nach. Schon am Eingang die großzügige Empfangshalle, sogar mit Rezeption. Dicke Auslegeware und leise schließende Glastüren. Nichts erinnert an ein Pflegeheim, zunächst… Herr Neumann muss daran denken, dass "Gerontologie" eigentlich "Altengeplapper", na ja, besser "Greisenkunde" heißt.

Na ja, geplappert wird hier nicht, hier geht’s zur Sache, zur Wahlsache. Generell, das hatte er noch am Freitag vor der Wahl gelesen, werden schon heute im Blick auf die Alten zwei Stufen unterschieden. Die jungen Alten (60-80 Jahre) und die Hochaltrigen. In Europa wird es im Jahr 2050 etwa 70 Millionen Hochaltrige geben. Er steht da und wartet, bis er sehr forsch aufgefordert wird, seine Wahlbenachrichtigung vorzulegen. Da ist er, der Geruch, der so typisch sein kann, in solchen Häusern, bemerkt er. Von hinten wird gedrängt. Das Wahllokal ist voll am Sonntagvormittag.

Er hat das Wahlprogramm der CDU gelesen. Insbesondere haben ihn die Aussagen zur Pflege interessiert. Er ist erfreut über die Transparenz dieser Partei. Da finden sich regelrecht wortgleich die Aussagen wider, welche bereits im Wahlprogramm der CDU von 2009 zu finden sind. Das ist ehrlich, das ist offenkundig. Es ist nichts geworden mit den Aussagen von vor vier Jahren. Aber wer erinnert sich auch daran im Zeitalter der Demenz? Wer will sich denn erinnern? Wer fordert ein?

Prof. Dr. Frank Weidner vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung (dip) stellt den bisher Regierenden in Sachen Pflege ein jämmerliches Zeugnis aus. So habe man 2009 grandiose Reformen versprochen, doch nicht Wort gehalten. "Das ist nicht nur unseriös, das ist ein Skandal", sagt Weidner im Interview mit dem Evangelischen Pressedienst (epd), "sie haben in ihrem Koalitionsvertrag 2009 nicht nur eine umfassende Pflegereform versprochen, sondern auch, die Altenpflege attraktiver zu machen, die Pflegeausbildung zu reformieren und die Bürokratie zu bekämpfen. Von alledem ist so gut wie nichts umgesetzt worden." In der ARD sagt Prof. Weidner: "Es wurde versprochen, wir machen eine grundlegende Reform, und die ist nicht gemacht worden!"

Stilllegungsprämie für das Auto?

Herr Neumann hat die Buslinie X 10 genutzt und ist Zehlendorf-Mitte ausgestiegen. Es sind zum Wahllokal nur wenige Schritte. Er ist 79 Jahre alt und bewältigt die Strecke rasch und sicher. Den Bus hat er in der vergangenen Zeit immer genommen, seit er seinen Führerschein abgegeben hat. Er hat es freiwillig getan, wollte nicht warten, bis er dazu gedrängt wird. Von seiner Versicherung bekam er ein belobigendes Schreiben. Ja, so ist zu lesen, es gäbe schon auch Überlegungen zu stark erhöhten Versicherungsprämien für Hochaltrige. Aha, die Risiken steigen. Dann bekommt man vielleicht auch eine "Stilllegungsprämie". Also auch für das Auto…Und was ist noch vorstellbar?

Herr Neumann hat gewählt. Die Sinnfrage ist in der Gesundheitsfrage aufgegangen. Die alternde Gesellschaft sieht sich exponentiell wachsenden Problemen gegenüber etwa in der Finanzierung von Renten, in steigenden Krankheitslasten und Krankheitskosten, in zunehmendem Pflegebedarf, in mittlerweile exzessiver Vereinsamung der Alten, wie auch Johannes Siegrist in Le Monde diplomatique schon 2010 schrieb. Die politischen Antworten sind mager. Herr Neumann hat Magerkost gewählt. Es gab nichts anderes.

Der Autor ist Experte auf dem Gebiet Demenz, Pflege und Alternde Gesellschaft. Er lebt mit seiner Familie in Zehlendorf. Der Text erscheint auf dem Zehlendorf Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegels.




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